Gegengewicht im Internet? Neues Nachrichtenportal bringt Bewegung in Medienlandschaft

Andrej Babiš (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Dieser Eigentümerwechsel sorgte vergangenes Jahr für Schlagzeilen über Tschechien hinaus. Im Juni 2013 übernahm der Politiker und Unternehmer Andrej Babiš mit seinem Agrofert-Konzern das Verlagshaus Mafra – und damit die beiden auflagenstärksten seriösen Zeitungen des Landes, die Lidové Noviny und Mladá Fronta Dnes. Im Januar 2014 genehmigte das Kartellamt auch den Kauf der Londa-AG, die den hierzulande beliebtesten Radiosender Impuls betreibt. Kurz darauf stieg Babiš zum Finanzminister und Vizepremier auf. In Folge der Übernahme verließen bekannte tschechische Journalisten die Mafra-Zeitungen und gründeten ein neues Internetportal. Nach einem knappen halben Jahr können die Macher von Echo24.cz eine erste Bilanz ziehen.

Andrej Babiš (Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Der Beginn für Echo24.cz hätte nicht besser sein können. Kurz nachdem das Internetportal im März 2014 ans Netz gegangen war, sorgte ausgerechnet Andrej Babiš dafür, dass das neue Medienprojekt mit einem Schlag bekannt wurde. Über Nacht schnellten die Klickzahlen in die Höhe. Der Grund: Bei einer Pressekonferenz hatte sich der Parteichef von Ano geweigert, einem Redaktionsmitglied von Echo24 zu antworten. Eine Anfrage des Reporters Jan Kálal schmetterte er brüsk ab:

„Herr Kálal, ich werde ihrer Redaktion keine Antwort geben, ihrer Vereinigung sogenannter Journalisten der Lidové Noviny, die diese Zeitung hintergangen und einen Verlust verursacht haben, und die allesamt die Demokratische Bürgerpartei unterstützen. Ich verstehe, dass Sie ein hübsches Projekt ersonnen haben, um mich und meine Bewegung angreifen zu können.“

Jan Kálal (Foto: Archiv Jan Kálal)
Giftige Worte des amtierenden Vizepremiers gegenüber einem kleinen Internetportal, dessen Redaktion zu diesem Zeitpunkt aus gerade einmal elf Mitarbeitern bestand. Doch der Reihe nach. Eine Handvoll Journalisten ging im Dezember 2013 das Wagnis ein: Sie wurden selbst zu Verlegern und gründeten ein neues Medium. Chefredakteur von Echo 24 wurde Dalibor Balšínek, der zuvor in gleicher Funktion bei der konservativen Lidové Noviný tätig war. Mit ihm kamen weitere Journalisten vom renommierten früheren Dissidentenblatt zu Echo24. In erster Linie sind es politische Kommentatoren, die in Tschechien jeder Zeitungsleser kennt. Unter ihnen ist Lenka Zlámalová, eine Wirtschaftsjournalistin. Über ihre Beweggründe, die Lidové Noviny zu verlassen, sprach sie im Dezember vergangenen Jahres im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen:

„Ich habe mich noch am gleichen Tag entschieden, als unser damaliger deutscher Herausgeber bekanntgab, dass der neue Besitzer die Agrofert AG sein wird. Ich habe lange Jahre als Wirtschaftsredakteurin gearbeitet und unter anderem den Wirtschaftsteil der Mladá Fronta Dnes geleitet. Ich war also dabei, als sich die abzeichnete, auf welche Art und Weise Andrej Babiš Unternehmen führt. In den Jahren 2001/2002, als es um die Privatisierung von UniPetrol ging, habe ich mitbekommen, wie Andrej Babiš Geschäfte macht. Und ich habe diesen enormen Interessenskonflikt gesehen, der möglicherweise auf uns zukommt. Das war für mich nicht hinnehmbar. Man muss mich richtig verstehen: Andrej Babiš hat nicht versucht, auf irgendeine Weise Einfluss zu nehmen. Doch die ganze Konstellation ist für mich nicht annehmbar. Ich habe immer in Zeitungen gearbeitet, die Verlegern – und ausschließlich Verlegern – gehört haben. Das hat für die tägliche Arbeit eine enorme Freiheit bedeutet. Ich kann mir nicht vorstellen, bei einer Zeitung zu arbeiten, deren Verleger zugleich der Finanzminister ist.“

Lenka Zlámalová (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Ein Kollege von Lenka Zlámalová bei Echo24 ist der politische Kommentator Daniel Kaiser. Für ihn ist es aus heutiger Perspektive fast ein wenig enttäuschend, dass nur wenige Journalisten den Absprung gewagt haben. Andererseits kennt er die Gründe genau, denn die tschechische Medienlandschaft ist überschaubar:

„Meiner Meinung wurden viele tschechische Journalisten, auch diejenigen, die davon nicht direkt betroffen waren, auf einmal von eine schleichenden Angst befallen. Auf einmal musste man überlegen, wie man über Babiš schreibt, weil man nicht genau wissen kann, ob man nicht eines Tages auch in seinen Zeitungen ein Auskommen suchen wird. Die Fluktuation in den Redaktionen ist hierzulande ziemlich groß, die meisten Journalisten waren schon bei allen Zeitungen. Und dann bekommt man Angst, ob sich die Leute um Babiš nicht merken, was jemand früher geschrieben hat. Es ist eine ziemlich schlimme Situation.“

