Brünn bedauert die Vertreibung der Deutschen

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Als erste tschechische Stadt hat die mährische Metropole Brünn vergangene Woche Donnerstag offiziell die Vertreibung deutscher Einwohner nach dem 2. Weltkrieg bedauert. Beinahe ein Jahr nachdem die tschechische Bürgervereinigung "Jugend für interkulturelle Verständigung" die Stadtoberen dazu aufgefordert hatte, ihr Schweigen zum berüchtigten Brünner Todesmarsch zu brechen, liegt damit ein erstes Ergebnis vor. Wie es zu dieser Bedauernsbekundung kam, warum es so lange dauerte und wie die Vertreter der Bürgervereinigung aber auch der ehemaligen Vertriebenen, bzw. der deutschen Minderheit in Brünn, die Erklärung des Stadtrates beurteilen, erfahren Sie in diesem Schauplatz von und mit Olaf Barth.

Am 30. Mai 1945 mussten sie ihre Habseeligkeiten packen und sich am nächsten Tag auf dem Mendelsplatz in Brünn versammeln. Unter der Aufsicht bewaffneter tschechischer Partisanen setzte sich von dort aus der Zug der deutschen Einwohner Brünns in Richtung Österreich in Bewegung. Insgesamt wurden ungefähr 20 000 Deutsche auf den "Todesmarsch" geschickt. Genaue Zahlen, wie vielen Menschen dieser Marsch das Leben kostete, liegen nicht vor. Die Angaben schwanken zwischen einigen Hundert und 1500, je nachdem, welche Quelle man verwendet. Ebenfalls noch nicht geklärt ist, ob die Menschen ausschließlich vor Erschöpfung, wegen verschiedener Krankheiten oder auch durch unmittelbare Gewaltanwendung der Aufseher zu Tode kamen.

Es war wohl auch ein Ziel der vom Stadtrat vor einem Jahr eingesetzten Kommission, Licht in dieses Dunkel der Geschichte zu bringen und überdies die Verantwortlichkeit für die Tragödie festzustellen. Doch keins von beidem gelang so richtig. Zwar habe, laut dem Vorsitzenden der Kommission Jiri Löw, tatsächlich der damalige Stadtrat den Abtransport der Deutschen aus Brünn beschlossen, aber:

"Eine andere Sache ist es, wie es dazu kam, dass die Leute nicht nur nach Rajhrad, wie es befohlen wurde, sondern auch weiter geführt wurden - nach Pohorelice, Mikulov und bis nach Österreich. Darüber wissen wir nichts. Es war keine Anordnung des Stadt- oder Landesausschusses, auch die Stadtvertreter waren davon überrascht. Wahrscheinlich kam es zu dieser Entscheidung ad hoc, jemand hat gesagt, wir werden den Umzug weiter führen. Es handelte sich aber nicht um die Ausführung einer rechtlichen Entscheidung."

Die Erklärung, die der Stadtrat vergangene Woche veröffentlichte, enthält weder eine Entschuldigung noch eine Verurteilung der Vertreibung. Und genau deswegen wurde die Erklärung zwar vereinzelt als erster Schritt in die richtige Richtung anerkannt, aber es prasselte auch Kritik auf die Stadtoberen nieder. Zwiespältig sieht man die Erklärung auch bei der Bewegung "Jugend für internationale Verständigung", die vor einem Jahr mit einer Forderung zur Stellungnahme an die Stadt herantrat und damit den Aufarbeitungsprozess in Gang setzte. Ich fragte den Sprecher der Bewegung, Ondrej Liska, ob er mit der Brünner Erklärung zufrieden sei:

Ein Mitglied der Brünner Kommission, die Vertreterin des deutschen Kulturverbandes Brünn, Dora Müller, distanzierte sich schließlich von der Erklärung. Ob sie also auf eine Entschuldigung und Verurteilung der Vertreibung seitens der Stadt bestehe, wollte ich von ihr wissen:

Der entscheidende Satz der Erklärung, nämlich der, in dem man zumindest sein Bedauern gegenüber den Vertriebenen ausdrückt, sei ohnehin nur auf ihre nachdrückliche Forderung hin aufgenommen worden und dabei habe sie bei der Formulierung noch einige Abstriche machen müssen, damit er überhaupt erschien, fügte Dora Müller hinzu. Ausdrücke wie "Todesmarsch" oder "wilde Vertreibung", wie von ihr eingebracht, seien strikt abgelehnt worden.

Herr Löw, konfrontiert mit der Vorhaltung von Frau Müller, dass eine Verurteilung der Vertreibung in der Erklärung fehle, entgegnete gegenüber Radio Prag:

"Ich glaube, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Dass wir diese Vertreibung verurteilen ist selbstverständlich, man muss das nicht nur im Falle Brünns betonen. Der ganze Staat und alle Leute verurteilen natürlich jede kollektive Schuld und jede kollektive Straftat, jede Vertreibung der Leute aus ihrer Heimat, sei es hier oder im Kosovo, egal zu welcher Zeit."

Auf diese Aussage des Vorsitzenden der Kommission antworteten Herr Liska und Frau Schmidt beinahe unisono:

Wie Herr Liska angemerkt hat, waren etliche wichtige Fakten und Zeugenaussagen, die vor der Kommission gemacht wurden, in dem offiziellen Historikerbericht gar nicht enthalten. Darüber hat sich auch das Kommissionsmitglied Frau Müller gewundert und sie berichtet:

Und wie wird es nun weiter gehen? Weder Herr Liska noch Frau Müller glauben, dass der Stadtrat seine Erklärung noch um den Zusatz einer Entschuldigung oder wenigstens einer Verurteilung der Vertreibung erweitern wird.

Deshalb will die "Jugend für multikulturelle Verständigung" die Sache jetzt selbst in die Hand nehmen und hat angekündigt, eigene Recherchen anzustellen und eine Historikerkonferenz ins Leben zu rufen:

Soweit Ondrej Liska.

Autor: Olaf Barth
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