Charta 77

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Vor 25 Jahren trat zum ersten Mal eine Initiative von regimekritischen Bürgern, Intellektuellen und Politikern mit einem Text an die Öffentlichkeit, der die Bezeichnung "Charta 77" hatte. Bis zur Wende unterzeichneten diesen Aufruf im ganzen Land etwa 2000 Bürger. Von Silja Schultheis und Robert Schuster erfahren Sie im folgenden Schauplatz mehr über die Charta 77.

Die Bedeutung des Gründungsaufrufs der Charta 77, welcher in den ersten Januartagen des Jahres 1977 veröffentlicht wurde, war vor allem aus einem Grund ganz besonders groß: Es handelte sich eigentlich um das erste größere Lebenszeichen der Opposition im Land, zumindest seitdem die Sowjets gewaltsam den Prager Frühling 1968 niedergeschlagen hatten. Die Gründung der Charta hatte somit eine wichtige Signalfunktion für die ganze Gesellschaft. Von offiziellen Stellen wurde natürlich die Existenz der Oppositionsbewegung verschwiegen, aber die meisten Texte und Stellungnahmen der Charta gelangten sofort zu den tschechoslowakischen Redaktionen von Radio Free Europe oder der Voice of America und wurden so per Rundfunk im Land verbreitet.

Das kommunistische Regime reagierte auf diese Herausforderung auf seine Weise, also etwa mit Hausdurchsuchungen, Verhören und etlichen Einschüchterungsversuchen. Zwischen 1977 und 1989 wurden viele Wortführer der Bewegung verhaftet und vom Gericht wegen umstürzlerischer Tätigkeit verurteilt. Einige mussten sogar auf Druck der Stasi das Land verlassen und ins Exil gehen. Ein Argument, das die Kommunisten vor allem publizistisch immer wieder zur Geltung bringen wollten, war dass die Charta nicht legitimiert sei (etwa durch Wahlen) und sie nicht die Gesellschaft als Ganzes repräsentiere. Bei näherer Betrachtung lässt sich jedoch feststellen, dass das letztgenannte Argument wohl am wenigsten zutraf.

In der Charta 77 war nämlich ein breites Spektrum von Positionen und Meinungen vertreten. Dort fanden sich ehemalige Kommunisten, die nach 1968 aus der Partei ausgeschlossen worden waren, neben Liberalen und eingefleischten Antikommunisten wieder. Kam es aber angesichts dieser großen Bandbreite nicht zu Konflikten innerhalb der Charta, etwa bei der Formulierung von gemeinsamen Positionen und Aufrufen? Das fragte Radio Prag den Prager Weihbischof Václav Malý, der damals zu den führenden Köpfen der Oppositionsbewegung gehörte.

"Wir haben bei weitem nicht tiefgründig über die Unterschiede und unsere verschiedenen Weltanschauungen gesprochen, denn das, was uns einte, war der große Druck von außen, also von der kommunistischen Regierung. Uns in ging es in der Charta vor allem um die Wahrung der Würde und Meinung jedes einzelnen Menschen. Das hatten wir immer wieder von der kommunistischen Regierung eingefordert, und es war deshalb unser Bestreben, dieses Prinzip auch bei uns zu verwirklichen und zu wahren. Ich denke, dass auch aus diesem Grund die Charta 77 ein gutes Beispiel dafür ist, dass man im Interesse einer gemeinsamen Sache politische oder ideologische Gräben überwinden oder zumindest für eine Zeit hinten anstellen kann."

Wie bereits erwähnt, waren die Kanäle, über die sich die Informationen von und über die Charta verbreiten konnten, sehr beschränkt. Vor allem zu Beginn war man dennoch zumindest bemüht, die offiziellen tschechischen Medien zu informieren und schickte ihnen regelmäßig die Dokumente der Charta 77 zu. Diese Vorgehensweise mag zwar heute, mit Abstand und in Kenntnis der ganzen Zusammenhänge sowie der späteren Entwicklung, verwundern, aber sie hatte dennoch eine gewisse Logik. Sie war nämlich Ausdruck eines strikten Legalitätsprinzips, welches die Charta von Anfang an verfolgte. Die Sprecher der Bewegung, die jedes Jahr neu bestimmt wurden, legten stets großen Wert darauf, dass ihre Texte in Einklang mit den Gesetzen des Landes stehen, um keinen Anlass für ein Vorgehen der Behörden zu bieten. Dennoch folgten auf jede Wortmeldung der Charta prompt Sanktionen. So kam es z.B., dass dem heutigen Bischof Malý damals die Erlaubnis entzogen wurde, sein Priesteramt auszuüben. Malý selbst verweist aber im Gespräch mit Radio Prag noch auf einen weiteren interessanten Aspekt. Oft musste er sich nämlich für seine Unterstützung der Charta nicht nur vor den staatlichen Stellen rechtfertigen, sondern auch im engsten Freundeskreis oder etwa bei den Mitgliedern seiner früheren Pfarrgemeinde:

