Wenn Aliens über Nacht verschwinden: Bürgerinitiative kämpft für Kunst aus der Zeit des Sozialismus

Foto: Jklamo, Wikimedia CC BY-SA 3.0

Es ist ein Kampf gegen die Zeit. In Tschechien verschwinden seit Jahren Skulpturen aus dem öffentlichen Raum. Weil sie in den 1970ern und 1980ern entstanden sind, hält sie kaum jemand für erhaltenswert. Sie gelten nicht als Kunstwerke, sondern als Abfallprodukte einer unliebsamen Epoche. Seit einigen Jahren versucht der junge Bildhauer Pavel Karous die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, was Prag auf diese Weise nach und nach verloren geht. Sein umfangreiches Kartierungsprojekt trägt den Namen „Vetřelci a volavky“ – „Aliens und Reiher“.

Brunnen auf dem Platz Jiřího z Poděbrad (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Er ist flach, grau, und mit Graffitis überzogen. Der Brunnen befindet sich mitten auf dem Platz Jiřího z Poděbrad zwischen den Stadtteilen Vinohrady und Žižkov. Auf den ersten Blick ist er gar nicht als solcher zu identifizieren. Und die Meinungen der Anwohner über ihn sind gespalten:

„Der Brunnen bleibt, weil wir dafür gekämpft haben, dass er hierbleiben kann. Er gehört hierher, nicht nur Bänke und ein Baum neben dem anderen, so dass gar kein Platz mehr ist, um sich hinzusetzen.“

„Der gefällt mir überhaupt nicht, kein bisschen. Der Park hier ist ganz schön, aber der Brunnen? Wenn man hier aufgewachsen ist, dann hat man ja vielleicht irgendeine Beziehung dazu. Aber wenn man hierhergezogen ist? Mir gefällt er nicht, er passt einfach nicht hierher.“

Herz-Jesu-Kirche (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Es ist doch egal, ob ihn die Kommunisten errichtet haben oder sonst irgendjemand. Der Brunnen sollte hierbleiben.“

„Mir gefallen Brunnen als architektonisches Element, aber wenn man diesen hier durch einen geschmackvolleren ersetzen würde, hätte ich überhaupt nichts dagegen.“

Bleibt er nun oder muss er weg? Das steht noch nicht fest. Vor zwei Jahren gab der dritte Prager Stadtbezirk bekannt, den Platz von Grund auf neu gestalten und begrünen zu wollen. Dominiert wird er von der monumentalen Herz-Jesu-Kirche des slowenischen Architekten Jože Plečnik aus dem Jahr 1932. Die Bewerbung zum Unesco-Weltkulturerbe ist das erklärte Ziel. Der Brunnen stört dabei, das glauben zumindest die Stadtväter. Doch die Anwohner begehren auf. Zu den Organisatoren des Protests gehört Pavel Karous.

Pavel Karous (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Der Grund, warum der Brunnen entfernt werden soll, ist seine Hässlichkeit - um mit den Worten der Stadtvertreter zu sprechen. Sie sagen, es sei ein Fall von hässlichem, sozialistischem Brutalismus. Aus kunsthistorischer Sicht ist das Unsinn, es gibt nämlich keinen kapitalistischen Brutalismus, somit kann es auch keinen sozialistischen Brutalismus geben. Das ist ein internationaler Stil, der für Architektur verwendet wird und nicht für die Bildhauerei.“

Pavel Karous weiß, wovon er spricht, denn er ist selbst Bildhauer. Seit Jahrenk kämpft er dafür, dass die künstlerischen Hinterlassenschaften aus der Zeit der sogenannten Normalisierung erhalten bleiben. Einfach ist das nicht.

 U-Bahn-Station Jiřího z Poděbrad (Foto: Aktron, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Wenn sich jemand für den Brunnen einsetzt, wird er sofort als Kommunist beschimpft, weil er ja für einen – in Anführungszeichen – kommunistischen Brunnen eintritt. Das Paradoxe daran ist aber, dass dieser Brunnen 'Vereintes Europa‘ heißt. Er stammt aus dem Jahr 1980, ist völlig abstrakt und verkörpert kein einziges Attribut des realistischen Sozialismus. Kein roter Stern, keine Arbeiterklasse, kein Hinweis auf die kommunistische Ideologie, nichts. Ganz im Gegenteil, der Brunnen entstand in Anlehnung an ein Wandbild im Eingang der benachbarten U-Bahn-Station Jiřího z Poděbrad, der nach dem König Georg von Podiebrad benannt ist. Das heißt, nach Ideen des letzten böhmischen Königs.“

Georg von Podiebrad
1462 entwarf der Georg von Podiebrad einen Föderationsplan und schickte Diplomaten aus, die Herrscher in ganz Europa zur Zusammenarbeit bewegen sollten. Das Projekt scheiterte, doch Georg von Podiebrad gilt heute als Vordenker. Dass ein Kunstwerk, das diese frühe Vision der europäischen Einigung abbildet, heute als sozialistisch gebrandmarkt wird, bedauert Pavel Karous. Der Brunnen ist nicht der einzige Fall, der in eine ganz falsche politische Ecke gesteckt wird, sagt der 36-Jährige. Andererseits:

