Der andere Blick auf Cheb und Waldsassen

Egerer Stöckl (Foto: Archiv des Touristischen Infozentrums der Stadt Cheb)

Mitten in der Corona-Krise ist im Frühjahr in Cheb / Eger eine deutsch-tschechische Buchpublikation entstanden. Dem Bildband „Cheb und Waldsassen“ liegt ein vitaler Austausch zwischen den beiden benachbarten Städten zugrunde. Der Autor, Günther Juba, lebt in Waldsassen, die Herausgeberin, Marcela Brabačová, in Cheb. Das zweisprachige Buch im Großformat stellt die historische Verwobenheit des Egerlandes und des Stiftlandes heraus. Diese begann im 12. Jahrhundert mit der Gründung des Stiftes Waldsassen und der Verleihung des Stadtrechts an Eger. Im Folgenden ein Gespräch mit dem Autor und mit der Herausgeberin.

Günther Juba (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Herr Juba, der Bildband „Cheb und Waldsassen“ ist weder ein Reiseführer, noch will er ein wissenschaftliches Geschichtswerk sein. Sie selbst bezeichnen sich im Vorwort als „Erzähler unserer gemeinsamen Geschichte“. Warum haben Sie diese Darstellungsweise gewählt?

„Seit 2008 berichte ich für die Zeitung ‚Der Neue Tag‘ über aktuelle Ereignisse sowie die Geschichte und die Sehenswürdigkeiten von Cheb, das ehemalige Eger. Die Stadt ist nur zehn Kilometer von Waldsassen entfernt, doch ich musste bei den Lesern erst das Interesse für Cheb wecken, für viele ist es immer noch eine fremde Stadt. Meine pädagogische Aufgabe war also, mit der Sprache eines Erzählers und mit relativ kurzen Texten möglichst viele Leser zu erreichen. Diese Zeitungsberichte fanden bald auch Interesse in Cheb, zunächst bei Frau Dr. Marcela Brabačová. Sie hat meine Artikel auf den deutschsprachigen Seiten des Touristischen Informationszentrums veröffentlicht.“

Das dominante historische Bauwerk von Waldsassen ist das Zisterzienserkloster. Wie hat dieses Stift zum Austausch zwischen Waldsassen und Eger beigetragen?

„Eger war das weltliche Zentrum der Region, Waldsassen das religiöse Zentrum.“

„Die Gründung des Klosters Waldsassen wurde erst durch eine Landschenkung des Egerer Burgherren Diepold III. im Jahr 1133 ermöglicht, das sogenannte ‚Stiftland‘. Das Kloster besaß in Eger ein großes Gebäude, das ‚Steinhaus‘. In kriegerischen Zeiten konnte man hierher flüchten und auch den kostbaren Besitz sicher aufbewahren. Zu den Privilegien des Klosters gehörte der Verkauf von Produkten aus dem Stiftland. In Eger ließen sich Fische – vor allem Karpfen – verkaufen, ein einträgliches Geschäft während der ehemals strengen Fastentage. Eger, das heutige Cheb, war das weltliche Zentrum der Region, Waldsassen das religiöse Zentrum.“

Doppelkapelle (Foto: Archiv des Touristischen Infozentrums der Stadt Cheb)

Die Doppelkappelle in der einstigen Stauferpfalz ist klein, aber dennoch bemerkenswert unter den vielen Kirchenbauten im heutigen Cheb. Wie sieht sie aus, und was hat sich dort zugetragen?

„Wer als Bediensteter der Burg oder als Bürger der Stadt Eger die untere Kapelle betrat, musste anderthalb Meter tief hinabsteigen – und wurde damit auf seine Niedrigkeit vor Gott, aber auch auf seine untergeordnete soziale Stellung hingewiesen. Die obere Kapelle war dem Adel vorbehalten. Diese Trennung von Adel und Volk – der Klerus hatte seinen Platz in dem durch mehrere Stufen erhöhten Altarraum – entsprach der Ständeordnung des frühen Mittelalters und dem religiösen Verständnis dieser Zeit. Die Doppelkapelle stand am 12. Juli 1213 im Mittelpunkt europäischer Politik, als Friedrich II., Enkel des berühmten Stauferkaisers, zum Reichstag in Eger erschien und hier die ‚Goldene Bulle von Eger‘ unterzeichnete. Mit dieser Bulle ordnete Friedrich II. die Beziehungen zwischen der weltlichen und kirchlichen Gewalt. Es handelte sich um eine Urkunde, die für ganz Europa bedeutsam war.“

Stift Waldsassen (Foto: Harald Helmlechner, Wikimedia Commons, CC0 1.0)

Das Stift Waldsassen wurde in seiner jetzigen Gestalt von den berühmten Barockbaumeistern Georg und Christoph Dientzenhofer errichtet. Christoph Dientzenhofer war aber auch in Eger tätig. Er schuf dort die barocke Kirche St. Klara. War die Kirche als Bauherrin ein Vorreiter bei der überregionalen wirtschaftlichen Verflechtung?

