Aus Böhmen ins Heilige Land – wie in der Vergangenheit gepilgert wurde

Jerusalem

Jerusalem – die Heilige Stadt, auf die die Gläubigen dreier Religionen ihre Augen richten. Auch aus den Böhmischen Ländern machten sich seit dem Mittelalter immer wieder Christen dorthin auf die Pilgerreise. Das Abenteuer lockte sowohl Katholiken als auch Protestanten, wie die alten Chronisten verzeichnet haben.

Jerusalem
Die Menschen im Mittelalter hatten unterschiedliche Gründe, warum sie auf Pilgerreise ins Heilige Land gingen. Für die Gläubigen war es natürlich die Möglichkeit, die mit Jesus Christus verbundenen Orte zu besuchen. Ganz besonderes Interesse bestand daran, Christus´ Grab in Jerusalem zu sehen, alle Pilger richteten ihre Schritte dorthin. Darüber hinaus wurde die Reise auch als Strafe auferlegt, sie wurde sogar schwerer gewertet als die Todesstrafe, denn sie war sehr gefährlich. Im 12. und 13. Jahjeronymrhundert verbreiteten sich zudem sogenannte Pilgerreisen in Vertretung. Das hieß, jemand ließ sich bezahlen und unternahm die Reise für einen „Auftraggeber“, der sich auf diese Weise von seinen Sünden loskaufen konnte. Der erste Mann aus Böhmen, der nachweislich nach Jerusalem pilgern wollte, war der heilige Adalbert. Doch der zweite Bischof von Prag gab letztlich seine Pläne auf, erläutert Petr Kubin, Historiker an der Karlsuniversität in Prag.

Hl. Adalbert
„Der Heilige Adalbert wollte nach Jerusalem, er bekam dafür sogar viel Geld von der römischen Kaiserin Theophanu. Bevor er aber aufs Schiff ging, machte er im Kloster Monte Casino bei Rom halt. Und dort sollen ihm die Mönche gesagt haben, es sei überflüssig, eine solch weite Reise zu unternehmen. Ein vollkommenes christliches Leben könne er auch bei„Die eine führte über Ungarn und die Balkanländer nach Konstantinopel und weiter per Schiff zu den Ufern Palästinas. Diesen Pilgerweg nutzten vor allem Adlige. Die zweite Variante bestand in der Reise über die Alpen bis in den Süden Italiens, meistens nach Brindisi. Von dort aus bestand schon damals eine Schiffsverbindung nach Palästina.“ ihnen im Kloster führen. Adalbert brach dann tatsächlich nicht ins Heilige Land auf. Der Wunsch, Jerusalem zu erblicken, ist jedoch für die Böhmischen Länder erstmals bei Adalbert im 10. Jahrhundert belegt.“

Jindřich Zdík
Der erste böhmische Pilger, der auch wirklich nach Jerusalem gelangte, war wahrscheinlich im 10. Jahrhundert der Prager Kanonikus Asinus, auf Deutsch: Esel. Aus jener Zeit bestehen jedoch nur wenige glaubwürdige Quellen. Cosmas als bekanntester mittelalterlicher Chronist berichtete von Asinus. Er erwähnt auch weitere Personen, die sich der Pilgergruppe ins Heilige Land angeschlossen haben sollen. Offensichtlich waren es ausnahmslos Adlige, egal ob als Priester oder Zivilpersonen. Ein Name sticht aus dieser Liste laut den Historikern besonders hervor: Jindřich Zdík, lateinisch Henricus Sdiko, Bischof von Olomouc / Olmütz.

„Jindřich Zdík ist der berühmteste der mittelalterlichen Pilger aus Böhmen, über seine Reise haben wir die meisten Informationen. Er ist sogar zweimal nach Jerusalem gepilgert. Erstmals war das 1123, also zwei Jahre vor seiner Bischofsweihe. Cosmas zählt die Reisegruppe namentlich auf und schreibt mancherorts so über Zdík, als ob dieser sein Sohn gewesen wäre. Dies lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen. Zum zweiten Mal war Zdík 1137 und 1138 in Jerusalem. Für diese Reise musste er bei Fürst Soběslav eine Genehmigung einholen. Der Fürst willigte ein und ordnete an, dass Zdík während seiner Abwesenheit in Olmüutz durch den Prager Bischof Johann vertreten werde“, erzählt Petr Kubin.

Unterwegs verhungert oder von Räubern ermordet

Stadtplan von Jerusalem  (12. Jahrhundert)
Zdík wollte im Jahr 1137 rechtzeitig zu Ostern Jerusalem erreichen. Doch die Reise verzögerte sich und daher entschloss er sich, ein Jahr lang bis zum nächsten Osterfest in der Heiligen Stadt zu bleiben. Zuflucht fand der Olmützer Bischof im Kloster nahe „Gottes Graben“. Damit hatte er die Gelegenheit, die geistliche Atmosphäre Jerusalems hautnah zu erleben. Das beeindruckte ihn so sehr, dass er sich nach der Heimkehr um die Gründung vieler Klöster in Böhmen und Mähren verdient machte und diesen biblische Namen gab: das auf dem Strahov bei Prag nannte er zum Beispiel Berg Sion und das in Litomyšl / Leitomischl Olivenberg. Des Weiteren erhielt Zdík vom Patriarchen von Jerusalem ein Holzstück, das angeblich vom Kreuz Jesu Christi stammte. Dieses Relikt schenkte er dem Olmützer Dom.

