Die Egerer Nischen – eine Freilichtgalerie

„Drei Fische“ von Varvara Divišová (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Wie überall in Tschechien sind derzeit auch in Cheb die Galerien und Museen geschlossen. Umso wichtiger erscheinen Kunstwerke, die man im Freien betrachten kann. Und da hat Cheb / Eger etwas Besonderes zu bieten – ein ganzes Ensemble von Plastiken, angebracht an Fassaden in der Altstadt. In jahrelangen Bemühungen wurden verwaiste Nischen und Kartuschen von Wohn- und Geschäftshäusern mit neuen Kunstwerken bestückt. 17 Skulpturen und Reliefs sind so entstanden. Fachlich betreut wurde die Aktion vom Fotografen Zbyněk Illek.

Zbyněk Ilek (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Die Idee, verloren gegangene Kunstwerke an Fassaden der Altstadt durch neue zu ersetzen, kam Zbyněk Illek um die Jahrtausendwende. Damals bereitete der Fotograf und Direktor der Galerie 4 eine gemeinsame Ausstellung mit dem oberfränkischen Hof an der Saale vor. Sie sollte alte und neue Ansichten von Cheb und Hof zeigen. Illek betrachtete also die Hausfassaden besonders genau, wenn er durch die Altstadt von Cheb spazierte. Dabei fiel ihm auf, dass an vielen Häusern der symbolische Schmuck fehlte. Nischen, in denen Statuen gestanden hatten, gähnten leer. Von den Kartuschen waren nur noch die Zierrahmen erhalten, doch fehlten die Gemälde auf den schildartigen Flächen.

„Das dritte Auge“ von Jaroslav Valečka (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Wir sind dann sowohl hier als auch in Hof in die Archive gegangen und haben Fotografien gesucht, die ungefähr einhundert Jahre alt waren. Als ich die Materialien sichtete, bemerkte ich, dass viele Nischen und Kartuschen eigentlich schon um 1900 leer gewesen waren. Ich fand, dass das schade ist. Als in mir schließlich der Gedanke reifte, was man mit den leeren Nischen und Kartuschen machen könnte, berief ich ein viertägiges Seminar ein. Wir luden vor allem Künstler ein, doch es kamen auch Denkmalschützer, Vertreter der Stadtverwaltung, Historiker sowie Mitarbeiter des Museums und des Archivs von Cheb. Wir begannen zu recherchieren, welche Statuen einst in den Nischen gestanden haben und wie die Kartuschen bemalt gewesen waren“, so Illek.

Historische Werkstoffe

„Franz von Assisi“ von Miloslav Svoboda (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Das war im Jahr 2005. Bei den Nachforschungen fanden sich Hinweise darauf, dass einst an den Fassaden unter anderem Symbole für Handwerke und Berufe prangten. Doch Belege für die ursprünglichen Kunstwerke waren rar. Nur die Geschichte der Gebäude konnte genauer erschlossen werden. Also inventarisierten Illek und sein Team die Nischen und Kartuschen, aus denen die Kunstwerke verschwunden waren. Anschließend begingen sie die Altstadt mit bildenden Künstlern, die sie in ganz Tschechien anwarben.

„Guten Morgen“ von Pavel Drda (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Wir erzählten ihnen, welche Geschichte die einzelnen Häuser haben, und die Künstler sogen den Genius Loci des historischen Stadtzentrums ein. Nach dieser Einführung konnten sie sich um eine Teilnahme an der Aktion bewerben. Sie konnten Entwürfe der Kunstwerke einschicken, die ihrer Vorstellung nach in die einzelnen Nischen und Kartuschen kommen sollten. Ein halbes Jahr später beriefen wir wieder die Denkmalschützer, Historiker und anderen Entscheidungsträger ein und legten ihnen die eingeschickten Entwürfe vor“, sagt der Initiator.

Egerer Stöckl (Foto: CzechTourism)

Dabei wurde eine Reihe dieser Ideen gutgeheißen. Doch die Denkmalschützer knüpften die Umsetzung an bestimmte Auflagen. Es durften nur Werkstoffe verwendet werden, die schon in historischen Zeiten verfügbar waren, wie Metall, Holz, Malerei auf feuchtem Putz, Glas oder Keramik. Moderne Materialien, zum Beispiel Kunstharze, wurden verboten. Nun musste man erst mit den Hausbesitzern verhandeln. Diese wurden vertraglich verpflichtet, die Kunstwerke, die im Besitz der Stadt Cheb bleiben sollten, zu bewahren, zum Beispiel bei Fassadenrenovierungen. Gleichzeitig gingen auch schon Künstler an die Arbeit. Die ersten Plastiken waren für das Stöckl bestimmt, eine einzigartige Gruppe mittelalterlicher Häuser auf dem zentralen Marktplatz von Cheb, dem náměstí Jiřího z Poděbrad. Zbyněk Illek:

„Maria“ von Jindra Viková (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Wir begannen mit dem Stöckl, wo zwei Plastiken installiert wurden: eine keramische Madonna der Prager Künstlerin Viková sowie ‚David und Goliath‘ von Jaroslav Róna, ebenfalls ein sehr bedeutender tschechischer Bildhauer.“

Die Keramikerin Jindra Viková ist 1946 geboren. Ihr war es wichtig, an die Tradition anzuknüpfen.

