Wohin verschwindet der Frieden? Performance schlägt Brücke zwischen Vergangenheit und Heute

„Mírotvůrci“ (Friedensstifter)

 „Friedensstifter“ / „Mírotvůrci“ ist eine Collage von Performance, Musik, Videofragmenten und Texten. Sie entstand in Zusammenarbeit von Mitgliedern der Prager Theatergruppe Das Thema / To téma und der Dresdner Sinfoniker. Die musikalisch-dokumentarische Performance hatte ihre Premiere am vergangenen Mittwoch im Off-Programm des Prager Theaterfestivals der deutschen Sprache.

Vor 80 Jahren ist nach langer Zeit der Brutalität und Unmenschlichkeit der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen. Heute sind wir in Europa aber wieder abrupt bedroht von gesellschaftlichen Konflikten, Polarisierung, Rassismus und auch Krieg. Wohin verschwindet der Frieden? Was passiert mit uns? Antworten auf diese Frage sucht eine Performance in der Regie der Prager Theaterkünstler Philipp Schenker und Roman Horák. Die Zuschauer kennen vor allem ihr deutsch-tschechisches Kabarett Das Thema / To téma, ihr neuestes Stück gehört aber zu einem anderen Genre. Philipp Schenker:

Markus Rindt | Foto: Paměť národa

„Wir waren sehr frustriert von den politischen Entwicklungen in Deutschland und in Tschechien, und das 80 Jahre nach dem Kriegsende. Dann sagte ich zu Roman: Lass uns etwas Ernstes zu diesem Thema machen. Lass uns Zeitzeugen uns Zeitzeuginnen suchen, die als Kinder von Minderheiten in der damaligen Tschechoslowakei den Krieg und auch Unterdrückung und Verfolgung erlebt haben. Und lass uns eine Brücke in die Jetzt-Zeit schlagen, mit einem internationalen Performer-Team. Nach diesem Kriterium haben wir auch eben neue PerformerInnen und MusikerInnen gesucht. Dann haben wir Markus Rindt, den künstlerischen Leiter der Dresdner Sinfoniker, bei einer Debatte getroffen, er ist selbst Zeitzeuge der Flucht aus der DDR über die Prager Botschaft nach Westdeutschland. Er hat ein tolles, unabhängiges und sehr progressives Orchester, das auch sehr oft interkulturelle Projekte macht.“

Friedensstifter | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Wenn wir vergessen, was passiert ist, bleiben wir unbelehrt

Er sei sehr froh, dass Philipp ihn angesprochen habe, um ein Projekt in dieser Richtung zu machen, so Roman Horák. Das Problem sei wirklich gesellschaftlich sehr aktuell und sehr brisant, findet er:

Friedensstifter | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Es ist ein großes Thema für uns persönlich, weil wir das Gefühl haben, dass eben diese gesellschaftlichen Entwicklungen gefährlich sind. Dass Extremismus auf dem Vormarsch ist und man einfach fremdenfeindlich, aggressiv und verneinend sein kann und das wieder salonfähig geworden ist. Für uns ist das sehr alarmierend. Wir wollen mit unserem Stück ein Zeichen setzen für Werte, für Zusammenarbeit, für gesellschaftliches Verständnis.“

Das Stück basiert auf Gesprächen mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen, die auf eine große Leinwand im Hintergrund projiziert werden. Gesprochen wird auf Tschechisch und auf Deutsch, die Aussagen sind aber dank Untertiteln auch in der jeweils anderen Sprache verständlich. Philipp Schenker:

Friedensstifter | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Wir haben ein sudetendeutsches Ehepaar, beide sind als Kinder im gleichen Haus aufgewachsen. Das sind Ivo und Sieglinde Vendolsky, die in Hessen leben. Dann ist es Ladislav Goral, ein Roma aus der Slowakei, der aber schon mit 14 Jahren nach Prag kam und sich dann in den Dissidentenkreisen bewegte. Er war Musiker, Schauspieler, und nach der Samtenen Revolution war er im Regierungsamt für Minderheitsangelegenheiten zuständig. Dann haben wir Frau Benešová, sie ist Jüdin, und ihre Eltern waren im Widerstand. Sie entschieden, dass sie nicht in den Transport nach Theresienstadt gehen, und flüchteten. Die ganze Kriegszeit über waren sie in verschiedenen Ländern oft in Lebensgefahr, aber haben es dann geschafft, auf eigene Faust zu überleben. Frau Vidláková war als Kind mit ihren Eltern in Theresienstadt, und durch großes Glück konnten alle den Weitertransport nach Auschwitz vermeiden – es war wirklich enormes Glück.“

