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4) Das Essen, der Tastsinn und die Kindheit: Die Imagination des Jan Švankmajer

„Tücken des Gesprächs“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Alice“ und „Otesánek“ („Little Otik”) oder die Kurzfilme „Das kleine Fressen“ und „Tücken des Gesprächs“ gehören zu den berühmtesten Filmen von Jan Švankmajer. Der surrealistische Künstler beeinflusste Tim Burton, Terry Gilliam sowie weitere namhafte Regisseure. Für seine Filme erhielt er zahlreiche Preise. Švankmajer ist vermutlich der am meisten anerkannte tschechische Filmemacher im Ausland. Nie drehte er Mainstream-Filme. Seine Werke sind thematisch und visuell nicht einfach zu deuten. Über seine Inspirationsquellen und den Stil seiner Filme wurden Bücher geschrieben. Es entstehen sogar Filme über ihn. Im vergangenen Jahr drehten Jan Daňhel und Adam Oľha einen abendfüllenden Dokumentarfilm mit dem Titel „Alchymická pec“ („Athanor: The Alchemical Furnace“). Es handelt sich nicht nur um eine Zusammenfassung der Werke des bekannten Regisseurs, Animators und bildenden Künstlers. In dem spielerischen Film verrät Švankmajer auch einiges über dem Ursprung seiner Kreativität sowie seine Persönlichkeit.

Film „Hmyz“  (Foto: CinemArt)

Jan Daňhel und Adam Oľha arbeiteten mit Jan Švankmajer an dessen bisher letztem Film „Hmyz“ („Insects“, 2018), Daňhel als Cutter, Oľha als Kameramann. Švankmajer und Produzent Jaromír Kallista brachten damals den Wunsch zum Ausdruck, ihr Schaffen in einer Dokumentation festzuhalten, erzählt Jan Daňhel:

Jan Daňhel  (Foto: Tomáš Vodňanský,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Es sollte sich nach ihren Vorstellungen nicht nur um Švankmajers Porträt handeln, sondern viel mehr um einen Querschnitt durch die Produktion ihrer Filmgesellschaft Athanor. Nachdem der Film ,Hmyz‘ beendet worden war, fingen wir mit den Dreharbeiten an. Nach drei Jahren war unser Streifen fertig.“

Adam Oľha  (Foto: ČT24)

Adam Oľha fügt hinzu:

„Obwohl über Švankmajer viele Bücher und Artikel geschrieben worden sind, bietet der Film als Medium andere Möglichkeiten und erlaubt uns, den Protagonisten beim Arbeitsprozesse zu zeigen. Und dies war unser Ziel.“

Enthüllung des versteckten Lebens durch Animation

Jan Švankmajer  (Foto: Jindřich Nosek,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0)

Jan Švankmajer lässt sich oft durch seine Kindheitserlebnisse inspirieren. Eine enge Beziehung zu Marionetten und zur bildenden Kunst hatte er schon sehr früh, als er von den Eltern ein Marionettentheater bekam. Er studierte an der Hochschule für Kunstgewerbe in Prag und setzte das Studium am Lehrstuhl für Marionettentheater an der Theaterfakultät der Akademie der Musischen Künste fort. Zuerst arbeitete er zwei Jahre lang im Theater Laterna magika. 1964 drehte er seinen ersten Kurzfilm „Der letzte Trick“ („Poslední trik pana Schwarcewalldea a pana Edgara“). Während der Zeit der sogenannten „Normalisierung“, nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei, erschwerte die Zensur dem Künstler die Arbeit. In den Jahren 1972 bis 1979 wurde ihm ein Drehverbot auferlegt. Er konzentrierte sich damals auf das Bühnenbild.

Film „Faust“  (Foto: Bontonfilm)

Im Filmbereich setzte sich Švankmajer mit dem kurzen Animationsfilm „Tücken des Gesprächs“ durch. Dafür erhielt er 1983 den Grand Prix beim Festival der Animationsfilme in Annecy und im selben Jahr auch den Goldenen Bären bei der Berlinale. Der erste abendfüllende Film „Alice“ entstand 1987 in einer schweizerischen Produktion und machte Švankmajer weltberühmt. Anfang der 1990er Jahre kaufte der Filmemacher gemeinsam mit dem Produzenten Jaromír Kallista ein altes Kino in der Gemeinde Knovíz nahe Kladno / Kladen und gründete dort sein Filmstudio Athanor. Auch seine folgenden Filme „Faust“ und „Otesánek“ („Little Otik“) wurden mit Preisen ausgezeichnet. In seinen späteren Filmen nutzt der Regisseur immer weniger Animation und zog den Einsatz von Schauspielern vor.

