Das Werk Havels lebt weiter – neue Inszenierungen seiner Bühnenstücke

Václav Havel (Foto: Tomáš Vodňanský, Archiv des Tschechischen Rundfunks)

Václav Havel war nicht nur Bürgerrechtler, erster Staatspräsident der Tschechoslowakei nach der politischen Wende und ab 1993 das erste Staatsoberhaupt der Tschechischen Republik. Havel war auch ein international anerkannter Dramatiker, Schriftsteller und Essayist. Vor 50 Jahren, genau am 3. Dezember 1963, schrieb er das erste Kapitel in der Geschichte des tschechischen absurden Theaters. An diesem Tag fand im Prager Theater „Am Geländer“ die Uraufführung seines Bühnenstücks „Das Gartenfest“ (Zahradní slavnost) statt. Mit diesem Debüt und weiteren Werken wurde der Autor zum bekanntesten tschechischen Nachfolger von Klassikern dieses Genres wie Eugene Ionesco und Samuel Beckett. Am 18. Dezember jährt sich der zweite Todestag von Václav Havel, doch sein künstlerisches Vermächtnis lebt weiter.

Václav Havel  (Foto: Tomáš Vodňanský,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Der Dramatiker Václav Havel (1936) debütierte als 19-Jähriger mit Kritiken für eine Zeitschrift, das ist wenig bekannt. Damals schrieb er sogar auch Gedichte, diese erschienen in den 1960er Jahren in einem Band unter dem Titel „Antikódy“ (Die Anticodes). Berühmt wurde er allerdings erst durch seine Theaterstücke. Wegen seiner - wie es damals hieß - „bourgeoisen“ Herkunft hatte er schon als Jugendlicher Hindernisse zu überwinden. Nach dem Abitur, das er nur an einer Abendschule erlangen durfte, wurde ihm eine Zeitlang auch das Studium an der Theaterhochschule in Prag (DAMU) wiederholt verweigert. Er arbeitete als Bühnentechniker im Theater „Na zábradlí“ (Am Geländer) und später als Hilfsregisseur. 1963, als man ihm letztlich doch erlaubte, Theaterdramaturgie im Fernstudium zu studieren, schrieb er eines seiner erfolgreichsten Theaterstücke: „Das Gartenfest“. Nur ein Jahr später wurde das Drama in vier Akten auch im Westberliner Schiller-Theater inszeniert. 1968 entstand sein Stück „Erschwerte Möglichkeiten der Konzentration“, das im selben Jahr auch ins Deutsche übertragen wurde. Nach der sowjetischen Okkupation der Tschechoslowakei im selben Jahr erhielt er Publikationsverbot, das blieb bis 1989 in Kraft. Havel schrieb aber weiter, zum Teil auch in der Tradition des absurden Theaters.

„Gartenfest“  (Foto: Archiv des Nationaltheaters)
Das allererste Stück aus Havels Feder war zwar 1960 der Einakter „Der Familienabend“, sein Text wurde aber erst 1999 in einem Sammelband veröffentlicht und noch später im Theater gespielt. Seinen ersten großen Erfolg verbuchte der Dramatiker daher mit seinem „Gartenfest“. Aus Anlass seiner Uraufführung vor 50 Jahren wurde es im Prager Nationaltheater von dem renommierten Regisseur Dušan D. Pařízek erneut einstudiert.

Hugo Pludek, der Sohn einer Mittelstandsfamilie, wird zu einem Schulfreund seines Vaters geschickt, dieser soll ihn auf dem Weg ins Berufsleben begleiten. Hugos künftige Karriere soll allerdings vor allem seinen Eltern zum sozialen Aufstieg verhelfen. Eher zufällig landet der junge Mann auf einem Gartenfest, veranstaltet vom „Amt der Auflösung“. Den Schulfreund seines Vaters trifft er dort zwar nicht, doch auch so zeigt sich sein bisher offenbar schlummerndes Talent, Menschen zu manipulieren. Auf dem Gartenfest eignet sich Hugo Pludek schnell die rhetorischen Figuren der anwesenden Beamten an und nutzt sie virtuos für seine Zwecke. Es gelingt ihm, die Bediensteten des „Amtes für Auflösung“ gegen die der verfeindeten Angestellten des „Amtes für Eröffnung“ auszuspielen. Für seine Verdienste wird er bald mit der Aufgabe betraut, Zitat:

„… auf den Trümmern des ehemaligen Amtes für Auflösung und des ehemaligen Eröffnungsdienstes ein neues, großes Amt aufzubauen: die Zentralkommission für Eröffnung und Auflösung“.

„Gartenfest“  (Foto: Archiv des Nationaltheaters)
Hugo ist erfolgreich, für seine Eltern allerdings nicht mehr wiederzuerkennen. Vom stillen, Schach liebenden Jungen ist er zu einem berechnenden Phrasendrescher geworden.

