Blanka Mouralová vom Collegium Bohemicum: „Wir Tschechen sind hier ziemlich zufrieden“

Blanka Mouralová

Sie ist Kosmopolitin, sie hat Studien- und Arbeitsaufenthalte in Kalifornien, Wien, London und Berlin hinter sich. Nach über vier Jahren als Leiterin des Tschechischen Zentrums in Berlin ist Blanka Mouralová nun Direktorin des Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem und kümmert sich in dieser wissenschaftlich-kulturellen Bildungseinrichtung um das deutsch-tschechische Kulturerbe in den böhmischen Ländern. Christian Rühmkorf hat Blanka Mouralová vor das Mikrophon gebeten und mit ihr über aktuelle Projekte, aber auch ihren Blick auf die gesellschaftlichen Veränderungen in Tschechien gesprochen.

Blanka Mouralová
Blanka Mouralová, kommen wir zunächst zu etwas Aktuellem. Sie sind Direktorin des Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem, zu Deutsch Aussig. Ihre Hauptaufgabe ist zurzeit die Vorbereitung einer großen Ausstellung zum deutschen Kulturerbe in den böhmischen Ländern. 2012 soll die Ausstellung losgehen. Was erwartet da den Besucher ganz konkret? Nur nüchterne Informationstafeln?

„Auf keinen Fall. Wir wollen zum Schwerpunkt der Ausstellung Originalexponate machen, und sind jetzt eigentlich auf der Suche nach vielen Originalexponaten. Das heißt, dass wir angewiesen sind auf den Dialog, auf Kontakte zu vielen Museumspraktikern, denen wir unsere Ausstellungskonzeption vorstellen und mit denen wir dann die Gegenstände suchen.“

Seife der Firma Schicht
Was könnte das zum Beispiel sein, so ein Originalexponat?

„Also wir haben bei der Pressekonferenz im Kulturministerium (Mitte September, Anm. d. Red.) einen Gegenstand präsentiert. Das ist eine Kiste mit der Seife der Firma Schicht. Das ist eine Marke, die eigentlich sehr gut bekannt ist in Tschechien, wobei nicht immer allen klar ist, wer eigentlich der Schicht war und wie seine persönliche Geschichte aussah. Er hat die Fabrik in Ústí na Labem, in Aussig aufgebaut, die es heute noch gibt. Das ist eine Marke, die jeder kennt, aber nicht notwendigerweise mit einem Deutschen verbindet. Und wir wollen eigentlich diese Zusammenhänge klarmachen.“

Sie waren fast fünf Jahre im Ausland – bevor sie dann Direktorin des Collegium Bohemicum wurden, und zwar als Direktorin des Tschechischen Zentrums in Berlin. So etwas wie das Goethe-Institut. Gerade in den letzten paar Jahren hat man den Eindruck, dass viel in der tschechischen Gesellschaft passiert, was den Umgang mit der Vergangenheit betrifft. Da war der Film von David Vondráček „Töten auf Tschechisch“, da waren die Ausgrabungen des Dobronín-Massakers. Wie kommt es, Ihrer Meinung, dass das jetzt alles passiert?

„Töten auf Tschechisch“
„Es kommt einfach mit der Zeit. Ich habe häufig in Deutschland Gespräche geführt zu diesem Thema des Umgangs mit der deutsch-tschechischen Geschichte in Tschechien. Und da habe ich immer argumentiert, dass man eigentlich nicht vergessen darf, dass fast 50 Jahre lang dieses Thema in Tschechien tabu war. Es wurde zielgerichtet von den Kommunisten politisch und ideologisch ausgenutzt. Das heißt, es gibt viele Generationen, die in der Schule gar nichts mitbekommen haben von der Geschichte der Deutschen in Böhmen oder von den deutsch-tschechischen Beziehungen. Die Deutschen wurden durch die Kommunisten eigentlich immer mit Nationalsozialismus gleichgesetzt, weil es auch eine Art Selbstberechtigung für die kommunistische Regierung bedeutete. ´Die sollten uns doch vor den Nazis schützen´ - das blieb als Ideologie im Grunde die ganze Zeit. Und erst nach der Wende kam die Zeit, als wir uns frei mit diesem Thema auseinandersetzen konnten. Im Film hat es zehn Jahre lang gedauert, bis man viele Filme zu diesem Thema gedreht hat. Genauso lange hat wahrscheinlich die Gesellschaft gebraucht. Aber seit dieser Zeit können wir eigentlich viele Projekte sehen, die gerade in den Grenzregionen durchgeführt werden. Zum Beispiel wenn man ein neues Image für die Region oder für die Stadt sucht, ein neues Profil, oder einfach die Identität des Ortes neu definieren möchte, dann kommt man oft um das deutsch-tschechische Thema oder um das deutsche Thema nicht herum. Und in erster Linie die junge Generation, die hat da gar keine Schwierigkeiten, sich ganz offen mit diesem Thema auseinanderzusetzen.“