"Natürlich habe ich von Zeit zu Zeit die Frage gestellt bekommen, wie ich es als Christ mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, der Charta anzugehören, obwohl unter ihren Unterzeichnern auch ehemalige Kommunisten waren, die sich in den 50er Jahren an der Verfolgung von politisch Andersdenkenden beteiligten und dann später nach 1968 aus der Partei geworfen worden. Da habe ich immer geantwortet, dass ich die Charta nicht wegen der einen oder anderen Person unterstützt habe, sondern wegen ihres Anliegens. Zudem meine ich, dass es auch jenen Kommunisten, die nach 1968 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen worden waren, nicht besonders gut erging. Viele hatten aufgrund dessen das System endlich durchschaut und sind zu dessen Gegnern geworden."

Nach der Wende haben viele Unterzeichner der Charta 77 begonnen, sich in der Politik und auch im öffentlichen Leben zu engagieren. Sie übernahmen wichtige Ämter, wurden zu Stadträten, Parlamentsabgeordneten und oft auch zu Ministern. Schon bald zog sich jedoch ein Grossteil von ihnen enttäuscht wieder ins Privatleben zurück. Was waren die Gründe dafür und gibt es dennoch ein spezifisches Merkmal, welches diese Persönlichkeiten mit ihren Erfahrungen aus dem Dissent in die tschechische Politik mitbrachten und dort hinterließen? Das war unsere nächste Frage an Bischof Malý.

"Das ist eine schwierige Frage. Das kam auf jeden Einzelnen an. Viele von denen, die nach 1989 in die Politik gingen, erwarteten von ihrer Umgebung eine gewisse Genugtuung, wenn nicht gar eine Rehabilitierung, was aber meiner Meinung nach keine allzu realistische Erwartung war. Deshalb reagierten viele mit Enttäuschung, sogar mit Verbitterung, als ihnen die Mehrheit der Gesellschaft diese Anerkennen verwehrte. Viele von den früheren Dissidenten brachten eine Art Noblesse, einen Geist des Dialogs in die Politik. Stellvertretend für alle anderen würde ich hier insbesondere Präsident Havel erwähnen, der nicht nur zum Symbol der Charta 77, sondern auch später der Demokratisierung nach 1989 wurde."

Aber auch trotz dieser Entwicklung ist Bischof Malý davon überzeugt, dass die Charta 77 oder zumindest ihre Prinzipien auch heute in einer gewissen Weise weiterleben. Denn obwohl es nach der Wende logisch war, dass die Charta zu existieren aufhörte, und in der Tschechischen Republik sich ein parlamentarisches System westlichen Typs etablierte, seien die Themen und Ziele der Charta nach wie vor aktuell. Denn letztendlich sollten laut Malý der gegenseitige Respekt der Politiker, die Achtung der Menschenwürde und eine Kultur des Dialogs auch heute die Grundlagen jeglichen politischen Handelns in Tschechien sein. Darin besteht laut Bischof Malý vielleicht sogar das Hauptvermächtnis der einstigen Bürgerbewegung. Werden aber gerade diese Prinzipien der Charta 77 nicht einmal den späteren Generationen Anlass zu der Auffassung geben, die Bewegung sei etwa im Vergleich zur polnischen Solidarnosc wenig radikal aufgetreten und habe um jeden Preis den Dialog mit den regierenden Kommunisten gesucht, fragten wir abschließend Weihbischof Václav Malý:

"Man kann die Stellung Charta nicht mit der Position vergleichen, welche die unabhängige Gewerkschaft Solidarnosc in Polen hatte. Die Charta war keine Massenbewegung und wollte das auch nie werden. Ihr Wirken muss in den damaligen zeitgeschichtlichen Zusammenhängen gesehen werden. Hätte nämlich die Charta sofort eine klare Oppositionsstellung bezogen und eine Veränderung des System gefordert, wäre sie damals sofort auseinandergejagt worden. Ich glaube aber dennoch, dass der Weg, den die Charta beschritt, der einzig richtige war. Es war einfach nicht möglich, offen gegen das Regime aufzutreten, denn dann wäre die Charta als offener Feind gebrandmarkt worden und das hätte für die gesamte Oppositionsbewegung in der damaligen Tschechoslowakei unabsehbare Folgen gehabt."