„Was mich an den Kunstwerken fasziniert, sind auch die unterschiedlichen Perspektiven darauf. Die Mehrheit der Journalisten und der Allgemeinheit halten sie für Beispiele des sozialistischen Realismus, was nicht richtig ist, denn der sozialistische Realismus endete um 1956. In den 1970er und 1980er Jahren findet man ihn nur noch sehr selten, nur Armee- oder Parteigebäude sind noch damit geschmückt, aber eigentlich ist er fast verschwunden.“

Übrig geblieben sind Statuen, Obelisken und abstrakte Formen. Sie stehen in Wohngebieten, auf Spielplätzen oder an Straßenkreuzungen. Bildhauer Pavel Karous ist seit jeher daran interessiert, wie seine Vorgänger gearbeitet haben. Doch in der Schule oder an der Universität war nichts von den Dingen zu hören, von denen die Prager im Alltag umgeben sind. Karous hat deshalb vor einigen Jahren selbst mit der systematischen Erfassung dieser Werke begonnen.

Das Projekt, mit dem die Karous die verschmähten Kunstwerke zurück ins Licht der Öffentlichkeit holt, nennt sich „Vetřelci a volavky“ – Aliens und Reiher. Doch was ist darunter zu verstehen?

Foto: Film „Vetřelci a volavky“
„Als wir damit begonnen haben, diese Werke im öffentlichen Raum auf irgendeine Art zu kartieren, hat uns die riesige Menge fast erschlagen. Diese Werke sind anonym, sie entstanden im Rahmen von architektonischen Wettbewerben, aber häufig wurden sie gar nicht genauer beschrieben. Wir haben etwa 2000 Fotodokumentationen gesammelt, und damit wir uns darin nicht vollkommen verirren, haben wir Kategorien gebildet, denen wir dann Namen gegeben haben. Dabei sind wir einfach danach vorgegangen, was wir gesehen haben, und sind gewissermaßen einer prä-darwinistischen Systematik gefolgt. Ist das Objekt also rund oder eiförmig und verfügt über einen Korpus – dann handelt es sich um einen Alien. Ist es aber ein Wasservogel mit einem eleganten Jugendstilhals – dann ist es ein Reiher.“

Insgesamt 1800 Aliens und Reiher hat Karous bereits erfasst. Sie füllen inzwischen nicht nur eine Website, sondern auch ein Buch. 2013 ist es erschienen und wurde für seine herausragende Gestaltung als schönstes Sachbuch des Jahres ausgezeichnet. Daneben versucht Pavel Karous, in den Medien auf die Kunst am Straßenrand aufmerksam zu machen. Regelmäßig führt er Interessierte auf ‚Sculpure Walks‘ in verschiedene Prager Viertel und Vorstädte. In einigen Fällen konnte er erreichen, dass still und heimlich entfernte Skulpturen wieder zurück an Ort und Stelle gebracht wurden. Doch für viele der Kunstwerke ist es schon zu spät:

Stalin (Illustratiosfoto: ČT24)
„Das ist eine große Tragödie und eine große Schande. Allein nach den Daten, die ich zusammengetragen habe und nachweisen kann – und wahrscheinlich sind es noch mehr –, sind allein in Prag in den letzten zehn Jahren 450 bildhauerische Werke verschwunden. Wir sprechen dabei aber über keinerlei ideologisch behaftete Dinge, denn die verschwanden gleich nach 1989. Gottwald, Stalin oder Lenin sind schon lange fort. Das bedeutet, dass in den vergangenen zehn Jahren, im tiefsten Kapitalismus, 450 Kunstwerke verschwunden sind, und damit bei weitem mehr als im Sozialismus und im Nationalsozialismus zusammen.“

Rauchschacht von Zdeněk Sýkora beim Letná-Tunnel (Foto: Jklamo, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Nur ein einziges Kunstwerk aus der Zeit der „Normalisierung“ wurde in den vergangenen 25 Jahren unter Denkmalschutz gestellt: ein Rauchschacht von Zdeněk Sýkora beim Letná-Tunnel. Pavel Karous hofft, dass die Gesellschaft im Laufe der Zeit einen distanzierteren Blick auf die Kunstwerke am Straßenrand bekommt:

„Die tschechische Gesellschaft wird älter, und damit verschwindet nach und nach dieser vereinfachende Blick auf die Vergangenheit. Oder vielmehr: Man erkennt eher, wie das politische Establishment diese Dinge gerne präsentieren möchte. Früher oder später werden diese Werke zu einem klassischen Retro werden, so wie für die früheren Generationen der Jugendstil oder andere Kunstrichtungen. Es war einfach eine Form der Spätmoderne, und man wird die Werke nicht mehr mit Labels wie ‚sozialistischer Realismus‘ abstempeln, die – wie im Fall des Brunnens – häufig gar nicht korrekt sind. Und ich hoffe auch, dass sich nach und nach die staatlichen Strukturen ändern, die darauf ein Auge haben.“

Eines Tages werden die Werke der „müden Moderne“, wie er sie nennt, zum kunsthistorischen Kanon zählen. Bis dahin sammelt und kartiert Pavel Karous weiter. Dass einige Werke aus der Zeit der Normalisierung nicht im allgemeinen Sinn als schön gelten können, gibt er gerne zu. Doch erhalten bleiben müssen sie trotzdem – als Spuren einer vergangenen Zeit.

Autor: Annette Kraus
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