Aussagen der Zeitzeugen

Der Hauptinhalt komme eben von diesen Zeitzeugen, knüpft Roman Horák an:

„Das sind unsere Story-Teller, sie erzählen die Geschichte. Das war ein recht anstrengender Prozess, weil wir über acht Stunden Videomaterial von den Zeitzeugenaussagen hatten. Wir haben aussortiert und ausgesucht, was das Tragendste und das Berührendste ist. Diese Aussagen haben wir dann in den Kontext der Performer und der Musiker gestellt. Daraus ist letztlich eine Collage aus Video, Bewegungstheater, Musik, Livemusik und Livegesang geworden.“

Friedensstifter | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Die Bühne ist fast leer, und der Raum wird mit Hilfe von drei Podesten variiert. Diese verwandeln sich mal in ein Podium, mal in eine unüberwindbare Mauer, mal in ein Laufband, auf das nicht nur Gepäck, sondern auch Menschen geschleudert werden. Nur wenige Requisiten werden verwendet – wie etwa der Lehm, mit dem einer der Darsteller überschüttet wird, oder ein Koffer, den man wohl bei Deportation oder Flucht aus der Heimat mitnehmen durfte. Die Erlebnisse der Zeitzeugen verflechten sich mit den persönlichen Erfahrungen der Mitwirkenden, die heute mit Rassismus, Unterdrückung oder Krieg konfrontiert sind oder waren. So erzählt etwa eine Sängerin und Schauspielerin der Roma-Minderheit über ihr Bemühen, sich als Künstlerin zu etablieren. Eine ukrainische Schauspielerin aus Mariupol vermittelt einen der bewegendsten Momente der Performance, indem sie ihre Lebensgeschichte schildert.

Musikalisch-dokumentarische Performance

Philipp Schenker erläutert, wie die Struktur der Vorstellung zustande kam:

Philipp Schenker | Foto:  Archiv von Philipp Schenker

„Die wichtigsten Texte sagen die Zeitzeugen in den Videos, und wir wollten ja nicht den Videos konkurrieren. Es geht darum, Kontexte zu schaffen. Da kann man nicht zu viel sprechen, wie in anderen Vorstellungen. Es war wirklich ein Suchprozess, es waren viele Improvisationen, auch viele Übungen. Aber es hat eben auch total Spaß gemacht, weil alle aus verschiedenen Kulturen, aus gemischten Familien kommen. Der Prozess war sehr ehrlich, sehr persönlich, was extrem wichtig war. Darum lebt die Vorstellung, obwohl wir nicht so viel sprechen. Die Erfahrungen und die Geschichten sind in der Bewegung, in den Bildern. Und das macht uns als Team eben auch Spaß.“

Andreas Gundlach ist einer der mitwirkenden Musiker aus Dresden. Er betont:

Murat Coskun | Foto: Yoshi Toscani,  Prager Theaterfestival deutscher Sprache

„Die Szenen, die gespielt werden, sind nicht Illustrationen der Bilder, sondern es sind durch die Bilder angeregte Szenarien, die aber auch offen bleiben, sodass der Zuschauer, die Zuschauerin auch selbst die eigene Geschichte dort vielleicht widergespiegelt findet.“

Das sei auch das Prinzip des Bewegungstheaters, fügt Horák hinzu:

„Dass man das nicht erklärt, sondern dass das anregt, sich selbst in die Situation zu versetzen, damit die Imagination angeregt wird. Aber ich wollte auch noch einmal sagen, dass das wirklich ein kollektiver Prozess war. Jeder hat seine eigene Geschichte eingebracht. Das Team ist sehr international besetzt. Es sind also Philipp Schenker und ich, dann Alisa Zichuk, eine Ukrainerin, die eben aus der Ukraine flüchten musste, die Roma-Sängerin Pavlína Matiová, die bekannte tschechische Sängerin Monika Načeva, der armenische Bewegungskünstler und Clown Arman Kupelyan sowie Andreas Gundlach von den Dresdner Sinfonikern und Murat Coskun, der auch ein fantastischer Musiker ist.“