Nicht die Handlung des Stückes war das Wichtigste für seinen Autor, sondern die Floskeln, genauer gesagt der schwindelerregende Wortewirbel der Hauptakteure. Diese haben die gesellschaftlichen Verhältnisse im totalitären Staat verinnerlicht und ihre Instrumentalisierung zu ihrem Lebensstil erhoben. Regisseur Dušan D. Pařízek hat aber versucht, dies in die heutige Zeit zu übertragen. Er möchte vermitteln, dass sowohl das Vokabular als auch die Atmosphäre im 50 Jahre alten Theaterstück manchen Zuschauer von heute an Momente erinnern dürfte, die er bei Firmenpartys, Tanzveranstaltungen oder verkaufsfördernden Warenpräsentationen erlebt hat. Der Regisseur hat Havels Text stark gekürzt, um den Bezug zum kommunistischen Regime etwas zu schwächen. Dadurch ist ein Teil der Situationskomik des Originaltextes verlorengegangen, was einige Kritiker eher negativ bewerten. Pařízek ist aber überzeugt, dass die Kommunikation der heutigen Politiker mit den „Wählern“ auf der Sprache voller entleerter Worte fußt. Wie ein Kritiker anmerkte, sei „Das Gartenfest“ Pařízeks Kommentar zur tschechischen Gesellschaft, Politik und ihrer korporativistischen Ethik.

Jiří Adámek  (Foto: TV Artyčok)
Kann Havels Werk auch junge Menschen ansprechen? Diese Frage stellte sich kürzlich Jiří Adámek, Schöpfer einer originellen Form des Musiktheaters. Der 36-jährige Regisseur, der auch in Deutschland inszeniert hat, komponiert die Stücke aus einem Geflecht von spezifischen Musikstrukturen, stilisiertem Bühnenspiel der Schauspieler und rhythmisierten Wortfragmenten. Seit 2010 lehrt er auch an der Akademie der musischen Künste (DAMU) in Prag. Im September dieses Jahres nahm er acht Studenten der DAMU mit nach Berlin, um sein Bühnenstück „Antikódy“ (Anticodes) in einer Premiere vorzustellen. Inspirationen holte er sich in der frühen Václav Havels Poesie, die in den 1960er Jahren in einem gleichnamigen Sammelband herausgegeben wurde. Das Publikum waren überwiegend Schüler des Albert-Schweizer-Gymnasiums im Berliner Neuköln. Ein Teil von ihnen kam aus Migrantenfamilien. Den Namen Václav Havel hörten die meisten von ihnen erstmals im Zusammenhang mit Adámeks Aufführung. Zum Beispiel die 16-jährige Jelena:

Georg Krapp mit seinen Schülern  (Foto: Archiv der Albert-Schweitzer-Schule)
„Wir haben uns noch am Montag über ihn informiert und auch Filmausschnitte angeguckt sowie Textausschnitte gelesen.“

Die Anticodes-Inszenierung verfolgte auch Schulleiter Georg Krapp:

„Mir persönlich hat sie sehr gut gefallen. Ich fand die Präzision der Schauspieler ganz ausgezeichnet. Sehr gut gefallen hat mir auch, wie der Regisseur Jiří Adámek alles umgesetzt hat. Ich habe den Text gelesen und habe mich oft gefragt, wie man so etwas auf die Bühne bringen kann – die Rhythmisierung, die vorgenommen worden ist, der Sprechgesang, der eingebaut worden ist. Sowohl das Sprechen und das Singen, das hat den Text wunderbar transparent gemacht - auch für diejenigen, die von Václav Havel nichts wussten.“

Foto: Offizielle Facebook-Seite der Theatervorstellung Anticodes  (Reg. Jiří Adámek)
Der stilisierte Text des Stückes war allerdings in tschechischer Sprache, und nur ab und zu wurde eine Übersetzung über den Köpfen der Schauspieler eingeblendet. Jiří Šimek:

„Das war ein sonderbares Erlebnis, weil die Besucher unsere Sprache nicht verstanden haben, obwohl sie für Václav Havel von großer Bedeutung war. Wir haben gehofft, dass sie die Gefühle erfassen, die wir im Text ausgemacht haben und versuchten, dem Publikum zu vermitteln. Die Schüler hier hat es spürbar interessiert, und das finde ich super.“

Regisseur Jiří Adámek beurteilte die Vorstellung in Berlin „doppelt positiv“:

„Erstens war sie wichtig für die Prager Studenten. Sie sind erst im dritten Studienjahr und haben nur ein paar Versuche auf der Bühne hinter sich, zum ersten Mal konnten sie nun mit einem Berufsregisseur an einer Inszenierung bis zu der Aufführung zusammenarbeiten. Obendrein sind sie nach Berlin gefahren, wo sie fünf Tage verbracht haben. Das ist gut. Zum zweiten macht es mir persönlich Spaß. Beim Treffen mit einem spezifischen Publikum kann ich noch viel mehr erfahren. Für mich war interessant zum Beispiel, dass das Publikum auf einige rhythmische Passagen unmittelbar reagiert hat. Es hat mich auch überrascht, dass es eine Stelle als humoristisch empfunden hat, bei der ich es nicht erwartet hätte und umgekehrt. Es war sehr lebhaft.“

Podiumsdiskussion in Berlin  (Foto: Archiv des Tschechischen Zentrums Berlin)
Mit den Schülern des Berliner Gymnasiums traf sich der Regisseur nachfolgend bei einer Podiumsdiskussion. Auf die Frage, ob Havels Werk auch der heutigen Jugend eine Botschaft vermitteln kann, sagte er:

„Davon bin ich absolut überzeugt. Als es bei uns 1989 zur Samtenen Revolution kam, war ich zwölf Jahre alt und habe Václav Havel sehr intensiv wahrgenommen. Seit einer Zeitlang lese ich gerne in seinen Werken und verfolge Dokumente über ihn. Für mich bietet Havels Leben eine starke Geschichte, die meiner Meinung nach die Welt nicht so schnell vergessen wird.“


Der Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit der Korrespondentin des Tschechischen Rundfunks in Deutschland, Klára Stejskalová.