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Das Nationale Technikmuseum ist die größte Institution in Tschechien, die sich auf Museumssammlungen technischer Art spezialisiert hat. Es befindet sich im siebten Prager Stadtbezirk nahe dem Letná-Park in einem eigens zu diesem Zweck errichteten Gebäude. Es wurde 2013 fertiggestellt.

Nach Vorbild von Náprstek: Museum zeigt brandneue Fabrikate der Gegenwart

Foto: Jolana Nováková,  Tschechischer Rundfunk

Die Geschichte des Museums aber ist viel älter als sein Haus, davon zeugt auch dieses Chronometer:

Dies ist der Klang einer Uhr der Firma Hainz aus dem Jahr 1884, die zu den Exponaten des Museums gehört. Das Besondere an diesem Zeitmesser ist, dass er seit fast 50 Jahren in jeder Silvesternacht im Tschechischen Fernsehen kurz vor Mitternacht eingeblendet wird. So können die Zuschauer die letzten 60 Sekunden vor dem Beginn des neuen Jahres mit herunterzählen. Auf die Anfänge des Museums aber müsse man über Jahrzehnte, ja sogar über drei Jahrhunderte zurückblicken, sagt dessen heutiger Direktor, Karel Ksandr:

Vojtěch Náprstek | Foto: Kristýna Maková

„Das Nationale Technikmuseum hat eine sehr lange Geschichte. Es gehört zu den fünf ältesten Museen seiner Art in der Welt. Seine Anfänge reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück, als der Verein zur Förderung der Industrie in Böhmen gegründet wurde. Im Jahr 1791 fand dann die ‚Erste Industrieausstellung der Länder der Böhmischen Krone' statt, und zwar im Prager Klementinum. Der eigentliche Beginn der Museumsaktivitäten ist auf das Jahr 1862 datiert, in dem Vojtěch Náprstek das erste Industriemuseum gründete. Dieses hatte er aber nicht errichtet, um Artefakte zu sammeln, die ihre Nutzungsdauer schon hinter sich hatten. Sondern er sammelte brandneue Fabrikate der Gegenwart.“

Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Solche Gegenstände seien zum Beispiel die erste Pedalnähmaschine oder der Papinscher Topf, also der Vorläufer des modernen Schnellkochtopfes gewesen, schildert der Museumsdirektor. Die meisten dieser Neuheiten brachte Náprstek von verschiedenen Ausstellungen aus der ganzen Welt mit nach Hause. Der Museumsgründer habe seine Sammlungen jedoch nicht etwa auf ausländische Exponate spezialisiert, sondern auch jede Menge Errungenschaften aus der eigenen, der böhmisch-mährischen Region in seinem Haus untergebracht, betont Ksandr:

Karel Ksandr | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Wir unterscheiden unsere Exponate nicht danach, ob sie aus Tschechien oder aus dem Ausland stammen. Wir sind nicht nur ein Teil Europas, sondern der ganzen Welt. Weil aber die Länder der Böhmischen Krone, die Tschechoslowakei und die Tschechische Republik stets mit an der Spitze der technischen Entwicklung standen, kam eine ganze Reihe von Neuheiten nicht von außerhalb zu uns. Diese wurden vielmehr von hier in die ganze Welt ausgeführt.“

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Ksandr belegt dies mit einem Beispiel:

„Da wäre etwa die Firma Ringhoffer zu nennen, die Bahnwaggons herstellte und sich dabei auf Salonwagen für Könige und Zaren aller Herren Länder spezialisierte. Diese Waggons kamen in Brasilien, Ägypten, Russland, Bulgarien und anderswo zum Einsatz.“

Quelle:  Nationales Technikmuseum in Prag

Für Museumsdirektor Ksandr ist dies ein Beleg dafür, dass die Regionen Böhmen und Mähren – und ab 1918 im Zusammenschluss mit der Slowakei – die technische Entwicklung in der Welt lange Zeit wesentlich beeinflussten. Deshalb sei es nur folgerichtig gewesen, dass man hierzulande dann auch die ersten Ausstellungen über den technischen Fortschritt der damaligen Zeit veranstaltet habe, erläutert der Direktor:

Palais Schwarzenberg | Foto: Kristýna Maková,  Praha křížem krážem

„Von den Anfängen unter Vojtěch Náprstek müssen wir dazu in das Jahr 1908 springen. Auf Initiative von Professoren der damaligen Technischen Hochschule, der heutigen Technischen Universität (ČVUT) in Prag, wurde das Museum in etwa so gestaltet, wie wir es heute noch kennen. 1910 wurde schließlich die erste Dauerausstellung im Palais Schwarzenberg auf dem Burgplatz eröffnet. Heute befindet sich dort die Nationalgalerie. Aber an diesem Ort begann die eigentliche Geschichte des Technikmuseums.“