Die Reisen nach Jerusalem waren im Mittelalter – wie erwähnt – sehr gefährlich, manche Pilger verhungerten auf dem Weg, andere starben an Krankheiten oder wurden von Räubern ermordet. Laut Josef Žemlička von der Akademie der Wissenschaften gab es zwei Hauptwegstrecken ins Heilige Land:

Josef Žemlička  (Foto: Adriana Krobová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Die eine führte über Ungarn und die Balkanländer nach Konstantinopel und weiter per Schiff zu den Ufern Palästinas. Diesen Pilgerweg nutzten vor allem Adlige. Die zweite Variante bestand in der Reise über die Alpen bis in den Süden Italiens, meistens nach Brindisi. Von dort aus bestand schon damals eine Schiffsverbindung nach Palästina.“

Schon die Reise an sich musste für die Pilger laut den Historikern ein kultureller Schock gewesen sein. Die Stadt Konstantinopel war von einer mächtigen Festung umgeben. Im Innern befanden sich Dutzende Dome byzantinischer Bauart, ein kaiserlicher Palast, es gab ein Wasserleitungssystem und andere Bauten, die in Mitteleuropa gänzlich unbekannt waren. Auch der erste Blick aufs Meer war für die Pilger wohl überwältigend.

Der selige Hroznata  (Foto: Archiv Radio Prag)
„Wir wissen zum Beispiel, dass sich auch der selige Hroznata zu Ende des 12. Jahrhunderts auf die Reise machte. Die Legende erzählt, dass dieser, als er das Meer erblickte, stundenlang auf den endlosen Horizont starrte und sich schließlich entschloss, auf die Reise zu verzichten. Er soll wieder zurückgekehrt sein und das bekannte Kloster in Teplá in Westböhmen gegründet haben“, so Žemlička.

Als Protestant vom Sultan empfangen

Eine ganz besondere Art der Pilgerschaft waren die Kreuzzüge. Mit den Worten „Gott will es“ forderte Papst Urban 1095 die Christen auf, das Heilige Land aus den Händen der Muslime zu befreien. Für die Böhmischen Länder war der Kreuzzug aus dem Jahre 1147 von besonderer Bedeutung. Er wurde vom böhmischen Fürsten und späteren König Vladislav II. geleitet. Die Kreuzfahrer erreichten aber das Heilige Land nicht, von Konstantinopel aus schlugen sie einen Bogen über Russland und Polen zurück. Vladislav fürchtete wahrscheinlich, dass es während seiner Abwesenheit in Böhmen zu einem Umsturz kommen könnte. Am Feldzug beteiligten sich mehrere Hundert böhmische Soldaten, erläutert Josef Žemlička.

„Aus Böhmen bis nach Jerusalem“ von Martin Kabátník
„Bei allen Kreuzzügen galt ein Versprechen des Papstes, dass den Ehefrauen und Kindern aller Teilnehmer die Sicherheit garantiert werden müsse. Das war aber nur reine Theorie, die Realität hing jedes Mal von den Verhältnissen vor Ort ab. Und die Macht des Papstes war auch unterschiedlich stark je nach der Zeitraum und Land. Nicht überall hatte die päpstliche Garantie dasselbe Gewicht.“

Nicht nur Katholiken pilgerten aber ins Heilige Land, sondern auch Protestanten. 1403 machte sich zum Beispiel Hieronymus von Prag, ein enger Freund von Jan Hus, auf die Reise. Die Chroniken berichten auch vom Utraquisten Jindřich von Stráž. Während seiner Pilgerreise wurde er vom türkischen Sultan empfangen, der sich angeblich sehr für die Lehre der böhmischen Kirchenreformatoren interessierte. Unter dem Titel „Aus Böhmen bis nach Jerusalem“ erschien 1539 eine Schrift von Martin Kabátník, einem Mitglied der Böhmischen Bruderschaft, seines Zeichens Leinenhändler. Er und weitere drei Mitpilger versuchten, im biblischen Land christliche Gemeinden zu finden, die nach den ursprünglichen Idealen Jesu Christi lebten. Wie aus ihrem Bericht hervorgeht, sollen sie solche sogar gefunden haben.

Christoph Harant
Der böhmische Humanist Christoph Harant besuchte ebenfalls das Heilige Land, er wurde 1621 zusammen mit weiteren Nichtkatholiken in Prag hingerichtet. Dieser tragische Moment, mit dem die Rekatholisierung Böhmens begann, bedeutete auch ein Ende für die Pilgerreisen ins Heilige Land. Es entstanden neue Wallfahrtsorte in der Habsburger Monarchie, die für die Massen leichter zu erreichen waren. Erst in der Neuzeit haben einige Menschen die Idee wiederbelebt, durch eine lange Pilgerschaft zur geistlichen Erneuerung zu gelangen. Das ist aber bereits ein anderes Kapitel.