9. Theaterfestival deutscher Sprache: Identitätssuche und zeitgenössische Stücke

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Tschechows "Onkel Wanja" und Lessings "Die Juden" werden das "Theaterfestival deutscher Sprache" umrahmen, das am kommenden Samstag in Prag bereits zum neunten Mal eröffnet wird. Obwohl die Eröffnungs- und die Abschlussvorstellung klassische Werke der Theaterliteratur auf die Bühne bringen, gilt das diesjährige Festival vor allem dem zeitgenössischen Stück. Was auf die Prager Zuschauer von 23. Oktober bis 7. November wartet, erfahren Sie im folgenden Kultursalon von Markéta Kachlíková.

Aus ungewöhnlichen und alternativen Räumen, die es im vergangenen Jahr ausprobierte, kommt das diesjährige deutschsprachige Theaterfestival in Prag in klassische Theatersäle zurück. Zum ersten Mal auch in das historische Gebäude des Nationaltheaters am Moldau-Ufer, in dem das Wiener Burgtheater mit dem Drama Elfriede Jelineks "Das Werk" gastieren wird. Ein glücklicher Zufall oder prophetische Fähigkeiten der Festivalorganisatoren? Schwer zu sagen, was die Festivalleitung veranlasst hat, Elfriede Jelinek, die erst kurz vor dem Festival Nobelpreisträgerin wurde, zu dessen Hauptfigur zu machen. Am 1. November wird ihr der Franz-Kafka-Preis, d.h. der einzige in Tschechien existierende internationale Literaturpreis verliehen. Hoffentlich unter Anwesenheit der Dramatikerin selbst, die ihren Besuch in Prag zugesagt hat. Ein weiterer Ehrengast, der in Prag erwartet wird, ist der 90-jährige Regisseur George Tabori. Und was wird man auf Prager Bühnen sehen können? Darüber habe ich mich mit dem Dramaturg, Herrn Dr. Ondrej Cerny unterhalten:

Bereits zum neunten Mal findet in Prag in diesem Herbst das Theaterfestival deutscher Sprache statt. Haben Sie für das diesjährige Festival ein tragendes Thema gewählt?

"Bei uns ist es immer so, dass wir nicht im Voraus die Themen bestimmen, sondern wir versuchen, die deutschsprachige Bühne zu recherchieren, und dann entwickelt sich irgendein Thema. Natürlich, was unbedingt sein muss, das ist die Qualität der Inszenierung. Erst dann kommt für uns das Thema zur Frage. Als Thema des diesjährigen Festivals kann man eigentlich ganz einfach die Suche nach der Identität, und zwar meistens der nationalen Identität, aber auch der ethnischen Identität oder der menschlichen Identität nennen. Es ist bemerkenswert, dass wir durch drei Inszenierungen einen Blick in diese Suche von drei Ländern werfen. Mit Elfriede Jelinek kommen wir in den Streit über die österreichische Geschichte und österreichische Identität. Durch Fritz Kater und sein erfolgreiches Stück 'We are Camera' kommen wir zu einem Text, der vielleicht bis jetzt am besten die Polarität zwischen Ost und West, zwischen den Ossis und den Wessis in Deutschland arrangiert, entwickelt und kommentiert. Und was man auch als ein Identitätsthema bezeichnet kann, ist natürlich die Dramatisierung von Max Frischs Roman "Stiller" aus dem Jahr 1954, der in der Inszenierung von Lars Ole-Walburg ganz neue Themen, und zwar auch Themen der schweizerischen Identität bearbeitet."

Die Suche nach der nationalen Identität ist ein sehr weites Thema. Sie haben dieses Thema in den zeitgenössischen Stücken gesucht?

"Ja, aber man kann auch sehen, was zum Beispiel den 'Stiller' betrifft, das ist ein Roman, der in seiner Zeit etwas wirklich ganz Hervorragendes war, dann kam er mehr in die Schulen und wurde eine Abiturfrage, und jetzt hat Walburg einen ganz neuen Zugriff zu dieser zeitgenössischen Klassik gefunden. Das bedeutet, das Thema der Identität ist natürlich immanent in vielen Stücken und Stoffen. Es geht aber darum, ob man es in diesem Sinne wirklich thematisiert. Und man kann sehen, dass z. B. für die Generation der Regisseure, die heute vierzig Jahre alt sind, die nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt sind, dieses Thema sehr wichtig ist. Und durch dieses Thema versuchen diese Leute natürlich auch ihre eigene Identität zu suchen."

Im vergangenen Jahr haben wir einige klassische Werke der Theaterliteratur auf der Bühne in Prag in moderner Regiebearbeitung gesehen. Wie ist das in diesem Jahr?

"In diesem Jahr ist es eigentlich das zeitgenössische Stück, was uns packt und interessiert. Wir können das am Werk von Elfriede Jelinek sehen. Es ist aber auch die 'Arabische Nacht' von Schimmelpfennig, eine tschechische Vorstellung, die den Max-Preis gewonnen hat. Es ist natürlich Fritz Kater, Alter Ego von Armin Petras mit dem Text 'We are Camera', Aber es ist eigentlich auch die Adaptation des Romanes 'Stiller'. Sie ist eigentlich ein Stück, das jetzt, ganz up to date entstand. Dazu kommen noch Lesungen von Urs Widmer, und wir können auch den Text 'Herr Karl' nennen. Und dagegen stellen wir 'Die Juden' von Lessing. Das ist etwas, was dramaturgisch gegen die zeitgenössischen Stücke steht, aber im Grunde genommen haben sie viele gemeinsamen Themen und Aspekte."

Eine Theatervorstellung, und zwar "Lamenti" entsteht direkt für das Festival oder im Auftrag des Festivals. Was für eine Vorstellung ist das?

"Man kann vielleicht nicht sagen, sie entstand im Auftrag des Festivals. Es ist so, dass wir recherchiert haben und festgestellt, dass so eine Inszenierung vorbereitet wird. Es ist eigentlich ein unabhängiges Projekt. Sein Genre ist eigentlich eine Kombination von Musik und Theater, es ist ein multimediales Projekt, das mit der Oper und mit dem Musiktheater verknüpft ist. Es ist ein sehr originelles Projekt, das die Musik und alle Theatermittel ganz neu verknüpft, und zwar die Musik, die menschliche Stimme, aber auch den Raum und die Klänge. Das bedeutet, es ist keine Schauspielsache - und ich bin sehr froh, dass wir damit auch in andere Genres kommen. Und zudem ist es, glaube ich, ein Projekt, das ein großes Potential hat, was die internationale Zusammenarbeit und auch die internationale Präsentation betrifft."

Foto: www.theater.cz