Atommülllagerung, die tschechische Krimiszene und ein Eishockeyklub auf Abwegen

Im Hörerforum geht es diesmal um Atommülllagerstätten, die tschechische Krimiszene sowie das Eishockey.

Wie immer haben wir auch in den vergangenen beiden Wochen Unmengen an Postkarten, Briefen und E-Mails von Ihnen bekommen, und wie immer dafür ein großes Dankeschön! Ein besonderer Dank geht natürlich an die fleißigen Schreiber der Empfangsberichte. Stellvertretend für alle, die Radio Prag gehört und darüber einen Bericht verfasst haben, seien an dieser Stelle erwähnt Andreas Konopka aus Benz, Michael Geissler aus Schwaig, Franz Mulzer aus Cham, Thomas Drescher aus Rösrath, Paul Reinersch aus Dudweiler und Uwe Haferkorn aus Tharandt.

Relaisstation im portugiesischen Sines
Im letzten Hörerforum vor zwei Wochen waren die Änderungen der Sendefrequenzen zum Wintersendehalbjahr und die Einstellung der Ausstrahlung über die Relaisstation im portugiesischen Sines ein großes Thema. Diesmal wollen wir uns daher vor allem der Beantwortung von Hörerfragen widmen. Legen wir also gleich los!

Wohl unter dem Eindruck der massiven Proteste gegen die Castortransporte in Deutschland möchte Bernharde Henze aus Köhra von uns wissen, was in Tschechien mit ausgedientem radioaktiven Material geschieht:

„Wo bleibt in Tschechien der ‚berühmte Atommüll’? Wo landen die verbrauchten Brennstäbe und andere verstrahlte Teile aus Temelín? Ein alter Salzstock, ein altes Bergwerk? Wie ist das geregelt?“

In Tschechien gibt es zwei Atomkraftwerke, das in Dukovany in Südwestmähren und das im Ausland wohl bekanntere und berüchtigtere im südböhmischen Temelín. Der radioaktive Abfall der beiden tschechischen Atomkraftwerke wird seit dem Jahr 2002 auf dem Areal des AKW Dukovany gelagert. Die gegenwärtigen Pläne würden eine Lagerung des tschechischen Atommülls für eine Gesamtlaufzeit von 40 Jahren des Kraftwerks in Dukovany sicherstellen. In Anbetracht der Ausbaupläne von Temelín und in Ermangelung eines ausländischen Abnehmers für den tschechischen Atommüll sucht man daher in Tschechien nach einem „Endlager“. Bereits im Jahr 2001 rief die damalige tschechische Regierung die so genannte Verwaltung für die Lagerung radioaktiven Abfalls (SÚRAO) ins Leben, die sechs ihrer Meinung nach geeignete Lagerstätten in geologisch stabilen Gebieten ausgemacht hat. Sie liegen vor allem im Süden und Westen der Tschechischen Republik. Bis zum Jahr 2015 soll eine Haupt- und eine Ersatzlagerstätte ausgewählt werden. Mit einer Inbetriebnahme rechnet man um das Jahr 2065 herum.

Allerdings wehren sich die betroffenen Gemeinden. Seit 2003 fanden fast 30 Referenden statt. Ergebnis war eine eindeutige Ablehnung der Anwohner gegen den Atommüll in ihrer Nähe. Die Kritik der Bürgermeister aus den betroffenen Gemeinden richtet sich außerdem vor allem gegen das Vorgehen der Regierung, die ihnen in der Frage kein Vetorecht einräumt. Mit einer Petition wollen sie daher eine entsprechende Änderung des Atomgesetzes erreichen. Die Angelegenheit dürfte also in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch für Zündstoff sorgen.


Michal Bílek  (Foto: ČTK)
Kommen wir zum Sport. Stephan Kölsch aus Anweiler hat sich über unsere Sendung am 17. November gefreut. An diesem Tag feiert man in Tschechien den Beginn der Samtenen Revolution im Jahr 1989. Herr Kölsch schrieb uns zu unserem Feiertagssonderprogramm:

„Was mir besonders gefallen hat, war der Blick auf die Ereignisse im Herbst 1989 aus der Sicht des Fußballnationaltrainers Michal Bílek. Wer denkt schon daran, was ein Sportler in so einer Zeit denkt und fühlt…“

Michal Bílek war Mittelfeldspieler in dem tschechoslowakischen Nationalteam, das im Wendeherbst 1989 die Qualifikation zur Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien schaffte. Das Interview mit Bílek hatte Lothar Martin geführt. Und er kennt sich nicht nur mit Fußball aus, sondern auch mit der zweiten tschechischen Nationalsportart, Eishockey. Er ist also genau der richtige Mann, um eine Frage unseres Hörers Thomas Lick aus Mainz zu beantworten.

HC VCES  (ehem. Lev) Hradec Králové  (Foto: Stanislav Souček,  www.hchk.cz)
Herr Lick interessiert sich für die Bemühungen des tschechischen Zweitligaklubs HC Lev Hradec Králové eine Starterlaubnis zu erhalten für die russische Eishockeyliga KHL. Die Liga gilt nach der nordamerikanischen NHL als die zweitstärkste der Welt. Der tschechische Verband hatte dem Klub aus Ostböhmen zwar den Start in der KHL verboten. Nachdem der Verein daraufhin seinen Sitz ins slowakische Poprad verlegt hatte, gab es dann aber doch grünes Licht vom slowakischen Verband, der keine Einwände gegen einen Start in der KHL hatte. Das war der Stand im Sommer, über den Herr Lick aus einer Schweizer Zeitung erfahren hatte. Wie ist denn die ganze Sache ausgegangen? Spielt der HC Lev Hradec Králové respektive Poprad tatsächlich demnächst in der KHL?

