Zur Behandlung über die Grenze – für viele Tschechen ein Luxus

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Vor knapp einem Jahr hat die Europäische Union die Rechte von Patienten bedeutend erweitert. Seitdem können sie sich auch in einem andern EU-Land behandeln lassen. Im tschechisch-deutschen und tschechischen-österreichischen Grenzgebiet haben die Menschen begonnen, diesen Vorteil zu nutzen. Doch bisher geht es fast nur in eine Richtung.

Václav Bruna  (Foto: Archiv von Václav Bruna)
Insgesamt ist es ein Sieg der Verbraucher: Seit vergangenem Jahr können sich Patienten innerhalb der EU auch in einem fremden Land behandeln lassen. Nach jahrelangem Tauziehen trat im April endlich die neue Patientenrichtlinie in Kraft. Auf tschechischer Seite werben nun jede Menge Ärzte um deutsche und österreichische Klientel. In grenznahen Städten und Gemeinden entstehen teils ganze Gesundheitszentren. Besonders gefragt sind bisher wohl Zahnbehandlungen. Václav Bruna hat sich zum Beispiel direkt in Dolní Dvořiště / Unterhaid niedergelassen, dort wo früher der Grenzübergang zwischen Tschechien und Österreich war. Gegenüber dem Tschechischen Fernsehen sagte der Zahnarzt:

Christian Schneider  (Foto: Archiv der Kliniken Nordoberpfalz AG)
„Was die Krankenversicherungen ihren Patienten in Österreich nicht erstatten, können wir besser machen – und vor allem sind unsere Tarife um die Hälfte oder zumindest ein Drittel billiger.“

So war es auch zuvor schon gewesen: Wer aus den reicheren Nachbarländern kommt, für den lohnt der Gang in ein tschechisches Behandlungszimmer. Doch wie sieht es andersherum aus?

Die Kliniken Nordoberpfalz werben zum Beispiel in Plzeň / Pilsen mit großflächigen Plakaten. Spitzenausstattung, minimale Wartezeiten und zudem tschechischsprachiges Personal – das sind die Stichworte. Christian Schneider leitet das Projektmanagement der Kliniken Nordoberpfalz AG:

„Wir wollen den europäischen Gedanken umsetzen und nicht darauf warten, bis er sich umsetzt. Wir wollen, dass auf beiden Seiten der Grenze die gleichen Möglichkeiten bestehen. Das heißt, der Deutsche kann nach Tschechien und sich dort die Vorteile holen. Und genauso soll ein tschechischer Bürger nach Deutschland gehen können und dort sagen, dass er zum Beispiel ein Knie-TEP machen lassen möchte. In Tschechien ist derzeit die Gesundheitsversorgung noch sehr zentralistisch. In Pilsen oder Prag bestehen keine Probleme. Aber etwa in Cheb oder insgesamt im westlichen Grenzbereich des Landes ist die Versorgung unserer Meinung nach nicht optimal. Und da wollen wir eben eine Möglichkeit bieten, dass die tschechischen Bürger auch zu uns kommen.“

2000 Euro draufzahlen

Foto: Tomáš Adamec,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
Wie in Deutschland können auch die Patienten in Tschechien um eine Kostenrückerstattung durch ihre Krankenkasse bitten. Und das nicht nur, wenn sie im Urlaub akute Probleme haben, sondern auch wenn sie gezielt einen Arzt im Ausland aufsuchen. Die weitaus größte Kasse hierzulande ist die VZP, die Všeobecná zdravotní pojišťovna, also die Allgemeine Krankenkasse. Oldřich Tichý, Sprecher der Kasse mit fast sechs Millionen registrierten Klienten:

„Bei der sogenannten geplanten Gesundheitsversorgung im Ausland handelt es sich um Fälle, bei denen die Versorgung nicht zuvor mit der Krankenkasse abgesprochen und vereinbart ist. Die Kassen in Tschechien erstatten allgemein die Kosten für Behandlungen, die im Leistungskatalog vorgesehen sind. Dies geschieht bis zu einer Summe, die den Kosten für die Leistung in Tschechien entspricht.“

