800 Jahre Geschichte: Schloss Žďár nad Sázavou

Schloss Žďár nad Sázavou

Žďár nad Sázavou / Saar liegt auf der Böhmisch-Mährischen Höhe. Schon um das Jahr 1100 befand sich am Ort des heutigen Stadtzentrums ein Dorf. Mitte des 13. Jahrhunderts entstand zwei Kilometer nördlich eine Zisterzienserabtei. Unter Kaiser Josef II. wurde das Kloster aufgelöst und teilweise in ein Schloss umgewandelt. Am vergangenen Wochenende waren die dortigen Schlossgärten für Besucher geöffnet.

Schloss Žďár nad Sázavou | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Žďár nad Sázavou ist von Prag aus mit der Bahn in etwas mehr als zwei Stunden zu erreichen. Vom Bahnhof fährt ein Bus zum dortigen Schloss. Dieser hält vor dem Eingang in das große Schlossareal. Vom ersten Burghof geht es nach rechts in den Brauereihof und weiter durch das Informationszentrum auf eine Terrasse. Zum Teich Konventský rybník (Konventsteich) sind es nur einige Schritte, und auf linker Seite hinter dem Gebäude des früheren Konvents erstrecken sich die Schlossgärten. Pavel Haluza leitet den Betrieb im Schloss:

Pavel Haluza | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wir befinden uns in den Privatgärten der Familie Kinský, auf dem ehemaligen Klostergelände. Im 13. Jahrhundert errichteten die Zisterzienser hier ein Kloster. Sie ließen den Konvent bauen, die Brunnenkapelle der Jungfrau Maria, die Basilika und nicht zuletzt die Fischbecken. Die Fragmente des ursprünglichen Konvents sind im Garten zu sehen. Die Fischbecken dienen seit etwa 700 Jahren ihrem Zweck. Sie werden nur von Zeit zu Zeit ausgebessert. Wir nutzen sie genauso, wie dies schon vor mehreren Jahrhunderten war.“

„Cronica domus Sarensis“

Die Zisterziensermönche ließen sich in der Regel in der Nähe eines Flusses oder Baches nieder. Oft machten sie Sumpfgebiete urbar. Denn sie kannten sich sehr gut in der Wasserwirtschaft aus, wie sie dies unter anderem im westböhmischen Stift Plasy / Plaß bewiesen haben.

Vom Blockhaus zum Wasserbausystem

Die Gründung des Klosters „Born der seligen Jungfrau Maria“ und der Siedlung Žďár initiierte Přibyslav von Křižanov. Er war Vater der heiligen Zdislava. Die schweren Anfänge des Zisterzienserklosters hat ein Mönch namens Jindřich Řezbář (1242 – nach 1300) in der lateinischen Verschronik „Cronica domus Sarensis“ beschrieben. Zuerst wohnten demnach alle Ordensbrüder in einem Blockhaus. Erst Ende des 13. Jahrhunderts begannen sie, eine Steinkirche zu bauen.

Fischbehälter | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Die Mönche legten hier auch zwei Teiche an: der erste heißt Konventní. Der andere mit dem Namen Bránský liegt heute hinter der Hauptstraße, die am Schloss vorbeiführt. Genau dort ließen sich die ersten Mönche nieder, und erst später zogen sie hierher. Die beiden Teiche waren durch Kanäle miteinander verbunden, dadurch entstand ein erstaunliches Wasserbausystem. Der Zuleitungskanal betrieb die hiesige Mühle, versorgte die Brauerei mit Wasser und auch die Fischbehälter. Die Mönche hatten das gut durchdacht“, so der Verwalter.

Schlossgarten | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Hinter dem Konvent befand sich immer ein Kräutergarten. Dieser ist laut Haluza mittlerweile erneuert worden:

„Zahlreiche weitere Grundstücke gehörten zum Kloster. Dörfer aus der Umgebung zahlten dem Kloster einen Zehnt in Form von Naturalien. Dies beweist auch der große vierstöckige Speicher gleich hinter der Basilika. Im Keller des Speichers wurde Eis gelagert, um das hier gebraute Bier kühlen zu können. Das Kloster war wie eine selbständige Stadt. Die Ordensbrüder lebten hier trotz des rauen Klimas der Böhmisch-Mährischen Höhe in relativer Behaglichkeit.“

Vierstöckiger Speicher | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Kloster und Residenz

Basilika | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Mitte des 15. Jahrhunderts ging das Kloster in den Besitz des böhmischen Königs Georg von Podiebrad über. Er war ein Nachkomme des Klosterstifters. Der König bemühte sich um eine Erneuerung des Areals, das zuvor während der Hussitenkriege geplündert worden war. Eine wichtige Persönlichkeit in der Geschichte des Stiftes war Václav Vejmluva, der 1705 zum Abt gewählt wurde. Pavel Haluza:

„Dank Vejmluva wurde der Architekt Johann Blasius Santini-Aichl nach Žďár gerufen. Er entwarf die Wallfahrtskirche des Heiligen Johannes Nepomuk auf Zelená hora, die auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco steht. Santini-Aichl beteiligte sich zudem am Umbau der Basilika und weiterer Gebäude im Barockstil, darunter auch der alten Prälatur. Die Spuren des namhaften Architekten finden sich hier fast überall.“

