Bedřich Smetana: Symphonische Dichtung „Vyšehrad“

Quelle: Verlag von Fr. A. Urbánek

Der „Vyšehrad“ ist die erste der sechs symphonischen Dichtungen aus dem Zyklus „Mein Vaterland“ von Bedřich Smetana. Auf der Partitur hat der Komponist damals vermerkt, er habe diese „im Zustand einer Ohrenkrankheit“ verfasst.

Partitur der symphonischen Dichtung „Vyšehrad“  (Foto: © Pražské jaro - Ivan Malý)

Das Stück Vyšehrad beginnt mit Harfenklängen des mittelalterlichen Barden Lumír. Danach geht es dazu über, die einstige mächtige Burg über der Moldau zu beschreiben. Die Kadenz klingt altertümlich. Mit dieser musikalischen Dichtung soll die Entstehung des böhmischen Staates und seine Langlebigkeit besungen werden. Denn der Vyšehrad war den Legenden nach der erste Herrschersitz in Prag.

Bedřich Smetana  (Foto: Jan Mulač,  CC0)

Das musikalische Thema des Stücks hat Smetana übrigens gleich dreimal genutzt in „Mein Vaterland“. Als erstes im Vyšehrad, dann aber noch einmal in der „Moldau“ und abschließend in „Blaník“, dort dann in Verbindung mit einem hussitischen Chorgesang. Der Komponist selbst hat sein Stück wie folgt beschrieben:

„Die Harfen der Seher beginnen; der Gesang der Seher über das Geschehen auf dem Vyšehrad, über Ruhm, Glanz, Ritterturniere, Kämpfe, bis zum endgültigen Verfall und die Ruinen. Die Komposition endet in elegischem Ton…“

Komponiert trotz Ertaubung

Harfe  (Foto: paulagarance0,  Pixabay / CC0)

Aus Smetanas Mitteilung wissen wir: Das Eingangsmotiv, das von der Harfe gespielt wird, kam ihm genau in der schicksalshaften Nacht des 20. Oktober 1874 in den Sinn, als bei ihm die Taubheit einsetzte. Wegen dieser Behinderung musste er dann seine Stelle als Kapellmeister im „Vorläufigen Theater“ aufgeben. Dennoch vollendete er bis Mitte November desselben Jahres den Vyšehrad und drei Wochen später noch die Moldau sowie die „Šárka“ im Februar 1875. Die ersten beiden der symphonischen Dichtungen wurden schon bald auch live gespielt. Die Premiere des Vyšehrad erfolgte am 14. März 1875, doch der Künstler selbst bekam davon kaum etwas mit. So notierte er:

„Vyšehrad, meine symphonische Dichtung, ist heute bei einem Philharmonie-Konzert zum ersten Mal gespielt worden – und musste wiederholt werden. Obwohl ich von der Galerie gelauscht habe, habe ich nichts hören können.“

Hauptgebäude des Tschechischen Rundfunks in der Straße Vinohradská in Prag  (Foto: Lenka Žižková)

Dieses musikalische Thema wurde auch lange Jahre vom damaligen Tschechoslowakischen Rundfunk als Jingle genutzt. Und zwar seit dem Staatsfeiertag am 28. Oktober 1933. Dabei lohnt es sich zu erwähnen, dass nur einige Tage später das heutige Rundfunkgebäude in der Vinohradská-Straße in Prag eröffnet wurde.

Das Harfenmotiv ist übrigens bis heute eines der ältesten Rundfunk-Jingles überhaupt. Es war auch an den schicksalshaften Wendepunkten der tschechischen Geschichte zu hören wie etwa beim Prager Aufstand 1945 oder beim Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen 1968. Die etwas monotone Wiederholung hat alle Menschen hierzulande in den schwersten Zeiten an die Radios gerufen. Das Motiv war das Jingle des Senders Prag, damals der erste Sender des Tschechoslowakischen Rundfunks.

Auch als Rundfunk-Jingle erfolgreich

Václav Talich  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Die Tschechische Philharmonie entstand erst 14 Jahre nach der Premiere von „Mein Vaterland“ als komplettes Werk. Das Orchester selbst spielte Smetanas Zyklus symphonischer Dichtungen erstmals 1901 in der Brauerei des Prager Stadtteils Smíchov. Und der spätere Chefdirigent der Philharmoniker Václav Talich wählte dieses Werk dann auch aus für die erste Live-Übertragung des Tschechoslowakischen Rundfunks im Jahr 1925. Derselbe Dirigent führte „Mein Vaterland“ sogar zu Zeiten der deutschen Besatzung auf. Er wollte das nationale Bewusstsein stärken, und erstaunlicherweise ließen ihn die nationalsozialistischen Spitzen im sogenannten „Protektorat Böhmen und Mähren“ gewähren. Denn zuvor hatte sich Talich erlaubt, Smetanas Zyklus auch bei einer Einladung Goebbels nach Berlin und Dresden zu spielen.

Fünf Jahre später entschied sich auch der Dirigent Rafael Kubelík für „Mein Vaterland“, um die ersten freien Wahlen nach dem Zweiten Weltkrieg zu feiern. Jahrzehnte später wiederholten sich diese außergewöhnlichen Umstände: Er ließ das Stück nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 beim Musikfestival „Prager Frühling“ spielen. Für Kubelík war es das erste Konzert in seiner Heimat nach 41 Jahren Emigration.

Der Zyklus „Hits der klassischen Musik“ beruht auf einem Projekt von Lukáš Hurník und Bohuslav Vítek zu den „Hits des Jahrtausends“, das der Kultursender Tschechischer Rundfunk – Vltava ausgestrahlt hat.

Autor: Radio Prag International
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