Dabei hatte es in den vergangenen Jahren auch Kritik an den vom Ausland finanzierten Medien gegeben. Seit den 1990ern bestimmten in vorderster Reihe die Verlage der Rheinischen Post und der Passauer Neuen Presse die tschechische Medienlandschaft. Doch spätestens seit der Krise von 2008 ist der Markt nicht mehr rentabel. Weil die Werbeeinnahmen massiv zurückgingen, wurden die Redaktionen zunächst eingedampft und mussten unter immer schlechteren Bedingungen arbeiten. Dennoch war die Situation für Daniel Kaiser akzeptabel, ehe sich die Rheinische Post 2013 aus dem Verlagshaus Mafra zurückzog:

Dalibor Balšínek (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Auf alle Fälle war die erste Variante viel besser. Denn die deutschen Verleger waren eigentlich nur am Profit interessiert. Soweit ich weiß haben sie sich nie in die redaktionelle und politische Linie des Blattes eingemischt. Das einzige, was ich diesen deutschen Verlegern vorwerfen würde, ist der Verkauf ihrer Blätter an Babiš.“

Der Investor hinter Echo24 ist Jan Klenor, der ehemalige Chef der Finanzgruppe Patria Finance. Das Team um Balšínek arbeitet nun am Kleinseitner Ring in Prag, mitten im politischen Zentrum Tschechiens. Die Redaktion passt mehr oder weniger in zwei Büros. Echo 24 kooperiert mit Hochschulen – fünf Studenten sitzen daher nun im Schichtdienst am Newsdesk und füllen die Website mit den neuesten Meldungen. Doch als Nachrichtenportal sehen sich die Journalisten um Chefredakteur Balšínek nur zum Teil, genauso bedeutend sei die Funktion eines Meinungsmediums, so Daniel Kaiser:

„Die Kommentare sind sehr wichtig. Es gibt jeden Tag einen eigenen Kommentar aus unseren Reihen, und die Kommentare haben auch eine große Leserschaft.“

Daniel Kaiser (Foto: Alžběta Švarcová, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Echo24.cz richtet sich dezidiert an ein städtisches und gut gebildetes Publikum – und damit tendenziell eher an die Wähler der derzeitigen Oppositionsparteien. Chefredakteur Balšínek würde sein Medium irgendwo zwischen Spiegel und Zeit positionieren. Als Vorreiter des Onlinejournalismus sehen sich die Journalisten hingegen nicht. Nach Ansicht von Daniel Kaiser hat der Wechsel vom Print- zum Webjournalismus auch keine grundlegenden Veränderungen mit sich gebracht. Nach wie vor verstehen sich die Redakteure als unabhängige politische Kommentatoren. Chefredakteur Balšínek schreibt in seinem Editorial, Echo24 wolle das Gegenwicht zu den von Oligarchen beherrschten tschechischen Medien sein. Das Motto der Redaktion prangt schon an der Türklingel, es lautet „Journalism can never be silent“ (Journalismus darf niemals schweigen). Neu ist aber die Interaktion mit den Lesern, die der Webjournalismus mit sich bringt, so Daniel Kaiser:

„Die Reaktionen im Internet sind viel unmittelbarer. Man hat dadurch den Eindruck, dass es größeren Einfluss hat als früher. Das ist wahrscheinlich gar nicht so. Aber die Leute, die immer die Zeitung gekauft und abonniert haben, setzen sich eben nicht an den Computer, um dir eine Mail zu schreiben. Hier ist das nun sehr oft der Fall.“

Foto: Filip Jandourek, Archiv des Tschechischen Rundfunks
Die Resonanz auf das Webportal übersteigt alle Erwartungen der Gründer. Im ersten Monat besuchten bereits 200.000 Leser die Website, im Juli lag die Zahl bei 300.000. Zum Vergleich: Das Portal Idnes hat monatlich 3,6 Millionen Besucher. Idnes ist aber schon seit Jahren online und zudem ein Ableger der zweiten großen Zeitung des Mafra-Konzerns, der Mladá Fronta Dnes. Für eine Neugründung sind die Zahlen von Echo24 daher beachtlich.

Nach Angaben des Branchenportals Mediar.cz liegt die Anschubfinanzierung von Investor Klenor im ersten Jahr bei umgerechnet etwa 700.000 Euro. Das Internetportal ist für die Leser kostenlos, doch dessen Einrichtung war nur der erste Schritt. Seit Juni ist eine digitale Wochenzeitung auf dem Markt. Wer sie abonnieren möchte, zahlt dafür monatlich umgerechnet knapp vier Euro. Anfang August hatten bereits 5000 Leser ein Abo für digitale Endgeräte abgeschlossen – dabei hatten die Macher bis Ende des Jahres mit nur etwa 3000 Abonnenten gerechnet. Als weitere Einnahmequelle möchte die Gesellschaft Echo Media in Zukunft auch Konferenzen ausrichten. Ob die Werbekundschaft bei der Stange bleibt, ist abzuwarten.

Foto: Archiv Radio Prag
Ganz abgesehen von den Finanzen hat sich Echo24 innerhalb weniger Monate bereits in der Medienlandschaft etabliert. Die Journalisten sind häufige Gäste in Talkrunden und gefragte Experten. Für die Macher steht nun noch ein letzter Schritt aus. Nicht die komplette Redaktion, aber viele der Journalisten wünschen sich einen Einstieg in den Printmarkt. Auch für Daniel Kaiser ist der Niedergang des Zeitungsjournalismus nicht hinnehmbar:

„Es ist eigentlich schade, weil eine gute Zeitung ein Merkmal einer zivilisierten Gesellschaft ist. Es ist leider so.“

Eine Zeitung ist fürs erste nicht geplant, doch wenn es finanzierbar ist, soll die Wochenzeitung Echo spätestens nächstes Jahr gedruckt in den Kiosken liegen. Auch in diesen Sektor hat der Mafra-Konzern inzwischen seine Fühler ausgestreckt. Eine neue Wochenzeitung mit dem Titel „Téma“ (Thema) soll schon diesen Herbst erscheinen.