Museum hat 22 Dauerausstellungen und viele Unterstützer

Quelle:  Nationales Technikmuseum in Prag

Das Museum selbst wechselte danach noch zweimal seinen Sitz. Während des Zweiten Weltkriegs entfernten die Deutschen alle Exponate aus dem Palais Schwarzenberg und ließen sie in ein Gebäude im Stadtteil Karlín überführen. Die Besatzer nutzten den nun freigewordenen historischen Palast wiederum als Militärmuseum. Mit der Errichtung des heutigen Gebäudes des Technikmuseums wurde 1938 begonnen. Daran hatten mehrere tschechische Industrielle ihren Anteil, indem sie viel Geld in den Neubau investierten. Nach Meinung von Karel Ksandr hat sich ein Großunternehmer dabei besonders hervorgetan:

Foto: Ralf Roletschek,  Wikimedia Commons,  CC BY-NC-ND 3.0

„Aus dem Kreis aller Geldgeber würde ich Václav Klement aus Mladá Boleslav (zu Deutsch: Jungbunzlau, Anm. d. Red.) hervorheben. Er war einer der beiden Gründer der Firma Laurin & Klement, aus der der heutige Konzern Škoda Auto hervorgegangen ist. Klement widmete dem Bau des Technikmuseums eine Million Kronen im Wert der damaligen Kriegswährung, und diese Finanzspritze ist bis heute am Gebäude zu erkennen.“

Foto:  Nationales Technikmuseum in Prag

In den Kriegsjahren aber war es schwer, den Museumsbau voranzubringen, denn es fehlte an Material. Trotzdem wurde zum Kriegsende hier das Postministerium untergebracht. Es gibt alte Aufnahmen von einer Paketpost, die sich in der heutigen Halle mit den Verkehrsmitteln befand. In sein eigenes Gebäude zog das Technikmuseum daher erst im Jahr 1948 ein, aber zunächst nur in einige kleinere Ausstellungssäle. Es klingt paradox, doch im eigenen Haus hatte das Museum bis zum Jahr 1990 nur zu einem Drittel das Nutzungsrecht. Die übrigen Räume wurden von verschiedenen Mietern genutzt. Umso mehr freut es Ksandr, heute das gesamte Gebäude beanspruchen zu dürfen. Für ihn ist es ein besonderes Juwel:

Gebäude des Nationalen Technikmuseums | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Das Gebäude ist außergewöhnlich, weil es konkret für den Zweck eines Technikmuseums errichtet wurde. Seine Konstruktion ermöglicht es, dass in jedem Stockwerk auch tonnenschwere Exponate aufgestellt werden können. Und wichtig ist für mich ebenso, dass alle echten Prunkstücke hier an einem Ort untergebracht sind.“

Dank seiner Größe habe das heutige Museum allerhand zu bieten, fährt Karel Ksandr in seinen Ausführungen fort:

Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Das Nationale Technikmuseum hat gegenwärtig 22 Dauerausstellungen. Nicht alle sind aber hier in Prag zu sehen. Eine der Expositionen ist im Zentrum für das architektonische Erbe im westböhmischen Plasy untergebracht. Eine sehr interessante Ausstellung befindet sich zudem im Eisenbahnmuseum in Chomutov. Im Prager Hauptgebäude sind die Exponate auf sieben Stockwerke verteilt. Wir haben drei unterirdische und vier oberirdische Etagen. Das Hauptgebäude hat eine Fläche von 14.000 Quadratmetern. Zur Besichtigung sämtlicher Ausstellungsgegenstände reichen daher nicht nur ein paar Minuten. Dafür braucht man bestimmt eine Woche.“

Josef Gruber | Foto:  Tschechische Akademie der Wissenschaften

An dem Schatz, den das Museum beherbergt, hat eine ganze Reihe von Personen ihren Anteil. Karel Ksandr nennt einige von ihnen:

„In seiner gesamten Geschichte haben sich viele bedeutende Persönlichkeiten um das Museum verdient gemacht. Zuallererst muss Josef Gruber genannt werden. Von ihm stammte bei der Museumsgründung im Jahr 1908 unter anderem die Empfehlung, dass diese Einrichtung nicht ein bloßes Lager von alten Gegenständen werden sollte, sondern ein modernes Museum. Dabei sollte es in erster Linie eine Lehrstätte für die junge Generation sein und ein breites Spektrum an technischen Errungenschaften zeigen. Diesen Grundsatz halten wir bis heute aufrecht. Unsere Sammlungen sind keine Anhäufungen von alten Dingen mit nostalgischer Prägung. Sie beinhalten vielmehr eine breite Palette an modernen Gegenständen nach dem Vorbild von Vojtěch Náprstek. Unlängst haben wir zum Beispiel ein brandneues Škoda-Fahrzeug des Modells Enyaq übernommen. Es stammt aus der ersten Produktionsserie eines kompletten Elektroautos der Pkw-Marke. Wir sehen es also als unsere Aufgabe an, im Museum auch hochwertige technische Errungenschaften zu präsentieren, denen die Gegenwart und gegebenenfalls auch die Zukunft gehört.“

Jan Hozák | Foto: Nationales Technikmuseum in Prag

Als weitere Persönlichkeiten der Museumsgeschichte nennt Ksandr den Museumsdirektor der 1960er und 1970er Jahre, Josef Kuba, sowie zwei seiner Kollegen, die mittlerweile in Rente sind: Zdeněk Rasl und Ex-Kurator Jan Hozák. Josef Kuba habe sich unter anderem darum verdient gemacht, das Prager Haus weltweit bekannt zu machen, so Ksandr.

