Bereits im Kaiserreich liberal - 120 Jahre Lidové noviny

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Kaum ein anderes Medium hat die tschechische Medienlandschaft mehr geprägt, als die „Lidové noviny“ (Die Volkszeitung) oder kurz „Lidovky“. Fast alle bedeutenden tschechischen Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts veröffentlichten dort. In der Entwicklung dieses Blattes spiegelt sich aber auch die dramatische tschechische Geschichte wieder. Die heutige Redaktion der Lidové noviny erinnert in diesem Jahr an die Entwicklung des Blattes – die erste Ausgabe der Zeitung erschien nämlich vor 120 Jahren.

Lidové noviny 1893
Die Lidové noviny wurde 1893 vom Politiker Adolf Stránský in Brno / Brünn gegründet. Ziel war, mit dem Blatt ein Gegengewicht zur damals in Mähren sehr einflussreichen katholischen Presse zu schaffen. Die Lidovky war von Anfang an als ein liberales Blatt konzipiert. Von einer unabhängigen Redaktion konnte jedoch nicht gesprochen werden, alle Tageszeitungen waren damals mit einer politischen Partei verbunden. Adolf Stránský war Abgeordneter im Wiener Reichsrat für die „Jungtschechische Partei“, die Redakteure erhielten von ihm aus erster Hand Informationen über alle möglichen Ereignisse. 1907 schickte Stránský sogar einen ständigen Korrespondenten nach Wien. Dadurch stieg die Bedeutung der Zeitung deutlich an. Was jedoch ungewöhnlich war: In der Redaktion der Lidovky waren Autoren sowohl der politischen Rechten, wie auch der Linken vertreten. Vor allem handelte es sich um damals bekannte Literaten wie Fráňa Šrámek, Antonín Sova, S. K. Neumann oder František Gellner. Dazu der Historiker Jaroslav Šebek:

„Für die Lidové noviny war charakteristisch, dass sie eine freie und breite Plattform für Menschen unterschiedlicher politischer Richtungen und Weltanschauungen bildete. Keine der Richtungen gewann Oberhand, und Extreme jeder Art blieben fern. Dies zeigte sich besonders nach dem Ersten Weltkrieg. Zum Beispiel wechselte der Schriftsteller Viktor Dyk, den man in gewissem Maße als Nationalist bezeichnen kann, zu den nationalen Demokraten. Der Dichter und Literaturkritiker S. K. Neumann neigte dagegen zu der radikalen Linken und trat 1921 der neu gegründeten Kommunistischen Partei bei. Diese Redaktionskollegen gingen jedoch im Frieden auseinander und respektierten sich auch weiterhin. Solche Verhältnisse prägten den Geist der Lidové noviny und machten sie zu einem außergewöhnlichen Medienprojekt.“

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Die Verbindung von Journalismus und literarischer Tätigkeit war damals nicht selten. In fast allen Tageszeitungen erschienen auch belletristische Texte wie Gedichte, Erzählungen oder Serienromane. Das gibt es heute zum Gutteil nicht mehr, der Schwerpunkt des Journalismus hat sich zur Berichterstattung hin verschoben. Auch hat sich die gesellschaftliche Stellung der Berufe verändert: Noch in der Zwischenkriegszeit wurden Schriftsteller deutlich mehr geschätzt als Journalisten. Letzterer galt für manche Leute nur als Schreiberling. Heutzutage ist es manchmal sogar umgekehrt. Die Lidové noviny bemüht sich jedoch, auch heute noch die literarische Tradition aufrechtzuerhalten. Dalibor Balšínek ist der Chefredakteur des Blattes.

Dalibor Balšínek (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Wir sind sicher eine Ausnahme unter den Printmedien, und zwar dank unserer Beilage ‚Die Orientierung’. Diese Beilage habe ich vor etwa drei Jahren deutlich erweitern lassen. In keiner anderen tschechischen Tageszeitung kümmern sich so viele Redakteure um ‚nichtnachrichtendienlichen’ Journalismus. Anlässlich des 120. Jubiläums der Zeitung haben wir uns entschieden, die literarische Komponente wiederzubeleben. Wir haben bekannte tschechische Schriftsteller angesprochen, jeweils eine Erzählung für uns zu schreiben. Wir erwarten davon sicherlich keine Auflagensteigerung. Unser Ziel ist vielmehr, die Leser an diese Tradition zu erinnern und sie auf den kulturellen Wert der Lidovky aufmerksam zu machen.“

Ihre Glanzzeit erlebte die Lidové noviny in der Zwischenkriegsära. Sie galt damals inoffiziell als Blatt der „Burgpolitik“, wie die politische Fraktion rund um den tschechoslowakischen Staatsgründer und Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk hieß. Masaryk selbst veröffentlichte ab und zu ebenfalls seine Kommentare in der Lidovky. Diese Zuneigung zur Volkszeitung war jedoch informell und entstammte der weltanschaulichen Nähe der Beteiligten. Jaroslav Šebek nennt ein Beispiel:

„In der Tschechoslowakei entspann sich ein großer Konflikt um die Interpretation des Bürgerkrieges in Spanien. Während die Lidové noviny eindeutig die republikanische, demokratisch gewählte Regierung verteidigte, unterstützten die konservativen Tageszeitungen den Aufstandsführer Francisco Franco. Die Lage war nicht einfach zu interpretieren, die Lidové noviny vertrat jedoch konsequent den Standpunkt der tschechoslowakischen Staatspräsidenten. Das entsprang aber nicht etwa einer Art Selbstzensur und schon gar nicht einem Auftrag von der Prager Burg, sondern es überwog in der Redaktion einfach eine liberale Weltanschauung.“

Hl. Wenzel (Foto: Archiv Radio Prag)
Trotz dieser klaren politischen Position des Blattes wurden aber in den Ausgaben oft auch andere Meinungen veröffentlicht. Dies betraf beispielsweise die große Feier zum 1000. Todestag des Heiligen Wenzel. Die katholische Kirche und die ihr nahestehende Volkspartei nutzten den Anlass, um für eine Rehabilitierung des Katholizismus zu werben – dieser war nach dem Ersten Weltkrieg unter den Tschechen sehr kritisch betrachtet worden. Selbst Masaryk war der Meinung, der Katholizismus sei nicht mit der Demokratie vereinbar. In der Lidovky begann eine spannende Diskussion, wie das Jubiläum gefeiert werden sollte. Die meisten Liberalen warnten vor einem neuen Machtanspruch der katholischen Kirche, aber zum Beispiel der Schriftsteller Eduard Bass sah die Gelegenheit zur religiösen und nationalen Versöhnung.

Mit dem Untergang der Tschechoslowakischen Republik endete auch die Lidové noviny in ihrer damaligen Form. Zur Zeit der nationalsozialistischen Okkupation erschien die Zeitung zwar weiter, ihre Inhalte jedoch hatten mit der früheren Tradition nichts mehr zu tun. Das Blatt war gleichgeschaltet, der Name sollte den Schein einer Kontinuität erwecken. Paradoxerweise musste die Lidové noviny deswegen nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Namen ändern, denn es durfte keine Presse aus der Okkupationszeit mehr erscheinen. Sie hieß dann „Svobodné noviny“ (Freie Zeitung). Doch nicht nur der Name änderte sich. Jaroslav Šebek:

„Die Svobodné noviny stimmte in der Tendenz der kommunistischen Politik zu und stellte das System der Vorkriegsdemokratie in Frage. Es gab zwar immer noch Demokraten in der Redaktion, allen voran Chefredakteur Ferdinand Peroutka, ihre Stimme wurde jedoch immer schwächer. Besonders der Schriftsteller Jan Drda, der schon vor dem Krieg zum Redaktionskreis gehört hatte, warb für die kommunistische Ideologie und drängte sich in Vordergrund. Diese Tendenz fand sich jedoch bei allen tschechoslowakischen Zeitungen von damals. Am ehesten noch eine andere Meinung vertrat das Blatt Obzory, es stand der Volkspartei nah. Die Volkspartei kann man als einzige nicht linksgerichtete Partei bezeichnen, die zugelassen war.“

Jan Drda (Foto: ČT24)
Nachdem die Kommunisten 1948 die Macht im Land ergriffen hatten, begannen sie auch die Medienredaktion zu kontrollieren. Jan Drda wurde sofort „von oben“ zum Chefredakteur ernannt und begann die Svobodné noviny nach der neuen Ideologie zu leiten. Dennoch wurde ihr Erscheinen 1952 eingestellt.

Der berühmte Vorgänger der Zeitung geriet aber nicht in Vergessenheit. 1987, also zwei Jahre vor dem Sturz des Kommunismus in der Tschechoslowakei, gab eine Gruppe von Dissidenten die Lidové noviny wieder heraus – illegal, wie sich versteht.

Jaroslav Šebek (Foto: Vendula Kosíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Wirklich zum ersten Mal nach vielen Jahren erschien da ein Medium, das die freie und kritische Berichterstattung wagte. Und wieder konnte man da die frühere Pluralität merken: Es schrieben sowohl westlich orientierte Autoren, als auch ehemalige Kommunisten, die aus der Partei gedrängt worden waren. Alle schafften es zusammenzuarbeiten. Obwohl die Zeitung geheim und unter primitiven Bedingungen hergestellt wurde, erlangte sie bald Bekanntheit. Sie wurde von Hand zu Hand weitergegeben, und das machte die Kommunisten sehr nervös. Ich halte dies für eine der Sternstunden in der Geschichte der Lidové noviny“, so Šebek.

Foto: Archiv Radio Prag
Die Lidové noviny gehört heutzutage wieder zu den bedeutendsten tschechischen Printmedien. An der Leserzahl gemessen rangiert sie zwar nicht an der Spitze, für viele Intellektuelle ist sie jedoch unter den tschechischen Tageszeitungen die erste Wahl. Ihre Grundhaltung ist heute liberal-konservativ.