„Besser Vorurteile als Gleichgültigkeit“: Autorenlesung des Prager Literaturhauses

Foto: Kristýna Maková

Seit dem Donnerstag läuft in Prag der 20. Jahrgang der internationalen Buchmesse „Svět knihy“. In ihrem Rahmen hat auch das Prager Literaturhaus eine Autorenlesung veranstaltet. Der deutsche Schriftsteller Jörg Bernig und der tschechische Autor Jaromír Typlt lasen aus ihren Werken und diskutierten über die gemeinsame tschechische-deutsche Geschichte.

Jörg Bernig  (Foto: YouTube)
Es war eine gemeinsame Lesung zweier Stipendiaten des Prager Literaturhauses: Jörg Bernig ist derzeit in Prag und Jaromír Typlt war 2010 in Wiesbaden. Bernig kommt aus Sachsen, sein Vater ist aber aus den Sudetengebieten vertrieben worden. In seinem Text reflektierte er einen Streifzug durch Nordböhmen, durch die Gegend, aus der seine Vorfahren kamen.

„Das ist der Titelessay meines Essaybands gewesen, der ‚Der Gablonzer Glasknopf‘ heißt. Ich habe diesen Text gewählt, weil er nach Böhmen führt. Ich dachte, das ist ein ganz guter Einstieg, auch weil ich wusste, dass Jaromír Typlt einen Text lesen wird, der sich mit Ähnlichem beschäftigt.“

Der Autor erläutert, womit sich die beiden Texte beschäftigen:

Jaromír Typlt  (Foto: YouTube)
„Eigentlich mit Stimmen, die man im Kopf herumträgt, mit Echos von Stimmen, die es nicht mehr gibt, mit Gegenden, von denen mir immer erzählt worden ist, seit ich Kind war. Beziehungsweise hatte ich stets das Gefühl, in eine Erzählung meiner Familie, die aus Böhmen stammt, hineingeboren worden zu sein. Die Erzählung lief schon, als ich geboren wurde.“

Jaromír Typlt griff für die Lesung nach seinem Prosawerk „Pole nade mnou“ („Das Feld über mir“), mit dem er vor einigen Jahren das Stipendium des Literaturhauses erworben hatte:

„Der Text betrifft einen konkreten Ort am Fuße des Riesengebirges. Dort werden die tausendjährigen Beziehungen zwischen Tschechen und Deutschen für mich persönlich wiederbelebt. Es ist eine Wiederbelebung in Träumen, die auf ein kollektives Gedächtnis hinweisen, das heute eher verdrängt wird. In diesen Träumen tritt das streitbare Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen hervor – und die Ängste der Tschechen, dass die Deutschen wieder hier einfallen könnten. Das ist ein starkes Vorurteil, auf Grund dessen die Deutschen immer als Feinde betrachtet wurden. Und es kommt vor allem an den Tischen der billigsten Kneipen zur Sprache, auf höchsten diplomatischen Ebenen wird darüber hingegen sehr vorsichtig oder gar nicht gesprochen. Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dies nicht zu verschweigen, sondern daran zu erinnern. Diese Ängste können verhindern, dass wir miteinander reden, gleichzeitig aber auch anregen, dass wir beginnen miteinander zu reden.“

Typlt hob während der Diskussion – ebenso wie sein Kollege Jörg Bernig – die Bedeutung der Vorurteile hervor.

„Sie sind etwas mehr als die Gleichgültigkeit. Wenn wir die Gleichgültigkeit als das Schlimmste betrachten, was zwischen Nationen herrschen kann, ist das Vorurteil bereits eine Basis, auf der man aufbauen kann. Man kann darauf reagieren, man kann es leugnen, kritisieren oder ablehnen. Solch ein Vorurteil ist aber ein wichtiger Ausgangspunkt.“

Jörg Bernig hat gerade seinen zweimonatigen Aufenthalt in Prag gestartet, der vom Prager Literaturhaus gefördert wird. Was erwartet er davon?



Foto: Kristýna Maková
„Bevor ich losgefahren bin, habe ich versucht, gar keine Gedanken an Erwartungen zu geben. Ich habe einfach meine Sachen gepackt und mir Arbeit mitgenommen, die ich hier auch als eine tägliche Routine weiterführen will. Und dann hoffe ich, dass sich einfach vieles oder manches anlagert und von selbst einstellt. Vielleicht ist dieses Nichterwarten die Erwartung gewesen, die ich mitgebracht habe.“