Als der Film zu sprechen begann: Die Prager Tonfilmaffäre 1930

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Die wenig erforschten deutsch-tschechischen Filmbeziehungen standen in dieser Woche im Mittelpunkt des Hamburger Festivals Cinefest. Aus diesem Anlass erinnert auch Radio Prag an ein vergessenes Kapitel aus der gemeinsamen Filmgeschichte beider Länder. September 1930: in den Prager Kinos laufen die ersten Tonfilme. In einer Zeit von zunehmendem Nationalismus werden deutschsprachige Tonfilme zum Stein des Anstosses. Kinosäle werden gestürmt, auf den Straßen wird randaliert. Über die Prager Tonfilmaffäre sprach Sarah Houtermans mit der Historikerin Ines Koeltzsch:

„Im September 1930 begann die zweite Saison der Tonfilme in den Prager Kinos. Bereits im Frühjahr 1930 waren die ersten deutschsprachigen Tonfilme gezeigt worden. Die allerersten Tonfilme, die in Prag gezeigt wurden, kamen aus den USA. Man begann sie im Herbst 1929 zu zeigen. Im Frühjahr hat die Filmbranche ganz sachte versucht, dem Publikum auch deutschsprachige Tonfilme vorzustellen. Man hat darüber diskutiert, ob deutschsprachige Tonfilme beim Prager Publikum ankommen.“

Ines Koeltzsch forscht in Berlin und Prag über das Zusammenleben von Tschechen, Juden und Deutschen im Prag der Zwischenkriegszeit. Diese verschiedenen Bevölkerungsgruppen trafen sich im Kino:

„Die Kinos um den Wenzelsplatz herum haben viele deutschsprachige Prager besucht, aber auch Tschechen, die Deutsch verstanden, Prager Juden, die zweisprachig waren und auch viele Touristen. In Prag wurde Deutsch sehr gut verstanden - viel besser als Englisch und Französisch. Deswegen haben sich die Kinobetreiber entschieden, regelmäßig deutschsprachige Tonfilme zu zeigen. Die Filme kamen beim Prager Publikum sehr gut an, wie beispielsweise die Komödie „Zwei Herzen im Dreivierteltakt". Im September 1930 lief dieser Film bereits mehrere Monate. Premiere hatte eine weitere Komödie, nämlich ‚Der unsterbliche Lump’. Dies nahmen vor allem tschechische Faschisten zum Anlass in ihrer Presse und auf Flugblättern gegen die Vorführung dieser Filme zu hetzen und zum Boykott aufzurufen. Tatsächlich passierte es auch, dass sich Ende September eine Gruppe von Faschisten und anderen gewaltbereiten Randalierern versammelten. Sie zogen zu den Premierenkinos am Wenzelsplatz, wo sie gegen die Tonfilmvorführungen protestierten. Es kam zu lauten Zwischenrufen in den Vorstellungen. Nachdem die Kinosäale geräumt worden waren, kam es zu Straßenausschreitungen, die sich über vier Tage hinzogen. Es lässt sich schwer rekonstruieren, wie die Atmosphäre in den Kinosäalen war, aber die Mehrheit des Publikums war wahrscheinlich daran interessiert, die Filme zu sehen. Es waren ja leichte Komödien, es ging um Vergnügen.“

Zeitgleich zu den Krawallen in Prag fanden auch in weiteren Städten der Tschechoslowakei Demonstrationen gegen deutschsprachige Filme statt. Augenscheinlich waren die Proteste organisiert, wer jedoch daran beteiligt war, lässt sich heute kaum noch rekonstruieren:

„Zum einen folgten sie der tschechoslowakischen faschistischen Partei unter Gajda. Es gibt jedoch kaum Angaben dazu, wer die Mitläufer waren. Unter den Verhafteten befanden sich Jugendliche, die von außerhalb kamen, zugereist waren, um sich an der Randale zu beteiligen.“

Die Krawalle richteten sich jedoch nicht nur gegen Kinos:

„Die Boykottaufrufe hatten antisemtische Untertöne. Es gab gleichzeitig anonyme Warnbriefe gegen jüdische Geschäfte, dass sie in diesen Tagen angegriffen werden sollen. Obwohl zu der Zeit schon der Großteil der Prager jüdischen Bevölkerung tschechischsprachig war und sich zur tschechischen Kultur bekannte, wurden sie immer noch als Deutsche wahrgenommen. Die Boykottaufrufe waren einerseits antideutsch, andererseits gab es auch dezidiert antijüdische Rufe während der Demonstrationen, wie dass das Kino keine jüdische Schule sei. Ein weiterer Grund für die antijüdische Dimension war, dass ein Teil der Kinobetreiber jüdischer Herkunft war, wie beispielsweise Oswald Kosek, der Besitzer dreier Premierenkinos am Wenzelsplatz. Obwohl nur ein Teil der Kinobesitzer jüdisch war, wurde in den nationalistischen Interpretationen daraus die Mehrheit, das antisemitische Stereotyp des jüdischen Geschäftsmann, der deutschsprachigen Schund verkauft und sich daran bereichert, kam hier zum Zug.“

Der Beginn der Tonfilmära brachte in der Tschechoslowakei nicht nur Auseinandersetzungen und Krawalle mit sich:

„Die kurze Zeit der Umstellung auf den Tonfilm war sehr spannend und eröffnete Möglichkeiten, die sich Mitte der 30er Jahre mit der Etablierung des NS-Regimes schlossen. 1930 begann man auch in der Tschechoslowakei mit der Produktion von Tonfilmen. Der erste tschechoslowakische Tonfilm ‚Tonka Šibenice / Galgentoni’ basierte auf einer Geschichte von Egon Erwin Kisch. In der Zeit schien also eine deutsch-tschechische Zusammenarbeit im Film möglich zu sein.“

Neben Untertitelungen wurden Filme in der Tschechoslowakei auch in zwei Sprachversionen – deutsch und tschechisch – gedreht, um sie der gesamten Bevölkerung zugänglich zu machen. Einige Schauspieler, wie Hugo Haas oder Vlasta Burian, spielten sogar in beiden Versionen die selben Rollen:

„Das erste und eines der erfolgreichsten Beispiele ist der Film ‚C. a k. Polní maršálek / Der falsche Feldmarschall’. In diesem Film spielt in beiden Sprachversionen Vlasta Burian die Hauptrolle.“

Der Blaue Engel
Auch in der tschechischen Sprachversion von „Der falsche Feldmarschall“ wird deutsch gesprochen – immerhin spielt der Film in der K.u.k.-Armee. Der Anteil tschechischsprachiger Filme war allerdings verschwindend gering, amerikanische und deutsche Filme dominierten auf dem Markt.

„Die Politiker, die nationalistisch agitierten, mussten in ihrer politischen Praxis mit den Folgen rechnen. Die Stadt Prag erhob sehr hohe Steuern gegen die Kinobetreiber, das heißt die Kinos brachten ihnen große Einnahmen. Deshalb mussten sie aufpassen, durch Animositäten gegenüber deutschsprachigen Filmen nicht ihre Einnahmen zu verlieren. Das heißt, auch sie waren von der Vorführung deutscher Filme abhängig.“

Nachdem die Filmbranche für einige Wochen sämtliche deutschsprachige Filme aus dem Programm genommen hatte, lief im Oktober 1930 Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“ im Premierenkino Passage an. Die Vorstellung war ausverkauft. In Prag war damit die Tonfilmaffäre beendet.