19. Prager Buchmesse „Welt des Buches“: Schwerpunkte Slowakei und Lyrik

Foto: Offizielle Facebook-Seite der Buchmesse

Zum 19. Mal wird am kommenden Donnerstag die Prager Buchmesse „Welt des Buches“ eröffnet. Als Vorspiel findet dazu bereits an diesem Samstag in Prag ein Lesemarathon statt. Das Gastland bei der diesjährigen Buchmesse ist die Slowakei. Der Programmschwerpunkt ist die Lyrik.

Foto: Offizielle Facebook-Seite der Buchmesse
Die Slowakei und die Poesie. Dieser Hauptgast und dieses Hauptthema dominieren das Geschehen bei der Literaturmesse, die vom 16. bis 19. Mai im Industriepalast auf dem Prager Messegelände stattfindet. An der Programmgestaltung zum Thema Lyrik hat sich der Dichter und Verlagsredakteur Petr Borkovec beteiligt. Seine Aufgabe war es, die gegenwärtige Lyrik-Szene in Tschechien vorzustellen:

„Es war eine gute Aufgabe, denn ich denke, dass die tschechische Lyrik heute wirklich viel zu bieten hat. Es stehen eine Menge Autoren zur Auswahl, das Programm kann daher sehr vielfältig gestaltet werden. Es gibt Autoren mehrerer Generationen, die einen sehr unterschiedlichen Zugang zur Poesie haben. Einige betonen die Performance, andere schreiben poetische Texte, die eine enge Beziehung zur Konzeptkunst haben. Es gibt Autoren, die den Text als eine Bedeutungseinheit, aber gleichzeitig auch als eine Toneinheit betrachten. Es scheint mir, dass sich die tschechische Lyrik-Szene in einem natürlichen Zustand befindet, in dem verschiedene Themen, Motive, Strategien und Autorengruppen nebeneinander existieren, die alle miteinander und mit den Lesern kommunizieren. Das ist wesentlich besser als früher. Mein Problem war also, eine Auswahl zu treffen.“

Petr Borkovec im Café ‚Fra’ (Foto: Ondřej Lipár, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
In den letzten Jahren sei das Niveau dichterischer Debüts in Tschechien deutlich gestiegen, betont Borkovec.

„Ich denke, dass ziemlich viel Lyrik herausgegeben wird. Neue Verlage, die nach der Wende entstanden sind, geben neuere Lyrik heraus, die älteren Verlage bleiben bei ihren alten Editionsreihen. Es gibt also mehr Debüts als vor zehn Jahren und es gibt mehr Autoren, die in ihrem ersten Gedichtband bereits eine gewissermaßen fertige Ausdrucksweise gefunden haben.“

Und das mit Erfolg: Nicht nur bei den Verlegern, sondern auch beim Lesepublikum treffe diese Dichtung auf großes Interesse, stellt Borkovec fest.

„Ich bin Dramaturg eines Literaturcafés, in dem in erster Linie Dichterlesungen stattfinden. Ich sehe daher die Situation sozusagen aus dem Zentrum des Geschehens. Mein Eindruck ist, dass besonders das jüngere Publikum erkannt hat, dass Lyrik in Verbindung mit dem Autor etwas Einzigartiges ist. Dichtung live zu erleben, ist eine sehr wichtige Sache. Was das Besucherinteresse bei den Lesungen betrifft, habe ich ein gutes Gefühl.“

Sylva Fischerová (Foto: Archiv Radio Prag)
Eine zwölfstündige Lesung wird bereits an diesem Samstag im Prager Literaturcafé „Fra“ ausgetragen. Es ist eine Art Vorspiel zum Programm bei der „Welt des Buches“:

„Von zwei Uhr nachmittags bis zwei Uhr morgens lesen im Café ‚Fra’ insgesamt 34 Dichter verschiedener Generationen aus ihrem Werk - jeder etwa eine Viertelstunde. Ich wollte Autoren präsentieren, die im Hauptprogramm des Festivals meistens nicht vertreten sind, weil dieses zeitlich begrenzt ist. Die Lesung wird auch durch ein kleines Konzert von Monika Načeva ergänzt, die gerade eine CD mit Songs zu Texten der Dichterin Sylva Fischerová herausgegeben hat.“

Für das Hauptprogramm während der Messe selbst wurden dann Dichter ausgewählt, die verschiedene Arten poetischer Texte und Gruppen repräsentieren.