Dokumentarfilm „Alchymická pec“  (Foto: Totalfilm)

Švankmajer verstehe Animation im Unterschied zu anderen tschechischen Regisseuren eher als ein Prinzip der Belebung, erklärt Jan Daňhel:

„Er begreift sie animistisch. Wenn ein Ding, das Gedächtnis und Geschichte hat, von jemandem berührt wird, ist es nach Švankmajer möglich, diese Erlebnisse und Spannungen durch die Animation erneut hervorzurufen. Er setzt die Figuren nicht in Bewegung, sondern animiert sie im Sinne der Stimulation und Enthüllung eines versteckten Lebens.“

Dokumentarfilm „Alchymická pec“  (Foto: Totalfilm)

Im Dokumentarfilm „Alchymická pec“ erzählt Švankmajer, er habe eine sehr liebe Mutter gehabt. Wenn er jedoch etwas Schlechtes machte, dann bestrafte sie ihn. Einmal ließ sie ihn auf einer Raspel knien. Das war für Švankmajer ein sehr prägendes Erlebnis, das er später in seinen Filmen nutzte. Mit dem Phänomen des Tastsinns und damit, wie dieser in verschiedenen Kulturen und der Kunst zum Ausdruck kommt, befasste sich Švankmajer vor allem in den 1970er Jahren, als er nicht filmen durfte, sagt Jan Daňhel:

„Spiklenci slasti“  (Foto: Delfilm)

„Der Tastsinn ist für ihn im Vergleich mit dem Sehen, das durch die Zivilisation gleichgeschaltet wurde, ein unverdorbener Sinn. Es ist ein primärer Sinn. Durch das Tasten kommuniziert ein Neugeborenes mit der Mutter, bevor es sehen kann.“

Adam Oľha ergänzt seinen Kollegen:

„Mužné hry“  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Den Tastsinn nutzen wir jeden Tag, aber wir nehmen ihn nicht so wahr wie das Bild oder den Ton. Der Tastsinn schafft es, beim Menschen nicht nur Gedanken, sondern auch Erinnerungen an die Zeit hervorzurufen, in der er sich als Kind zum ersten Mal mit seiner Umgebung vertraut machte. Und dieses Gefühl will Švankmajer auch in seinen Spätwerken aufrechterhalten, um sich immer wieder an Dinge erinnern zu können, als sie ihm zum ersten Mal begegneten. Sein Schaffen geht vom Moment dieses ersten Erlebnisses aus. Darum ist es für viele Menschen einzigartig. Es kann in jedem von uns Gefühle wecken, die mit einer üblichen Animation nicht zu erreichen sind.“

Das Essen als Symbol der aggressiven Zivilisation

Film „Fleischliche Liebe“  (Foto: YouTube)

Zwei rohe Fleischstücke verlieben sich in einander, als sie sich im Spiegelbild der Gabel sehen, sie kommen sich näher, tanzen miteinander, wälzen sich im Mehl, bis sie gemeinsam in die zischende Pfanne geworfen werden.

Der Film „Fleischliche Liebe“ ist eine Minute lang. Das Thema Essen kommt in Švankmajers Filmen oft vor, es stellt für den Regisseur die Aggressivität der Zivilisation dar. Jan Daňhel zufolge handelt es sich um ein Trauma aus der Kindheit:

Film „Das kleine Fressen“  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

„Er war ein Kind, das nicht essen wollte. Man versuchte ihn, wie eine Gans zu mästen. Er wurde sogar in Ferienlager geschickt, wo er besser ernährt werden sollte. Damals entstand für ihn ein großes Problem, dass er in vielen Filmen thematisiert. Ein Kurzfilm vom Anfang der 1990er Jahre heißt sogar ,Jídlo‘ (,Das kleine Fressen‘). Da nimmt das Essen kein gutes Ende, es geht eigentlich um das Prinzip des Kannibalismus.“

Film „Spiklenci slasti“  (Foto: Delfilm)

Über das Essen in seinen Filmen redete Jan Švankmajer vor mehr als zehn Jahren in einem Gespräch für den Tschechischen Rundfunk:

„Das Essen ist ein Symbol dieser genusssüchtigen Zivilisation, die alles, was ihr begegnet, auffrisst, verdaut, verwandelt und in Form von Geld ausscheidet. Es ist eine verfressene, aggressive Zivilisation. Ich arbeite im Film oft mit großen Details des Mundes. Und die Schauspieler suche ich nach ihren Augen und ihrem Mund aus.“

Film „Otesánek“  (Foto: Warner Bros)

Über die heutige Zivilisation spricht Švankmajer auch in dem neuen Dokumentarfilm nicht gerade schmeichelhaft. Mit seinem gesamten Werk stelle der Regisseur die gegenwärtige Gesellschaft in Frage, meint Adam Oľha:

