Bilanz eines Surrealisten: neue Švankmajer-Ausstellung in Prag

Foto: Jakub Krásný, Archiv des Tschechischen Rundfunks

Jan Švankmajer ist ein ganz besonderer Künstler. Berühmt wurde er durch seine Animationsfilme, in denen er die Stop-Motion-Technik nutzt. Neben seinen Filmen hat er aber auch immer gezeichnet und gemalt sowie Objekte geschaffen. Eine Ausstellung in der Galerie der Stadt Prag zeigt nun eine Auswahl seiner Werke, vom bekannten Film Alice im Wunderland bis hin zu aus Knochen geformten Fantasiekreaturen.

Jan Švankmajer (Foto: Šárka Ševčíková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)
„Možnosti Dialogu“ – Möglichkeiten des Dialogs. So heißt die neueste Exposition über das Werk von Jan Švankmajer. Er ist bisher der einzige tschechische Künstler, der es in die Dauerausstellung der britischen Modern Tate Gallery geschafft hat. Im Tschechischen Fernsehen (ČT) sagte er anlässlich der Ausstellungseröffnung in Prag:

„Mein ganzes Werk ist aus bestimmten kindlichen Erlebnissen hervorgegangen. Eine dieser prägenden Begegnungen hatte ich mit einem Marionettentheater, das ich mit neun Jahren zu Weihnachten bekam.“

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
Mit dem Marionettentheater ist auch Švankmajers Ausbildung verbunden. Er besuchte von 1950 bis 1954 die Prager Akademie der bildenden Künste mit der Fachrichtung Marionettentheater. In den frühen 1960er Jahren begann er, Filme zu drehen. Sein erstes Werk hieß „Poslední trik pana Schwarcewalldea a pana Edgara“, auf Deutsch „Der letzte Trick des Herrn Schwarzewallde und Herrn Edgar“. Es ist ein Kurzfilm über zwei Zauberer, die versuchen, sich mit ihren Tricks gegenseitig zu überbieten. Die Tricks werden mit einer als Stop-Motion-Technik bekannten Methode aufgezeichnet. Eine Technik, die Švankmajer in den kommenden Jahren noch bedeutend prägen sollte und die zu seinem Markenzeichen wurde.

František Dryje ist ein Freund des Künstlers. Er ist Mitglied derselben Gruppe von Surrealisten gewesen und hat beratend an der Ausstellung mitgewirkt. Dryje ist auch Co-Autor einer Monographie über Jan Švankmajer. Exklusiv für Radio Prag spricht er über den Mensch und Künstler Švankmajer:

Foto: Jakub Krásný, Archiv des Tschechischen Rundfunks
„Er hat diese Technik ausgiebig genutzt. Er bewegt die Kamera nicht, er nimmt zunächst ein Objekt auf, filmt es erneut in anderer Position, und schneidet die Aufnahmen am Ende zusammen. Das ist in seiner Wirkung sehr charakteristisch für seine künstlerische Handschrift, für die gesamte Ästhetik seiner Filme. Das ist aber nur eine technische Seite, die für seine Filme charakteristisch ist. Er hat aber immer Inhalte vermitteln wollen, niemals die technischen Finessen.“

Die Inhalte von Švankmajers Filmen sind immer menschliche Emotionen – es geht es um Angst, Konflikte, Liebe und Schmerz. František Dryje erklärt den Ansatz:

„Es ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Und der Surrealismus basiert auf Irrationellem: Das kann ein Traum sein oder gerade auch Angst.“

Für Švankmajer ist der Surrealismus die beste Form, menschliche Emotionen darzustellen. Zu Beginn der 1970er Jahre bindet er sich vollständig an diese Kunstform.

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
„Meiner Meinung nach ist es von Bedeutung, dass sich Švankmajer schon seit 1971 explizit dem Surrealismus verschrieben hat. Der Surrealismus war das für sein Weltverständnis ideologisch und schöpferisch prägende Konzept. Er war auch Mitglied einer surrealistischen Gruppe, die sich in dieser Zeit um Vratislav Effenberger gegründet hatte. Und Jan Švankmajer ist heute eines der bekanntesten Mitglieder dieser Gruppe und dieser Denkrichtung.“

Mitglied dieser Gruppe um Vratislav Effenberger war auch Švankmajers Ehefrau Eva. Sie war ebenfalls Künstlerin, berühmt wurde sie vor allem durch ihre Bilder. Nebenbei dichtete sie und beteiligte sich an den surrealistischen Skulpturexperimenten der Gruppe. In der Ausstellung sind verschiedene Bilder von ihr zu sehen. Am eindrucksvollsten sind die Plakate für Švankmajers Film „Něco z Alenky“. Der Film orientiert sich an Lewis Carrols Buch „Alice im Wunderland“, allerdings hat der Künstler etliche Charaktere und die Handlung leicht abgeändert. Die Hauptfigur Alice wird von einer Schauspielerin verkörpert, alle anderen Charaktere sind in Tricktechnik gefilmt. Dem Film und seinen Figuren ist in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet. Auch František Dryje ist von diesem Film besonders angetan:

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
„Mir gefällt der Film ‚Něco z Alenky“ am besten. Aber ich könnte nicht sagen, dass die anderen Filme besser oder schlechter sind. Bei vielen Objekten oder Collagen, die man in der Ausstellung sehen kann, geht es gerade um den Dialog zwischen frei geschaffenen Objekten, die den Weg in seine Filme gefunden haben, und jenen Kulissen oder Figuren, die er extra für den Film geschaffen hat.“

Die Ausstellung platzt fast vor Exponate, auch wenn man bei einigen Stücken eher von Kreaturen sprechen müsste. Es stehen sich Fantasieprodukte wie aus einem Horrorfilm gegenüber, Skelette von Tieren, die teils aus Knochen, teils aus anderen, wild zusammen gewürfelten Materialien bestehen und immer beängstigend wirken. Aber auch Marionetten, Büsten und Installationen erwarten den Besucher, manchmal wirkt die Ausstellung wie eine Mischung aus traditioneller Kunst, Pop-Art und moderner Installationskunst, gepaart mit filmerischen Elementen.

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
Švankmajers Werk wirkt zunächst nicht politisch, eher gesellschaftskritisch. Seine Werke sind oft sexualisiert, aber weder exhibitionistisch noch pornografisch. Ein besonders eindrucksvolles Artefakt aber zeigt auch seine politische Seite: Auf einem Sockel steht eine Stalinbüste, symmetrisch mit der tschechischen Flagge bemalt. Sicherlich etwas, was sich der Künstler während der Zeit des Kommunismus nicht erlauben durfte. Generell waren die kommunistischen Herrscher vom Surrealismus der Gruppe um Effenberger nicht besonders begeistert. František Dryje:

„Diese surrealistische Gruppe, deren Mitglied ich seit 1979 bin und Švankmajer seit 1971, gab es ja schon seit den 1950er Jahren. Sie arbeitete – mit einer kleinen Unterbrechung in den 1960er Jahren – stets im Untergrund. Ich würde dazu nicht Illegalität sagen, aber doch im Untergrund.“

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
Effenberger selbst war am tschechoslowakischen Filminstitut tätig. 1954 wurde er dort entlassen und musste als einfacher Arbeiter sein Geld verdienen. Von 1966 bis 1970, kurz vor und nach dem Prager Frühling also, konnte er wieder künstlerisch wirken. 1970 aber teilte er das Schicksal vieler Nonkonformisten, Reformer und Künstler und musste erneut einer unqualifizierten Tätigkeit als Arbeiter nachgehen. 1969 erschien die erste Ausgabe der surrealistischen Zeitschrift „Analogon“, die Effenberger redigierte. Es sollte für lange Zeit auch die letzte Ausgabe bleiben. Heute gibt es sie wieder, ihr derzeitiger Chefredakteur ist eben František Dryje:

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
„Niemand von uns ist emigriert. Ich würde sagen, wir haben nicht illegal, sondern inoffiziell gearbeitet. Wir haben im Samisdat Sammelbände herausgegeben und nicht-öffentliche Ausstellungen und Diskussionen in Ateliers organisiert. Wenn es möglich war, haben wir auch im Ausland publiziert. Vor allem in den 1980er Jahren haben wir versucht, die Samisdat-Publikationen irgendwie zu verbreiten.“

Für Jan Švankmajer war die kommunistische Zeit zwar schwierig, aber filmen konnte er trotzdem. Dryje erzählt, wie es ihm geglückt ist:

Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
„Švankmajer ist in seinem Wirken eine Ausnahme. Er konnte in den 1970er und 1980er Jahren tatsächlich seine Filme drehen. Natürlich war das immer mit Schwierigkeiten verbunden, in den 1970er Jahren stand er sieben oder acht Jahre auf dem Index. Aber danach wurde ihm wieder erlaubt, einen Film zu drehen. Er versuchte sich immer durch die kommunistische Zensur durchzuwurschteln, und das gelang ihm, weil er animierte Filme machte. Diese wurden nie als Gefahr wahrgenommen, sondern immer als Märchen oder Kinderfilme, was natürlich überhaupt nicht stimmte.“



Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
Die Ausstellung „Možnosti Dialogu“ – Möglichkeiten des Dialogs ist eine Bilanz des Werkes von Jan Švankmajer. Umfangreich deckt sie jede Phase seines Schaffens ab, stellt jede Nuance und jeden Irrweg dar. Die schiere Fülle der Exponate erschlägt den Besucher, lässt ihn aber auch erahnen, was dieser Künstler geschaffen hat.

In der Ausstellung findet man auch einen Briefwechsel mit dem tschechischen Staatspräsidenten, der Švankmajers Geisteshaltung verdeutlicht: Als Václav Klaus ihm 2011 für sein Lebenswerk einen Orden verleihen will, lehnt Švankmajer dies ab. Der Staat sei organisierte Gewalt, eine Quelle der Repression und Manipulation. Während seines gesamten Wirkens habe er immer auf der anderen Seite dieses Ufers gestanden, so die Begründung Švankmajers.


Foto: Archiv der Galerie der Haupstadt Prag
Die Ausstellung Jan Švankmajer – „Možnosti Dialogu“ ist in der Galerie der Stadt Prag am Altstädter Ring Nummer 13 zu sehen. Sie ist noch bis zum 3. Februar immer von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 20 Uhr geöffnet.