Zwei Neuigkeiten in der tschechischen Kinematographie: "Tschechisches Filmzentrum" und Projekt "Film und Schule"

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Der heutige Kultursalon gilt dem Film. Wir wollen uns jedoch keinem konkreten Streifen, Regisseur oder Schauspieler widmen, sondern über zwei interessante Neuigkeiten im Filmbereich berichten. Die erste ist Gründung des sog. "Tschechischen Filmzentrums", die andere dann ein Projekt mit dem Namen "Film und Schule". Mehr erfahren Sie in den folgenden Minuten von Markéta Maurová.

Als Kulturminister Pavel Dostal seine Tätigkeit in der vergangenen Legislaturperiode bilanzierte, führte er als einen seiner größten Misserfolge an, dass es nicht gelungen sei, ein Tschechisches Audiovisuelles Zentrum zu errichten. Es gelang ihm nämlich nicht, das entsprechende Gesetz im Parlament durchzusetzen. Anstatt dieser vom Staat verwalteten Dachorganisation im Bereich der Kinematographie nimmt das "Tschechische Filmzentrum" - eine private Initiative tschechischer Filmproduzenten, bald, genauer gesagt ab September seine Tätigkeit auf. Mit welchem Anliegen diese Organisation gegründet wurde und welche Ziele sie anstrebt, danach fragte ich deren Mitarbeiterin Frau Jana Cernik:

Soweit Jana Cernik aus dem "Tschechischen Filmzentrum", das im September in Prag seine Tätigkeit aufnimmt.


Junge Leute haben wenig Gelegenheit, sich mit qualitativen Filmen bekannt zu machen. Auf Grund dieser Beobachtung, dieser Erfahrung wurde im Kopf von Jiri Kralik das Projekt "Film und Schule" geboren. Jiri Kralik selbst ist ursprünglich kein studierter Filmemacher oder Filmtheoretiker. Er selbst fand seinen Weg zum Film als Amateur, über Kinobesuche und Filmklubs. Im Filmbereich wirkt er jedoch bereits seit 1978. Er ist Kino-Leiter in Uherske Hradiste und Organisator einer der größten und beliebtesten Filmveranstaltungen in Tschechien, der Sommerfilmschule in dieser mährischen Stadt. Mit seinem neuesten Projekt hat er sich vorgenommen, den Weg der Oberschüler zum qualitativen Film zu vereinfachen und zu versuchen, dadurch deren Geschmack und ästhetisches Empfinden zu verbessern.

"Es gibt hier meiner Meinung nach ein riesiges Defizit. Nicht nur darum, weil in ganz Europa bereits zahlreiche ähnliche Projekte realisiert wurden - praktisch jedes Land hat sein Projekt in Bezug auf Film und Bildung, sehr weit fortgeschritten sind Schweden, Italiener, Franzosen und andere. Und wir bleiben dabei ein bisschen zurück. Die Schule ist nicht in der Lage, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass wir in einer audiovisuellen Ära leben und dass junge Leute auf sich selbst angewiesen sind, wenn sie sich in dem verworrenen Angebot orientieren wollen. Die Schule hilft den Studenten im Bereich der Literatur. Man verrät ihnen, welche Dichter und Schriftsteller bedeutend sind, was sie lesen sollten und man hilft ihnen, sich in der Literatur auszukennen. Im Bereich des Films fehlt so etwas. Dabei verbringt die junge Generation sicher einen größeren Teil ihrer Freizeit damit Filme im Kino und Fernsehen zu sehen oder Computerspiele zu spielen, als Bücher zu lesen."

Die Lage der Zuschauer wird nach Jiri Kralik noch dadurch erschwert, dass sie einer massiven Werbung ausgesetzt sind, die nicht besonders qualitative Filme durchsetzt. Mit seinem Projekt will er aber keinesfalls in den Unterricht selbst eingreifen und die Studienpläne ändern. Wie stellt er sich also das Projekt "Film und Schule" vor?