„Mir gefällt, dass er keine Kompromisse macht und immer offen das sagt, was sich die anderen nicht zu sagen trauen. Es stimmt, dass unsere Zivilisation von Ideen beeinflusst ist, die wir als Menschheit entwickelt haben. Sie vergisst dabei jedoch etwas Wichtiges, das im Hintergrund geblieben ist. Unsere hochentwickelte Gesellschaft ermöglicht uns, den Komfort zu genießen, aber eben nicht Dinge zu durchschauen, die sich im Bereich der Magie und der Träume abspielen und die früher für viele Völker maßgebend waren.“

Jan Švankmajer behauptet, es gebe keinen Durchschnittszuschauer. Er ist davon überzeugt, dass jede Interpretation eines Films richtig ist. Jeder hat dem Regisseur zufolge den Anspruch, ein Werk auf seine eigene Weise zu deuten. Adam Oľha dazu:

Adam Oľha mit Jan Švankmajer  (Foto: ČT24)

„Ihn interessiert, wie der einzelne Zuschauer den Film wahrnimmt. Švankmajer denkt nicht an  d a s  Publikum, sondern versteht dieses als eine Masse von Einzelpersonen, von denen jede seine Filme anders deutet. Er will nicht, dass sein Film nach einer universellen Gebrauchsanweisung aufgenommen wird. Und er versucht nicht, den Film übersichtlich zu gestalten. Im Gegenteil, er zerlegt ihn gern in Situationen, aus denen jeder eine auswählen muss.“

Universelle Filmsprache

Film „Dunkelheit/Licht/Dunkelheit“  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

Švankmajer feiert seit Jahrzehnten Erfolge in der ganzen Welt. Seine Popularität hänge damit zusammen, dass er eine universelle Sprache nutze, was die künstlerischen Ausdrucksmittel betrifft, meint Adam Oľha:

Film „Faust“  (Foto: Bontonfilm)

„Er ordnet nicht alles nur dem Sehen und Hören unter, sondern greift tiefer zu den Inspirationsquellen aus der Kindheit, in der die Imagination entstand. Jeder von uns ist imstande, sich in die eigene Kindheit zurückzuversetzen. Es ist egal, ob jemand aus Japan oder aus Mexiko kommt, der Prozess ist derselbe. Švankmajers Filme bleiben von den Übeln der Zivilisation unversehrt. Sie sind kritisch gegenüber der Gesellschaft quer durch die politischen Systeme. Darum kann seine Filmsprache auch in Japan wirken.“

Eva Švankmajerová  (Foto: Tschechisches Fernsehen)

An einigen Filmen arbeitete Jan Švankmajer mit seiner Frau Eva zusammen. Beide beteiligten sich seit den 1970er Jahren an den Aktivitäten der Gruppe von Surrealisten in der Tschechoslowakei. Ohne Eva wäre Švankmajers Schaffen nicht so intensiv und stark, meint Jan Daňhel:

„Eva war sehr kritisch, und ihr Mann musste ständig auf Draht sein. Sie schufen gemeinsam einige Filme, die ohne Evas Handschrift gar nicht entstanden wären.“

Das Essen, der Tastsinn und die Kindheit seien die thematischen Grundlagen, auf die sich Švankmajer stütze, fasst Jan Daňhel zusammen.

Film „Alice“  (Foto: © Channel Four Films)

„In der Kindheit entsteht eine mental morphologische Struktur für den Menschen, die ihn anschließend sein ganzes Leben lang beeinflusst. Laut Freud ist der Mensch mit drei Jahren schon eine fertige Persönlichkeit. Švankmajer kehrt immer wieder in die Zeit des Kennenlernens zurück. Ein Kind lernt die Welt spielend kennen. Trotzdem ist es für das Kind eine ernsthafte Sache. Den Moment, in dem Ängste erlebt werden, die in der Kindheit zunehmen, verwandelt der Regisseur in eine infantile Energie. Wie man sehen kann, verleiht diese auch dem 85-jährigen Künstler eine unglaubliche Kraft.“

Film „Hmyz“  (Foto: CinemArt)

Nachdem Švankmajer den Film „Hmyz“ gedreht hatte, schrieb er zwei Romane.  Er fertigt weiterhin große Zyklen von Zeichnungen an. Zudem hat er schon wieder begonnen zu drehen. Der neue Film soll seine Sammlungen, die während seines ganzen Lebens entstanden sind, zugänglich machen. Sie umfassen mystische Artefakte, Fetische sowie magische Kunst. Švankmajer bezeichnete das Sammeln einst im Tschechischen Rundfunk als seine letzte Obsession:

Foto: Anton Kajmakow

„Ich habe einen Speicher im Böhmerwald gekauft und ihn in eine manieristische Kunstkammer oder ein Kabinett von Kuriositäten umgewandelt. Der Unterschied zwischen einem Museum und einer Kunstkammer besteht darin, dass das Museum belehren oder ästhetisch anregen soll. Dort geht es um Chronologie, und der Inhalt wird nach objektiven Maßstäben sortiert. Die Kunstkammer soll die Menschen nicht belehren, sondern sie in die Imagination einweihen.“

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