Klinikum Tirschenreuth  (Foto: Archiv der Kliniken Nordoberpfalz AG)
Und in den Kosten liegt das Problem. Für die Menschen in Westböhmen böte sich durchaus die Fahrt in die Oberpfalz an. Von Cheb / Eger nach Waldsassen sind es zum Beispiel nur sieben Kilometer. Und von Mariánské Lázně / Marienbad nach Tirschenreuth fährt man auch nur etwa eine halbe Stunde mit dem Auto. Hier wie dort gehört das Krankenhaus zu den Kliniken Nordoberpfalz. Wie Christian Schneider sagt, könne man ein europäisch zertifiziertes Prothetikzentrum bieten, zudem bestünden keine Wartezeiten und die Vor- und Nachbehandlung ließe sich in Tschechien abwickeln. Doch am Beispiel einer sogenannten Knie-TEP, also des kompletten Ersatzes eines Kniegelenks, wird klar, wie die Realität aussieht:

„Unser größter Nachteil ist natürlich der Kostenunterschied zwischen den beiden Ländern, weil die Krankenkassen im Regelfall nur die tschechischen Preise zahlen. Und das bedeutet für den Patienten, dass er bei einer Knie-TEP rund 2000 Euro draufzahlt. Es besteht aber noch eine weitere Möglichkeit, das ist das Formular E 112. Das kann jeder tschechische Patient bei der Krankenkasse beantragen. Wenn also die Wartezeit entsprechend lang ist, bei einer Knie-TEP zum Beispiel ein Jahr, dann kann die Kasse die Vollkostenübernahme genehmigen. Diese Möglichkeit haben wir aber bisher noch nicht nutzen können, weil die Krankenkassen damit sehr restriktiv umgehen“, so Christian Schneider.

Protonenzentrum in München  (Foto: Sasa,  Wikimedia CC-BY-SA 3.0/DE)
Auch der Sprecher der VZP verweist auf die Möglichkeit einer Vollkostenübernahme. Doch bisher betrifft das nur Ausnahmefälle, denn letztlich schauen die Kassen eben doch aufs Geld.

„Falls die Versorgung im Ausland notwendig ist, weil sie in Tschechien nicht angeboten wird, dann kann die Krankenkasse entscheiden, die gesamte Behandlung zu erstatten. Ein Beispiel sind die 20 bis 30 Patienten, die die Allgemeine Krankenversicherung zur Behandlung ins Protonenzentrum nach München geschickt hat“, sagt Tichý.

Das Protonenzentrum in München ist jedoch dafür bekannt, billiger zu sein als entsprechende Einrichtungen in Tschechien.

Tschechische Ärzte wandern ab

Foto: Filip Jandourek,  Archiv des Tschechischen Rundfunks
Seitdem die Europäische Patientenrichtlinie gilt, hat die VZP insgesamt 1405 Anträge auf Kostenrückerstattungen erhalten, über eine Gesamtsumme von knapp drei Millionen Kronen (110.000 Euro). Nur 169 der Anträge betrafen aber Deutschland. Oldřich Tichý:

„Der Anteil der sogenannten geplanten Gesundheitsversorgung an den Kostenrückerstattungsanträgen ist bisher nicht hoch. Es sind maximal einige Dutzend Fälle. Allerdings ist ein gewisser Anstieg zu erkennen.“

Illustrationsfoto: Barbora Kmentová
Dabei ist das Interesse tschechischer Patienten durchaus vorhanden, wie Christian Schneider sagt:

„Wir haben sehr viele Anfragen: 40 bis 50 pro Monat. Doch die meisten sagen dann wegen des Preises ab. Das ist auch ok, denn es besteht teilweise ein hoher Preisunterschied. Bisher haben wir sechs Patienten behandelt. Das waren ganz verschiedene Fälle, vom MRT bis zur Leisten-OP.“

Dennoch setzt die Kliniken Nordoberpfalz AG darauf, dass auch die Krankenbehandlung in Zukunft über die Grenze hinweg stattfinden wird – und das in beide Richtungen. Dazu müssten sich aber die Preise auf beiden Seiten nivellieren, sagt Christian Schneider. Das bedeutet auch höhere Löhne für Krankenhausärzte in Tschechien.



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„Sie verdienen nur einen Bruchteil von dem, was sie hier in Deutschland erhalten. Die Lohnerhöhung ist ein wichtiger Punkt, damit Tschechien auch die Ärzte behalten kann, vor allem die guten, damit diese nicht erst als Niedergelassene nach der Facharztausbildung zurückkommen“, glaubt Christian Schneider.

Tatsächlich wandern jedes Jahr aus Tschechien mehr als 500 Ärzte in andere EU-Länder ab. Und viele von ihnen gerade nach Deutschland, wo die Löhne teils fünfmal so hoch sind.