Jaromír Typlt (Foto: YouTube)
„Ich habe mir gesagt, dass es gut wäre, für die jeweiligen Gattungen gewisse Kuratoren zu finden, das heißt Dichter, die es jeweils genauso machen, ihre Methode aber auch reflektieren. Ein Abend mit dem Kurator Jaromír Typlt behandelt das Thema ‚Poesie und der Ton’, ein Abend mit dem Kurator Ondřej Budeus ist dem Thema ‚Poesie und Performance’ gewidmet. Eine Lesung verbindet Dichter, für die Stadtgänge den Ausgangspunkt für ihre Gedichte bilden – Petr Král, Viktor Špaček und Jakub Řehák. Bei einer weiteren Veranstaltung lesen fremdsprachige Dichter, die in Prag leben. Und bei der Messe werden zudem sozusagen Dichterpaare auftreten, jeweils ein Vertreter der älteren und der jüngeren Generation, die ähnliche Lyrik schaffen. Sie werden lesen und darüber debattieren, was mit der tschechischen Dichtung seit den 1990er Jahren geschehen ist.“

Miroslava Vallová (Foto: des Literarischen Informationszentrums)
Wie bereits erwähnt, ist die Slowakei der Ehrengast der Prager Buchmesse. Die Teilnahme slowakischer Verleger und Literaten wird vom Informationszentrum für Literatur in Bratislava organisiert. Seine Leiterin ist Miroslava Vallová:

„Wir konzentrieren uns bei unseren Ehrengästen bei der Prager Buchmesse auf die neueste Literatur. Zugleich haben wir aber auch an die klassischen Autoren der slowakischen Literatur gedacht. Wir freuen uns unter anderem sehr über das hundertjährige Jubiläum des slowakischen Schriftstellers Dominik Tatarka.“

Das slowakische Literaturzentrum wird im Rahmen von 70 Veranstaltungen, darunter Autorenlesungen, Ausstellungen, Debatten und Wettbewerbe, insgesamt 70 Gäste in Prag präsentieren. 42 davon sind Schriftsteller. Miroslava Vallová hat festgestellt, dass die slowakische Literatur in Tschechien eine Unbekannte ist. Die Sprachbarriere spiele eine immer größere Rolle für tschechische Leser.

Foto: Offizielle Facebook-Seite der Buchmesse
„Slowakische Bücher werden in Tschechien in Übersetzungen herausgegeben. Die meisten Tschechen können die slowakische Originalfassung nicht problemlos verstehen. Das ist schade: Wenn zwei Völker die Möglichkeit haben, gegenseitig die Literatur des anderen in der Originalsprache zu lesen, ist das sehr wertvoll. Durch die Übersetzung – sei es auch die beste Übersetzung – geht immer etwas verloren. Der Prager Buchverlag Fra hat nun eine Anthologie der slowakischen Poesie auf Slowakisch herausgegeben. Das ist ein interessanter Versuch und Durchbruch. Ich bin gespannt, wie tschechische Leser darauf reagieren werden.“

Das Literarische Informationszentrum ist eine Institution, die die Teilnahme slowakischer Verlagshäuser an Buchmessen vermittelt. Es sorgt auch für Übersetzungen slowakischer Autoren in Fremdsprachen:

„Dem Zentrum gehört eine Kommission an, diese fördert finanziell Verleger im Ausland, die slowakische Autoren herausgeben. Seit der Gründung der Kommission im Jahr 1996 sind dank unserem Beitrag 77 Übersetzungen slowakischer Literaturwerke ins Tschechische erschienen. Die tschechische Sprache nimmt somit die Spitzenposition ein. Etwa vier bis fünf Bücher pro Jahr werden ins Tschechische übertragen. Aber in den zurückliegenden zwölf Monaten, also von Mai 2012 bis Mai 2013, waren es wegen der Teilnahme an der Prager Buchmesse sogar 20 Übersetzungen ins Tschechische.“

Foto: Anne-Claire Veluire
Der tschechische und der slowakische Buchmarkt haben sich in der Geschichte gemeinsam entwickelt. Doch seit 20 Jahren gehen die Staaten ihre eigenen, getrennten Wege. Auch die Literaturmärkte haben daher ihre Besonderheiten:

„Sie unterscheiden sich zum Beispiel durch die Höhe der Mehrwertsteuer. In der Slowakei fällt bei Büchern ein Wert von 10 Prozent an, in Tschechien sind es zurzeit 15 Prozent. Es gibt einen großen Unterschied in der Zahl der Leser. In der Slowakei leben fünf Millionen Einwohner. Es lässt sich leicht errechnen, dass der Buchmarkt und seine Kaufkraft beschränkt sind. Die Tatsache, dass in Tschechien zehn Millionen Einwohner leben, bietet die Möglichkeit, das Bücherangebot der Verlagshäuser breiter zu gestalten. Darüber hinaus wird der tschechische Markt noch um slowakische Leser erweitert. Denn die slowakischen Leser lesen und kaufen tschechische Bücher. In der anderen Richtung, also was die Rezeption slowakischer Bücher beim tschechischen Publikum betrifft, gilt dies nicht.“

Foto: Archiv Radio Prag
Die Prager Literaturmesse „Welt des Buches“ stellt an 192 Ständen die Produktion von 339 Ausstellern vor. Rund 700 Gäste aus fast 30 Ländern werden im Begleitprogramm auftreten. Zu den geladenen Schriftstellern gehören etwa der US-amerikanische Autor und häufige Tschechien-Besucher Robert Fulghum oder der britische Schriftsteller Stephen Clarke. Aus den deutschsprachigen Ländern kommen unter anderem Maja Haderlap, Catalin Dorian Florescu, Wilhelm Genazino, Stefan Abermann und Daniella Dill. Deutsche Literatur wird bereits zum siebten Mal in einer Sondersektion der Buchmesse unter dem Titel „Das Buch“ präsentiert.