Collegium Bohemicum  (Foto: www.collegiumbohemicum.cz)
Da möchte ich gleich anknüpfen. Ihre Prognose: Wie wird sich die tschechische Gesellschaft dadurch verändern, durch diese Art von Aufarbeitung? Wird sie sich spalten?

„Das glaube ich nicht. Meine Hoffnung – und ich hoffe, das ist eine berechtigte Hoffnung – ist, dass man eigentlich die Vielfalt, die es in der Geschichte der böhmischen Länder gibt, die auch viel zu tun hat mit der früheren Anwesenheit der Deutschen, dass wenn wir diese Vielfalt wieder erkennen und wieder entdecken, dass wir dann auch viel offener werden und nicht so isoliert und abgeschlossen in uns selber, wie die tschechische Gesellschaft so ein bisschen ist; dass wir die die Chancen und Möglichkeiten der Aufgeschlossenheit gegenüber den Nachbarländern und gegenüber Europa überhaupt entdecken.“

Foto: Europäische Kommission
Kommen wir zu Ihnen ganz persönlich. Sie haben in den 90er Jahren Politologie an der Prager Karlsuniversität studiert. Was reizt Sie an der Politik?

„Das war ganz klar. Ich war 15 Jahre alt im Jahre 1989, das heißt in der zweiten Klasse am Gymnasium, habe also die Wende miterlebt, sehr bewusst und habe seit der Zeit die Politik verfolgt. Eines der Motive, Politikwissenschaft zu studieren, hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich die Übersicht haben wollte, damit mir nicht passiert, was vielen früher passiert ist, und zwar dass man sich irgendwie manipulieren lässt.“

Tschechen haben in Europa den Ruf Anti-Europäer zu sein. Spätestens seit sich Präsident Klaus im Gerangel um den Lissabon-Vertrag laut zu Gehör gebracht hat. Sie selbst sind in der Europäischen Bewegung engagiert. Wieso sind viele Tschechen so skeptisch – und wieso ist das bei Ihnen anders?

„Bei mir ist es wahrscheinlich anders, weil ich viele Jahre im Ausland gelebt habe und Europa für mich kein leerer Begriff ist. In Tschechien, glaube ich, gibt es da tatsächlich eine Teilung in der Gesellschaft, in dem Sinne, dass diejenigen, die Auslandserfahrungen gemacht haben, auch gerne im Ausland bleiben. Die fühlen sich da gut, die sind pro-europäisch, kommen dann nicht immer wieder zurück in die Tschechische Republik. Es ist eine aktive Minderheit. Und bei den anderen, die nicht viel von Europa wissen können – da sind wir bei dem Thema Medien oder bei dem Thema, welche Informationen die Politik über Europa rüberbringt – die glauben, dass sie Europa nicht brauchen. Das ist eigentlich die Selbstverschlossenheit der Gesellschaft, die da zu spüren ist. Es hat aber auch eine positive Seite. Und zwar: Wir Tschechen sind eigentlich hier bei uns in Tschechien ziemlich zufrieden. Man kann auch selbstzufrieden sagen. Aber wir lieben das Land, haben nicht vor, ins Ausland zu gehen oder wegen der Arbeit wegzugehen. Man ist hier zufrieden und damit ist eigentlich auch ein bisschen das Desinteresse, an dem, was woanders stattfindet, verbunden.“

Sagt Blanka Mouralová, Direktorin des Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem, in Aussig. Herzlichen Dank für das Gespräch.

„Vielen Dank.“