Zeichnungen und Textbilder – der Maler Jan Smejkal

Offizielle Webseite von Jan Smejkal

Jan Smejkal wurde 1948 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. 1967 begann er, an der Prager Akademie für Kunst, Architektur und Design zu studieren. Ein Jahr später setzte er sein Studium aber an der Städel-Schule in Frankfurt am Main fort. Ab 2000 lebte er in Berlin und leitete zusammen mit seiner Partnerin Ljuba Beránková die Galerie Bleibtreu. Künstlerisch setzt sich Smejkal mit den Themen Zeit, Zeichen, Schrift und Sprache auseinander. Das Zeichnen, die Sprache und die Malerei bilden parallele Welten in seinem Werk. Einige seiner Bilder waren auf der Kunstmesse „Positions“ in Berlin zu sehen. Aus diesem Anlass hat Simona Binko für die Podcast-Reihe „Contemporary Czech Art“ des Tschechischen Zentrums in Berlin ein Interview mit Jan Smejkal geführt. Wir haben die interessantesten Passagen daraus zusammengestellt.

Foto:  Archiv von Jan Smejkal

Herr Smejkal, wo arbeiten Sie eigentlich? Sie haben 20 Jahre lang in Berlin gelebt, jetzt sind Sie nach Tschechien zurückgekehrt. Wie sieht Ihr Arbeitsort aus?

„Ich habe kein Atelier. Zeichnen kann ich überall, auch zum Beispiel beim Autofahren oder im Kino. Alles Weitere mache ich dort, wo es möglich ist. Früher in Berlin gab es sehr viele leere Räume, die man noch nicht einmal mieten musste, um sie zu nutzen.“

Erzählen Sie doch vielleicht mehr über Ihre Zeichnungen…

Foto:  Archiv von Jan Smejkal

„Das hat sich so entwickelt. Ich habe mich immer schon mit Zeichnungen beschäftigt. Dabei war das Zeichnen irgendwie wichtiger als die Zeichnung, obwohl diese natürlich auch ihre Bedeutung hat. Aber es geht um die Bewegung der Hand. Wegen der Anatomie der Hand sind eben bestimmte Bewegungen leichter zu vollführen. Dabei wirken unterschiedliche Einflüsse. Wenn ich im Sommer auf der Straße zeichne, sieht es anders aus als im Winter. Oder beim Autofahren darf man keinen Unfall bauen, und es darf auch nicht auffallen, dass man zeichnet, obwohl dies besser ist, als im Wagen zu telefonieren. Im Kino entsteht wiederum so eine Art Spannung durch die Handlung, die man sieht. All dies beeinflusst die Zeichnung.“

Foto:  Archiv von Jan Smejkal

Kann man sagen, dass dadurch eine Art Tagebuch entsteht?

„Ja, auch. Aber das Ziel ist nicht, mein Leben zu dokumentieren, sondern die Zeichnungen entstehen unter dem Einfluss dieses Lebens.“

Sie malen zudem. Einige Ihrer Bilder waren jetzt auf der Messe „Positions“ zu sehen. Was haben Sie dort ausgestellt?

Foto:  Archiv von Jan Smejkal

„Es sind Textbilder, für die ich Worte oder Fragmente von Sätzen benutze. Der Text entsteht jedoch wie eine Zeichnung, indem ich versuche, so wenig Einfluss wie möglich auf das Visuelle zu nehmen. Dadurch entsteht eine Art Struktur, die ähnlich ist wie ein Stadtplan. Als Betrachter hat man die Möglichkeit, die Texte so zu lesen, wie man möchte. Erst erkennt man vielleicht zwei, drei Sachen, die einem bekannt sind. Dann entdeckt man Sachen, die man vorher nicht gesehen hat. So baut sich für den Betrachter die Geschichte langsam auf. Ich habe auch einen merkwürdigen Umgang mit den Sprachen, denn ich benutze so ziemlich alle Sprachen der Welt, obwohl ich sie nicht spreche. In allen möglichen Wörtern verstecken sich Wörter aus anderen Sprachen. Oder die Wörter haben in unterschiedlichen Sprachen verschiedene Bedeutungen, und jemand anderes versteht etwas anderes. Die Wörter sind aus dem Kontext gerissen, aber es entstehen neue Kontexte.“

Sind diese Gemälde auch eine Art Momentaufnahme, oder entstehen sie über einen längeren Zeitraum hinweg?

