Corona-Pandemie: Telefondienst für Kontaktverfolgung dramatisch unterbesetzt

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Die Nachverfolgung der sozialen Kontakte von Corona-Infizierten spielt eine Schlüsselrolle bei der Eindämmung der Pandemie. Doch genau dafür hat die tschechische Regierung lange viel zu wenig Personal eingesetzt. Experten sehen darin einen Grund für die explosionsartige Verbreitung des Virus in den vergangenen zwei Monaten.

Zdeňka Jágrová (Foto: Archiv des Prager Gesundheitsamtes)

Warnende Töne klangen bereits Anfang September an. Schon damals, als die Tageszahlen an Corona-Neuinfektionen in Tschechien nur knapp über 1000 lagen, kamen die Gesundheitsämter nicht mit der Kontaktverfolgung hinterher. Als Erste schlug Zdeňka Jágrová Alarm, die Chefin des Prager Gesundheitsamtes:

„Wir haben unheimlich viele Infektionsfälle. Wir würden gern mit jedem einzelnen eine ganze Stunde reden, aber das geht einfach nicht. So können wir das nicht schaffen.“

Normalerweise muss ein Neuinfizierter innerhalb von 24 Stunden angerufen und zu seinen persönlichen Kontakten der letzten Tage befragt werden. Angesichts des drastischen Personalmangels wollte der damalige Gesundheitsminister Adam Vojtěch (parteilos) die Telefonate im September auf die Infizierten beschränken, bei denen die Krankheit Covid-19 einen ernsteren Verlauf nahm. Nach scharfer Kritik ruderten er und Jágrová aber ganz schnell zurück und sicherten eine umfassende Erhebung zu.

Illustrationsfoto: Veronika Žeravová, Archiv des Tschechischen Rundfunks

In diesem kritischen Zeitraum waren 578 Telefonisten im Einsatz. Experten hatten allerdings schon im Mai gefordert, mindestens 1000, besser noch bis zu 3000 solcher Stellen zu besetzen. Vladimír Dzurilla gesteht den Fehler von Seiten der Regierung ein. Er ist der Chef der landesweiten Agentur für Kommunikations- und Informationstechnologie und leitet das Projekt der „Smarten Quarantäne“, zu dem die Kontaktverfolgung gehört:

„Wir hätten mehr Menschen für den Telefondienst einsetzen müssen, das ist wahr. Unser Problem lag darin, dass wir mit ihrer Anzahl immer im Rückstand waren.“

Jan Hamáček (Foto: ČTK / Vít Šimánek)

Innenminister Jan Hamáček (Sozialdemokraten) leitet den zentralen Corona-Krisenstab. Er hat nun angekündigt, dieses Versäumnis rückwirkend untersuchen zu lassen. Das wird vor allem das Vorgehen des Gesundheitsministeriums unter seinem damaligen Chef Vojtěch betreffen. Nach Regierungsplänen vom Mai sollte das Personal für die Kontaktverfolgung über ein externes Callcenter gefunden und rekrutiert werden. Dessen Einrichtung hat die Regierung bis heute nicht ausgeschrieben. Er hätte dazu keine Anweisung erhalten, verteidigt sich Vojtěch. Nach seiner Ansicht liegt die Verantwortung dafür bei Jarmila Rážová, der Leiterin aller tschechischen Gesundheitsämter:

„Die Einrichtung eines Callcenters war kein offizieller Vorschlag. Auch die Hygienechefin hat niemanden damit beauftragt. Zumindest mit mir selbst hat sie darüber nicht gesprochen.“

Jarmila Rážová (Foto: Pavel Kozler, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Jarmila Rážová wollte sich aktuell trotz mehrfacher Anfrage im Tschechischen Rundfunk nicht dazu äußern.

Inzwischen sind die Callcenter zu Spitzenzeiten mit rund 1900 Telefonisten besetzt. Dabei helfen vermehrt auch Polizei- und Armeekräfte aus. Aus der Sicht von Michal Bláha kommt die Verstärkung zu spät: Er sei überzeugt davon, dass ein Hauptgrund für die schnelle Ausbreitung des Coronavirus im September gerade in der nicht funktionierenden Kontaktverfolgung liege, lautet die deprimierende Analyse des Gründers der Internetplattform „Hlídač státu“ (Der Staatswächter).

Autoren: Daniela Honigmann , Vojtěch Srnka
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