HC VCES  (ehem. Lev) Hradec Králové  (Foto: Stanislav Souček,  www.hchk.cz)
„Nein, die Sache hatte sich schon Mitte August erledigt, denn der so genannte Direktorenrat der KHL, also das Gremium, in dem alle Clubchefs der Liga vertreten sind, hat den Antrag des HC Lev Poprad in letzter Instanz abgelehnt. Dem vorausgegangen war, dass der slowakische Eishockeyverband einer Teilnahme des Teams aus der Tatraregion nicht zugestimmt hatte. Nur um das richtig zu stellen: Die Clubchefs der slowakischen Extraliga, die ein ähnliches Gremium bilden wie der Direktorenrat der KHL, haben das Projekt unterstützt, nicht aber der Verband. Der Verband monierte vor allem und zu Recht, dass der HC Lev in der Slowakei nicht als ordentliches Verbandsmitglied registriert sei. Der HC Lev wollte also mit tschechischen Eignern und der slowakischen Heimstätte Poprad in der russischen KHL spielen, ohne einem Verband anzugehören. Das bedeutet auch, in diffizilen Fragen keine Rechtssicherheit zu haben. Seit Ende Oktober ist der HC Lev Poprad nun Mitglied im slowakischen Verband, und wenn die Verantwortlichen wie in diesem Jahr auch 2011 alle sonstigen Voraussetzungen erfüllen – also ein ausreichendes Budget, eine Mannschaft und ein ordentliche Spielstätte haben – dann werden sie im nächsten Jahr eine erneuten Anlauf für eine Teilnahme in der KHL nehmen. Da bin ich mir sicher.“

Vielen Dank für die Informationen, Lothar! Ich hoffe, die Frage ist damit ausreichend beantwortet.


Lubomír Lipský als Leutnant Borůvka. Verfilmt nach einem Krimi von Josef Škvorecký.
Und wir kommen zu Kultur. Michael Barth aus Bodenheim schreibt:

„Bisher hatte ich mit der tschechischen Literatur wenig am Hut. Kritisch war ich daher auch, als die Rubrik Buch.CZ eingeführt wurde. Nachdem ich diese schon eine ganze Zeit verfolge, muss ich sagen: Die Reihe hat sich gelohnt. Ich kenne doch mehr als gedacht bzw. habe zumindest schon von einigen Büchern oder Autoren gehört. In diesem Zusammenhang hätte ich eine Frage. Ich lese des Öfteren Krimis, und zwar nicht nur deutsche oder englische, sondern auch viele italienische, skandinavische oder noch etwas exotischere aus Südafrika oder Laos. Nur ein tschechischer Krimi ist mir bisher noch nie untergekommen. Gibt es in Tschechien auch eine ‚Krimiszene’, oder dominieren die ausländischen Bücher den entsprechenden Markt?“



Karel Čapek: „Geschichten aus der einen in die andere Tasche“
Natürlich werden auch in Tschechien die Klassiker der internationalen Krimiliteratur gelesen, aber es gibt auch eine einheimische Krimiszene. Einer ihrer bekanntesten Vertreter ist wohl Josef Škvorecký, der allerdings vor allem mit seinen Romanen um und über den Charakter Danny Smiřický berühmt geworden ist. Škvoreckýs hat eine Krimitrilogie über den Leutnant Borůvka veröffentlicht. Sie ist allerdings nicht in deutscher Übersetzung erschienen. Ein weiterer großer Name der tschechischen Literaturgeschichte, Karel Čapek, zeichnet für Krimigeschichten verantwortlich und die sind auch auf Deutsch erschienen in dem Buch „Geschichten aus der einen in die andere Tasche“. Dies sind allerdings nur Kurzgeschichten.

Ein ausgewiesener Krimiautor ist Václav Erben. Zwölf Kriminalromane gehen auf Erbens Konto. Vier davon sind auch auf Deutsch erschienen, erhältlich sind sie jedoch nur noch antiquarisch. Übrigens war Václav Erben nach 1989 der Vorsitzende des Verbandes der Kriminalautoren. Man kann also durchaus von einer tschechischen „Krimiszene“ sprechen, auch wenn diese international sicher nicht so bekannt ist wie beispielsweise die schwedische.

Helena Reich
Ein Sonderfall ist die Krimiautorin Helena Reich. Sie wurde 1965 in der damaligen Tschechoslowakei geboren, seit ihrem vierten Lebensjahr aber lebt sie in Deutschland. Seit 2008 hat sie zwei Prag-Krimis um das Ermittlerteam Kommissar David Anděl und Inspektor Otakar Nebeský veröffentlicht. Ein weiterer soll 2011 folgen. Vielleicht haben wir Ihnen damit ja einen Geschenktipp für Weihnachten geliefert. Krimifans, die in die tschechische Krimiszene einsteigen wollen, gibt es sicher genug.

Damit sind wir aber schon wieder am Ende unseres heutigen Hörerforums angelangt. Über ihre Fragen, Anregungen, über Lob und Kritik freuen wir uns auch weiterhin. Schicken können Sie alles per Post an Radio Prag – Deutschsprachige Redaktion, Vinohradská 12, 120 99 Praha 2, Tschechische Republik, oder per E-Mail an deutsch@radio.cz. In zwei Wochen gibt es eine neue Ausgabe des Hörerforums. Bis dahin machen Sie es gut!