„Im Kuppelgemälde der Waldsassener Basilika finden Sie zwei böhmische Könige: Wenzel I. und Ladislaus II. – aber keinen deutschen König. Oftmals waren böhmische Könige Schutzherren und Gönner des Klosters. Die meisten Künstler, die am Bau der Stiftskirche beteiligt waren, kamen aus Prag: Abraham Leutner, die Gebrüder Dientzenhofer, Jean-Claude Monot und Jakob Steinfels. Nur der Bildhauer Karl Stilp war ein Waldsassener. Der berühmteste Baumeister des Barock, Balthasar Neumann, wurde übrigens 1687 in Eger geboren.“

Marktplatz mit Rolandbrunnen (Foto: Archiv des Touristischen Infozentrums der Stadt Cheb)

Anhand von Symbolen legen Sie in manchen Kapiteln mit wenigen Sätzen ganze historische Themenkomplexe dar. Zum Beispiel steht der Rolandsbrunnen für die Blütezeit der Stadt Eger. Wie hängt das zusammen?

„Die Statue des Ritters Roland gilt als das Wahrzeichen einer Freien Reichsstadt im Mittelalter. Als steinernes Denkmal einer Zeit, als hier noch Kaiser und Könige zu Gast waren. Als das Denkmal 1591 als steinerne Skulptur aufgestellt wurde, konnte aber noch niemand ahnen, dass schon bald eine glückliche Zeit zu Ende gehen sollte. 1618 begann der Dreißigjährige Krieg. Die strategisch wichtige Lage – als Einfallstor nach Böhmen – machte Eger zum Ziel für beide Kampfparteien. Der Dreißigjährige Krieg, vor allem der 24. Februar 1634 – der Tag der Ermordung des Herzogs Albrecht von Wallenstein im Pachelbelhaus –, bedeutete für die Stadt das tragische Ende einer glanzvollen geschichtlichen Epoche, die mit dem Stauferkaiser Friedrich Barbarossa begonnen hatte.“

Der Dreißigjährige Krieg bedeutete für Eger das tragische Ende einer glanzvollen geschichtlichen Epoche.“

Einer der Reize Ihres Buches besteht darin, dass Sie weniger bekannte Denkmäler und Persönlichkeiten hervorheben. So zum Beispiel ist dem Egerer Mathematiker Johannes Widmann ein eigenes Kapitel gewidmet. Widmann hat als Erster das Plus- und Minuszeichen verwendet. Was bezweckt dieser „andere Blick“ auf die Geschichte?

„Ich bin davon überzeugt, dass Johannes Widmann völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Es gibt auch kein Bild von ihm, und er ist bereits mit 38 Jahren gestorben. Als er sein erstes Rechenbuch in deutscher Sprache veröffentlichte, war Adam Riese noch nicht einmal auf der Welt. Man sollte also nicht sagen: ‚Das macht nach Adam Riese…‘, sondern besser den Namen Johannes Widmann dafür einsetzen.“

Johannes Widmann setzen Sie in der historischen Bedeutung mit Adam Riese gleich, und das Egerer Stöckl, die Gruppe von mittelalterlichen Kaufmannshäusern auf dem Marktplatz der Stadt, gar mit Manhattan. Ist das nicht allzu verbindlich?

„Das ist keine Übertreibung. Wenn man an die bescheidenen technischen Möglichkeiten im frühen Mittelalter denkt, verdient diese hochgebaute Egerer Häusergruppe nicht weniger Bewunderung als die Wolkenkratzer von Manhattan. Auch kann man daran zweifeln, ob diese New Yorker Bauwerke ein Alter von mehr als 700 Jahren erreichen werden.“

Der Anstoß für das Buch „Cheb und Waldsassen“ kam aus Cheb. Finanziert wurde das Buch von der dortigen Stiftung Schola Ludus, herausgegeben hat es die Stadt Eger. Wann und wie haben Sie von den Plänen erfahren, Ihre Texte in Buchform herauszubringen?