Exponate von unschätzbarem Wert: Sextant, Salonwagen, Tatra, Sprechpult

Doch welche Exponate sind es vor allem, mit denen das Nationale Technikmuseum bis heute punkten kann? Diese Liste ist lang. Museumsleiter Ksandr versucht trotzdem, einiges davon zu benennen:

Sextanten aus der Herrscherzeit von Rudolf II. | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

„Aus dem Bereich Astronomie möchte ich auf den Sextanten aus der Herrscherzeit von Rudolf II. aufmerksam machen. Mit einem Gerät wie diesem haben wahrscheinlich auch Johannes Kepler und Tycho Brahe gearbeitet. Während seines Aufenthalts in Prag entdeckte Kepler jene Gesetzmäßigkeiten, die seinen Namen tragen. Im Museum haben wir auch den einzigartigen Kaiserwagen von Franz Josef I. aus dem Jahr 1891. Der Kaiser reiste auf längeren Strecken nur mit dem Zug, und zwar in einem Salonwagen, der in der Ringhoffer-Fabrik im Prager Stadtteil Smíchov hergestellt wurde. Von dem Zug mit acht Waggons ist lediglich der Speisewagen des Kaisers erhalten geblieben, und der gehört zu unseren Sammlungen. Es ist ein Schmuckstück von historischer Bedeutung. Der Waggon diente danach noch mehreren tschechoslowakischen Präsidenten, angefangen bei Tomáš Garrigue Masaryk im Jahr 1918 bis hin zu Ludvík Svoboda im Jahr 1965.“

Salonwagen von Franz Ferdinand von Österreich-Este | Foto: Kateřina Uksová,  Nationales Technikmuseum in Prag

Erst danach wurde der Waggon ausrangiert und in die Sammlung des Museums aufgenommen. Dort finden sich indes noch weitere solche Stücke. Einer der Waggons wurde mehrfach für Filmaufnahmen vermietet, informiert Ksandr:

„Der Salonwagen von Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand war zu sehen in dem tschechischen Film ‚Adéla ještě nevečeřela‘ (Adele hat noch nicht zu Abendbrot gegessen, Anm. d. Red.). Und erst vor kurzem wurde er genutzt bei der Neuverfilmung des Klassikers ‚Im Westen nichts Neues‘ in einer französischen Produktion. Zu solchen außerordentlichen Anlässen verleihen wir unsere Exponate unter sehr strengen Sicherheitsvorkehrungen, wozu eine verhältnismäßig hohe Versicherungssumme gehört.“

Lkw vom Typ Tatra T 815 | Foto: Ondřej Tomšů,  Radio Prague International

Im Technikmuseum trifft man noch auf ein anderes Fahrzeug mit hohem Wert, und das in sporthistorischer Hinsicht:

„Der Lkw vom Typ Tatra T 815 ist einer der berühmtesten Geländewagen überhaupt. Mit ihm hat Rennpilot Karel Loprais dreimal die berühmte Rallye Dakar gewonnen und einmal den zweiten Platz belegt. Mit keinem anderen Lkw ist jemals wieder einem Fahrer eine solche Siegesserie gelungen.“

Foto: Nationales Technikmuseum in Prag

Schließlich möchten wir noch auf ein Exponat aus unserem altehrwürdigen Rundfunkhaus in Prag verweisen. Dazu erläutert Museumsdirektor Ksandr:

„Ein weiteres bedeutendes Ausstellungsstück von hohem Wert ist das Sprechpult des Tschechoslowakischen Rundfunks aus den 1940er Jahren. Von diesem Pult aus wurde kurz vor Kriegsende am 5. Mai 1945 der denkwürdige Aufruf an alle Prager gesendet, das Schicksal ihrer Stadt in die eigene Hand zu nehmen.“

Gebäude des Nationalen Technikmuseums | Foto: Barbora Němcová,  Radio Prague International

Apropos Hände. Heutzutage meinen nicht wenige Besucher, dass sie große und bedeutende Exponate auch anfassen müssten. Dieser Unsitte aber habe sein Museum einen Riegel vorgeschoben, betont Karel Ksandr:

„Wir halten uns zugute, dass wir Originale ausstellen, deren Bedeutung sich jeder bewusst sein sollte. Wir müssen sie für weitere Generationen erhalten, und das nicht nur in ihrer Grundmaterie. Das heißt, auch Details – wie beispielsweise die Lackierung – müssen geschützt werden. Das ist der Grund dafür, dass die Besucher die Gegenstände nicht berühren dürfen.“

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