"Die größte Rolle sollen die sog. Erziehungszyklen spielen, d.h. Projektionen für Oberschüler, die ausschließlich nach dem Unterricht, in den Nachmittagsstunden stattfinden und möglichst zugänglich sind. Es wäre ideal, wenn sie völlig kostenlos sein könnten, da junge Leute die Ausbildung selbstverständlich kostenlos erhalten sollen. Im Rahmen dieser Projektionen sollen Filme aus dem sog. "Goldenen Fonds der tschechischen und Weltkinematographie" vorgestellt werden. Diesen Fonds gibt es schon. Im Laufe der vier Jahre, während der ich an diesem Projekt gezielt arbeite, gelang es, einen Fonds der inländischen Kinematographie und einen Fonds der Weltkinematographie zu schaffen. Insgesamt handelt es sich um etwa 220 Filme, die für diese Sonderprojektionen zur Verfügung stehen. Wir haben eine Bedingung, und zwar dass die Studenten in Form einer Einleitung durch einen Lektor, über Internet, Schriftmaterialien oder - im besten Fall - mittels Lehrer im voraus etwas die Filme erfahren."

Geht euch heute "Amarcord" anzuschauen, ihr könnt euch dabei mit Fellini bekannt machen und gleichzeitig einen tollen Film sehen - so etwa soll der aufgeklärte Lehrer seine Schüler inspirieren. Dazu braucht aber auch er selbst gewisse Kenntnisse. Will sich das Projekt also auch auf Pädagogen richten?

"Das möchten wir natürlich auch, allerdings ohne die Lehrer dazu zu zwingen. Wir bemühen uns daher derzeit, spezielle Webseiten zu schaffen, unter dem Namen www.artfilm.cz, wo wir schrittweise einen Vorrat an Informationen zu jenen Filmen aufbauen. Wir wollen, dass auf der Webseite Rezensionen, Kommentare, Bemerkungen und Informationen für Schüler, Lehrer und alle normalen Leute zugänglich sind."

Das Projekt wurde bereits im vergangenen Schuljahr in Uherske Hradiste gestartet und überraschende und positive Ergebnisse gebracht, erzählt Jiri Kralik weiter.

"Wir bieten den Oberschülern in Hradiste jeden Donnerstag um vier Uhr einen dieser Filme an und das Interesse dafür ist erstaunlicherweise ziemlich groß. Bei den Zuschauern handelt es sich um 10-15 Prozent aller Oberschüler, was eine hohe Zahl ist. Manchmal kommen 200 bis 300 Leute ins Kino, um, anstatt sich nach einem harten Schultag zu entspannen, einen relativ anspruchsvollen Film zu sehen. Gleichzeitig gelingt es uns bei der Kultivierung der sog. Schulvorstellungen mit den Schulen zusammenzuarbeiten. Das ist der zweite Teil des Projekts "Film und Schule": Wir wollen, dass die nicht besonders häufigen Kinobesuche, die im Rahmen des Schulunterrichts - vor Weihnachten, zur Zeit der Abiturprüfungen und bei ähnlichen Gelegenheiten - stattfinden, Filmen mit einer gewissen breiteren Dimension gewidmet werden, die im weiteren Unterricht genutzt werden können. Wir bieten dabei vor allem Verfilmungen literarischer Werke an, damit die Lehrer später darauf hinweisen und die Schüler zur Überlegung darüber anregen können, wie gut oder schlecht die literarische Vorlage verfilmt wurde, oder darüber, worin die Vor- und Nachteile der Filmadaptation bestehen."

Soweit Jiri Kralik, Initiator und Organisator des Projekts "Film und Schule". Nachdem das Projekt die Probe in Uherske Hradiste erfolgreich bestand, wird es nun, im kommenden Schuljahr, auch in weiteren Städten Mährens Verbreitung finden. Erst danach wird es in der ganzen Tschechischen Republik realisiert.

Und das war´s für heute in unserem Kultursalon. Auf ein Wiederhören freuen sich Gerald Schubert und Markéta Maurová.