Foto:  Archiv von Jan Smejkal

„Manche der Bilder sind tatsächlich fünf, zehn oder zwanzig Jahre alt, andere übermale ich. Die Malerei ist ein Prozess ähnlich wie das Zeichnen, zugleich entstehen aber auch neue Anfänge. Ein Bild ist vielleicht rot, dann kommt ein weißer Text drauf, später wird es mit einer anderen Farbe übermalt und erhält einen neuen Text. Durch die Schichtung der Farben entwickelt sich so etwas wie Malerei. Für mich ist es wichtig, dass es nicht als eine Art postkonzeptuelle Kunst betrachtet wird.“

Verstehe ich das richtig, dass für Sie der Prozess wichtiger ist als das Ergebnis?

Foto:  Tschechisches Zentrum Berlin

„Das ist für mich immer wichtiger, weil es mit mir zu tun hat. Bei den Zeichnungen läuft es etwas anders ab. Sie werden nicht verändert, sondern letztlich gesammelt. Dadurch entsteht so etwas wie eine Bibliothek, durch die man sich aber nicht so einfach hindurchlesen kann. Denn seit 40 Jahren kommen täglich neue Zeichnungen hinzu.“

In der Zeit, in der Sie in Berlin gelebt haben, haben Sie die Galerie Bleibtreu gegründet. Wie kam es dazu?

Foto: Archiv von Jan Smejkal

„Das war zusammen mit Ljuba Beránková. Wir kamen 2000 aus Frankfurt, wo wir alles aufgegeben haben, ohne ein konkretes Ziel nach Berlin. Wir wollten einfach in der Stadt sein, weil sie damals so interessant war. Dann haben wir überlegt, wie wir wenigstens etwas Geld verdienen können. Und weil wir schon immer Kunst gekauft haben, die ersten Werke bereits als Studenten, kamen wir auf die Galerie. Heute ist das unvorstellbar, aber wir haben damals beispielsweise auf der Kunstmesse in Basel von einer relativ wichtigen Galerie ein Kunstwerk gekauft, obwohl wir von Stipendien gelebt haben.“

In der Galerie haben Sie auch tschechische Künstler ausgestellt…

Foto: Archiv von Jan Smejkal

„Weil jeder wusste, dass wir Tschechen sind, gab es in unserem Umkreis immer Sammler, die schon in den 1960er Jahren sich tschechische Kunst angeschafft hatten. Das waren vielleicht Werke von Kolář oder Sykora und ihrer Generation, manchmal auch von jüngeren Künstlern. Meist war es aber die Zeit vor 1968, als die Tschechoslowakei noch eine besondere Rolle innerhalb der sozialistischen Ländern spielte und attraktiv war für jene Leute, die kulturell interessiert waren. Allerdings handelte es sich nicht um die ganz großen Sammler, sondern um Lehrer oder Juristen – Leute, die von der Demokratisierung der Kunst profitiert haben.“

Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Sie in Frankfurt studiert haben?

Foto: Archiv von Jan Smejkal

„Etwa 1967 oder 1968 traf ich zufällig, über Bekannte in Prag, einen Künstler, der dort studiert hatte. Er meinte damals, das sei kein Problem. Weil ich damals noch jung war, habe ich allen Leuten noch alles Mögliche geglaubt. Also dachte ich: Wenn er glaubt, dass das geht, dann mache ich das. Kurze Zeit später marschierten die Russen in die Tschechoslowakei ein, was die Sache beschleunigt hat. Damals hatte ich bereits meinen Pass auf der französischen Botschaft liegen, den ich nur zusammen mit dem Visum abholen musste. Wir sind dann nach Deutschland gefahren. Das geschah in einer besonderen Atmosphäre. Denn für eine kurze Zeit war für uns Tschechen praktisch alles möglich, denn es bestand auf allen Seiten eine extreme Sympathie für uns. Viele Leute haben damals geholfen. Es war einfach schick, Tscheche zu sein. Das hat aber nicht lange angehalten…“

Foto:  Archiv von Jan Smejkal

Contemporary Czech Art in Berlin“ ist eine Podcast-Reihe des Tschechischen Zentrums Berlin zur zeitgenössischen Kunst in Zeiten von Corona. In Interviews werden dabei Künstlerinnen und Künstler mit Wurzeln in Tschechien und/oder der Slowakei vorgestellt, die schon länger oder erst kurz in Berlin leben. Radio Prag International bringt in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Berlin einige der Interviews.

https://www.soundtier.com/czech-contemporary-art-in-berlin/ccaib-jan-smejkal

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Autoren: Till Janzer , Simona Binko
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