Basilika | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Im Zuge der Josefinischen Reformen wurde das Kloster aufgelöst. Im Laufe der Jahrhunderte habe die ganze Herrschaft einige Mal den Besitzer gewechselt, sagt Haluza:

„Meist ging die Herrschaft als Erbe an einen neuen Besitzer über. Wir sprechen zwar von einem Kloster, aber es war fast immer zugleich eine Residenz. Denn für die Besitzerfamilie gab es hier jeweils ein Gebäude, in dem sie wohnen konnte. Es ist also kein typisches Kloster, sondern auch ein Ort weltlicher Macht.“

Schloss Žďár nad Sázavou | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Familie Kinský gehört zu den böhmischen Uradelsgeschlechtern. Jahrhunderte lang siedelte sie auf der Erbdomäne in Chlumec nad Cidlinou /  Chlumetz. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übernahm die Familie auch die Verwaltung der Herrschaft in Žďár. Da die Kinskýs ihre Loyalität gegenüber dem tschechoslowakischen Staat demonstrierten, verhängten später die nationalsozialistischen Besatzer die Zwangsverwaltung über ihr Vermögen. Mit der Machtübernahme durch die Kommunisten im Jahr 1948 wurde das Vermögen einschließlich des Schlosses in Žďár verstaatlicht. Die Familie emigrierte und lebte einige Jahrzehnte lang im Exil.

Sommerprälatur | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Aus dem Exil zurückgekehrt

Schlossgarten | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Radslav Kinský ist in Frankreich zum international anerkannten Wissenschaftler im Bereich Reproduktionsimmunologie geworden. 1992 erhielt er im Rahmen der Restitutionen das Familieneigentum aus den Händen des Staates zurück. Heute sorgen seine Söhne Constantin und Charles Nikolas für die Erneuerung der Residenz in Žďár. Pavel Haluza:

Alpinum | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Constantin Kinský weilt mit seiner Frau sehr oft in Žďár. Sie wohnen hier in der Sommerprälatur. Vorher wohnten dort seine Eltern Radslav und Thamara Kinský. Seine Mutter hat die Umgestaltung dieses Gartens entworfen. Sie liebte besonders das hiesige Alpinum, das wir versuchen, weiter zu pflegen.“

Brunnenkappelle | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Im früheren Paradieshof des Klosters steht die gotische Brunnenkappelle, die die Trinkwasserquelle schützen sollte. Geweiht wurde sie der Jungfrau Maria.

„Nach einem verheerenden Brand im 18. Jahrhundert wurden die Gebäudeflügel abgerissen. Gegenüber – in der Mauer des Konvents – ist bis heute eine Nische zu sehen. Dort befand sich ein Gang, der von der Kapelle ins Kloster führte.“

Ein Teil des Konvents und die Basilika seien genauso wie die Nepomuk-Kirche auf Zelená hora im kirchlichen Besitz, erzählt Pavel Haluza:

Mauer des Konvents | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

„Wir koordinieren unsere Tätigkeit und arbeiten gut mit dem hiesigen Seelsorger Vladimír Záleský zusammen. Es ist beachtenswert, dass sich seit mehr als 100 Jahren eine Schule gegenüber dem Pfarramt befindet. Die Familie Kinský überließ die Schule der Stadt. Sie wird bis heute genutzt. Neben dem Haupteingang ist eine Feuerwehrstation eingerichtet, die von der freiwilligen und der halbprofessionellen Feuerwehr besetzt ist. Man kann sagen, dass wir einerseits aus geistlicher Sicht durch die Fürbitte von Priester Záleský beschützt werden, und andererseits schützt uns aus profaner Sicht auch die Feuerwehr.“

Museum der neuen Generation | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Pavel Haluza empfiehlt den Besuch des sogenannten „Museums der neuen Generation“, das vor einigen Jahren eröffnet wurde. Mit einem Audioführer ausgestattet erlebt man die 800-jährige Geschichte des Klosterareals. Dank vielen multimedialen Elementen wird der Besucher ins Geschehen miteinbezogen.

Museum der neuen Generation | Foto: Martina Schneibergová,  Radio Prague International

Neben dem Besuch des Museums besteht die Möglichkeit, an einer Führung durch das Schloss teilzunehmen.

„Es gibt hier normalerweise zwei Besichtigungsrouten. Dabei werden keine Gemächer gezeigt, sondern die Führung konzentriert sich viel mehr auf die Wirtschaft und vor allem die Architektur, die vielleicht interessanter ist als die Möbelstücke. Bisher ist es wegen der Corona-Maßnahmen nicht erlaubt, Besuchergruppen durch das Schloss zu führen. Aber wir hoffen, dass dies ab Mitte Juni oder Anfang Juli erlaubt wird“, sagt der Verwalter.

Das „Museum der neuen Generation“ auf Schloss Žďár nad Sázavou ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Die Audioführer gibt es in fünf Sprachen, darunter auch auf Deutsch. Mehr über das Schloss erfahren Sie unter https://www.zamekzdar.cz/de.

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