Die Musik ist eine wichtige Stütze der Aufführung. Eigentlich handelt es sich um eine Improvisation, sagt Andreas Gundlach:

Friedensstifter | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Wir improvisieren tatsächlich jeden Ton von vorne bis hinten, aber haben uns auf Stimmungen festgelegt. Wir haben also zum Beispiel gesagt, an diesem Punkt muss es sehr rhythmisch sein, hier muss es sehr intensiv, aggressiv sein, oder hier muss es sehr zärtlich sein. Je nachdem, wie es entweder zum Bild oder zur Szene passt oder wie es das Bild oder die Szene auch ergänzt. Und da sind wir dankbarerweise durch die Improvisation ganz dicht in diesem Prozess, sodass wir auch selbst sehr spannungsgeladen sind.“

Es gebe vor allem sehr viele Perkussionsinstrumente, fährt Grundlach fort:

„Murat hat einen türkischen Hintergrund und nutzt also ganz viele Instrumente, die ich nicht benennen oder aussprechen kann. Es sind Rahmen, Trommeln, viele Klangschalen und ganz viele für mich unkonventionelle Instrumente. Ich sitze hauptsächlich am E-Piano. Also es ist sehr klavierlastig, ich habe aber auch immer mal wieder ein Perkussionsinstrument dabei, ein Akkordeon, eine Melodica, ein Glockenspiel. Obwohl wir nur zwei Musikanten sind, können wir eine ziemlich große Bandbreite abdecken – von Harmonie, Melodie und Rhythmus bis hin zum Gesang, der dann eben von Pavlína kommt, die eine fantastische Sängerin ist.“

„Mírotvůrci“  (Friedensstifter) | Foto: Vojtěch Polák,  Prager Theaterfestival deutscher Sprache

Gib das Böse nicht weiter

Horák schätzt den Improvisationscharakter der musikalischen Begleitung:

„Das ist eine spannende Sache für uns in der Kreation, weil wir auch in den Szenen nicht alles absolut fixiert haben. Es gibt also Momente, die sind stichpunktartig in einer Abfolge fixiert, aber dazwischen reagieren wir auf die Musik, oder die Musik reagiert auf uns. Der Zuschauer sieht und hört, dass es sich um etwas handelt, das jetzt gerade entsteht. Und auf der anderen Seite steckt da viel Arbeit dahinter, eben mit den Geschichten, mit der ganzen kompletten Struktur, wie man diese Geschichte im Sinne einer Aussage herüberbringt, die zeitgenössisch ist. Es ist wirklich eine Brücke in die Jetzt-Zeit. Wenn wir vergessen, was passiert ist, bleiben wir unbelehrt, und wir können nicht weitergehen.“

Andreas Gundlach | Foto: Andreas Neuthe,  Prager Theaterfestival deutscher Sprache

Andreas Gundlach fügt hinzu:

„Wir konnten jetzt mit dem Publikum über die Generalprobe sprechen und haben mehrfach die Rückmeldung gekriegt, dass es zum Weinen anregt. Dass aber trotzdem nach dem Ende der Vorstellung das Gefühl von Hoffnung bleibt.“

In hohem Maß ist diese Wirkung den Zeitzeugen zu verdanken, in deren Aussagen trotz des tragischen Inhalts kaum Erbitterung erklingt. Einer von ihnen sagt auch den letzten Satz der ganzen Vorstellung, der die Botschaft des Stückes trägt. Roman Horák schließt:

„Es ist so einfach, dass es eigentlich sehr banal klingt. Aber in dieser Einfachheit ist es auch irgendwie enthalten. Ich zitiere: ‚Das Böse, das dir im Leben wiederfuhr, gib es nicht weiter‘.“

Die nächste Aufführung findet im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtage statt – und zwar am Sonntag, 16. November, um 19 Uhr im Saal Hraničář in Ústí nad Labem. Weitere Vorstellungen in Tschechien und Deutschland sind für das kommende Jahr geplant.