„Ich war völlig ahnungslos. Frau Brabačová, die Leiterin der Kulturabteilung der Stadt Cheb, hat mich damit an meinem 77. Geburtstag überrascht. Es war die Zeit, als die Grenze wegen der Corona-Pandemie geschlossen war. Ich bekam von Frau Brabačová einen Anruf: ‚Bitte halte Dich um halb fünf in der Nähe eines Telefons auf, aber es soll ein Telefon sein, das in der Nähe des Computers steht.‘ Und dann hat mich Frau Brabačová aufgefordert, nach neuen Mails zu schauen, und da habe ich die fast fertige pdf-Version des neuen Buches gefunden. Bis auf einige Korrekturen bei den Bildunterschriften, die ich per E-Mail machen konnte, hatte Frau Brabačová die Arbeit bereits abgeschlossen.“


Marcela Brabačová (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Frau Brabačová, Sie haben die kurzen Geschichten von Günther Juba über besondere Momente aus der gemeinsamen Geschichte der beiden benachbarten Städte in Buchform herausgebracht. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

„Das war nicht schwer. Die Texte waren fertig, es genügte, eine Auswahl zu treffen, aus der die historische Verbindung zwischen Cheb und Waldsassen ersichtlich wurde. Die Wahl des Übersetzers (Jindřich Noll, Anm. d. Red.) war wichtig. Das schöne Deutsch von Herrn Juba wurde durch ein nicht weniger schönes Tschechisch ergänzt. Der Fotograf (Martin Stolař, Anm. d. Red.) zauberte mit Nebel und Licht in den Gebäuden und schuf viele neue Ansichten von Cheb. Die Korrekturen haben wir uns per E-Mail zugeschickt und auch mit dem Graphiker (Jiří Jabulka, Anm. d. Red.) auf diesem Weg kommuniziert.“

Mich persönlich fasziniert an den Texten die Außenperspektive, aus der sie verfasst sind. Der Autor ist kein Tscheche, und er lebt auch nicht in Cheb. Wie wirkt das auf die einheimischen Leser?

„Der Blickwinkel von Herrn Juba auf die Geschichte Chebs unterscheidet sich von unserem tschechischen Blickwinkel. Das macht ihn interessant. Zum Beispiel seine Bezeichnung des Egerer Stöckls – des Špalíček – als das Manhattan des Mittelalters.“

Das Buch „Cheb – Waldsassen“ entstand während der Corona-Krise im Frühling. Wie kam es dazu?

„Die Quarantäne während der Corona-Krise verschaffte nicht nur mir, sondern auch dem Übersetzer und dem Fotografen genügend Zeit. Das war eine Arbeit, die mir in einer sehr unsicheren Periode Freude gemacht hat.“


Herr Juba, Ihr persönliches Credo scheint zu sein: Die Welt wird subjektiv weiter, je mehr ich mein Wissen vertiefe. Welches Gewicht messen Sie der Bildung für den Frieden zu?

„Man sollte die Vergangenheit kennen und daraus lernen. Das unfassbare Leid, das den beiden Völkern im vergangenen Jahrhundert angetan wurde, darf sich nicht wiederholen. Durch eine freundschaftliche Zusammenarbeit haben wir vielfältige Chancen bekommen.“

Ihre Vorfahren waren Donauschwaben, die im serbischen Banat ansässig waren. Sie selbst sind dort geboren und kamen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, kaum dem Säuglingsalter entwachsen, mit Ihrer Familie nach Waldsassen. Welche Spuren haben diese familiären Wurzeln in Ihrem Selbstverständnis hinterlassen?

„Da ich keine Erinnerungen an die Stadt meiner Geburt habe, waren die Erzählungen meiner Mutter für mich fast märchenhaft. Ich wohne seit nahezu 75 Jahren hier und fühle mich deshalb als ‚echter‘ Waldsassener – und ich bin froh darüber, dass ich mich nun auch in Cheb nicht mehr als Fremder fühlen muss.“


2011 wurde Günther Juba mit dem Brückenbauerpreis des Centrums Bavaria Bohemia in Schönsee ausgezeichnet. Der Bildband „Cheb und Waldsassen“ ist in den Infozentren Cheb und Waldsassen erhältlich.