„Madonna“ von Zdenka Svobodová (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Ich nahm an, dass die Nischen früher vor allem mit religiösen Statuen bestückt waren. Meine Madonna greift das zeitlose Thema von Mutter und Kind auf, das ist ein ewiges Symbol, das immer aktuell bleibt“, schreibt Viková über ihre Plastik.

Vikovás „Maria“ weist moderne Stilelemente auf. Eine klassische Madonna mit Kind lieferte dagegen Zdenka Svobodová aus Karlovy Vary / Karlsbad. In den folgenden Jahren kamen noch andere biblische Gestalten hinzu. So das gemalte Medaillon „Heiliger Christophorus“ des Prager Künstlers Vít Vejrážka und die Skulptur „Franz von Assisi“ von Miloslav Svoboda, der bis zu seinem Tod in Cheb lebte und wirkte – ebenso wie Jiří Černý. Letzterer hat ein christliches Symbol mit einer brandaktuellen Note versehen. Zbyněk Illek:

„EngelIN“ von Jiří Černý (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Jiří Černý wählte eine Nische in der Dlouhá, die hoch über der Straße ist, und sagte: ‚Das ist dem Himmel nahe, da kommt ein Engel hin.‘ Und so steht dort jetzt ein Engel aus weißem Marmor.“

Černý hatte beobachtet, dass kleine Engel in Kirchen gewöhnlich als Knaben, große Engel jedoch mit weiblichen Zügen dargestellt werden. Daher gab er seiner Engelsfigur weibliche Attribute und nannte sie gendergerecht „EngelIN“.

Heilige und Sklaven

„Eine Heilige“ von Anna Vystydová (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Neben den vielen christlichen Motiven regte die Künstler noch ein zweiter Themenkreis zum Nachdenken an: die Geschichte von Cheb. In einem der Kunstwerke, Anna Vystydovás figuralem Relief „Eine Heilige“, überkreuzen sich beide thematischen Linien. Anna Vystydová, Jahrgang 1935, war die älteste mitwirkende Künstlerin. Zur ihrer „Heiligen“ erklärt sie:

„Ich habe mich von den Attributen der Heiligen Katharina inspirieren lassen. Man kann sie gleichwohl als ein gewöhnliches Mädchen betrachten.“

„Die Zwei“ von Jan Samec (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Damit schlägt die Künstlerin den Bogen von der Tradition zur Moderne. Dies ist auch Jan Samec gelungen. Der Maler und Keramiker leitet seit vielen Jahren die Galerie der Künste in Karlsbad. Samec schmückte eine der leeren Kartuschen mit einem kolorierten Stahlrelief, das er „Die Zwei“ nannte. Das Relief ist eine freie Nachbildung von Michelangelos „Sklaven“. Es zeigt zwei einander zugewandte Gesichter von jungen Männern. In der Haltung und Mimik der Gesichter liegt eine Spannung. Ein rätselhafter Zwang vereint das Duo. Samec deutet Michelangelos Vorlage auf seine persönliche Weise neu:

„Nachbarn“ von Stanislava Konvalinková (Foto: Archiv des Touristischen Infozentrums der Stadt Cheb)

„Es handelt sich um zwei Verwandte, vielleicht Brüder, die wahrscheinlich in einem Konflikt stehen, einen Streit austragen. Doch trotz diesem negativen Gefühl müssen sie miteinander oder doch nebeneinander leben.“

Das ikonische Motiv weckt unwillkürlich Assoziationen zur neueren Geschichte von Cheb. Solche Anklänge schwingen besonders in den Plastiken der jüngsten Künstler mit, die in den 1970er Jahren geboren wurden. Sie waren in den Dreißigern, als sie ihre Werke schufen. Das Keramikrelief „Nachbarn“ von Stanislava Konvalinková etwa zeigt zwei übereinander geschobene Gesichter. Während das obere, größere Gesicht mit weit offenen Augen in die Welt blickt, sind die Augen des unteren Gesichtes mit den Händen bedeckt.

„Mädel mit Teddy“ von Miroslav Žačok (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Die Gesichter stellen Beobachter dar, Wächter über Schicksale, stille Nachbarn, Zeitzeugen, die mehr als andere erlebt haben“, kommentiert die in Český Krumlov / Krumau lebende Künstlerin ihr Relief.

Die Platzierung der Plastik an einer Hausfassade am zentralen Platz der Stadt betone die Symbolik der Geschichte von Cheb noch zusätzlich, so die Bildhauerin, die unter anderem an der Kunstakademie Düsseldorf studiert hat. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts sei auch in die Bronzeplastik „Mädel mit Teddy“ des Slowaken Miroslav Žačok eingeflossen, erzählt Zbyněk Illek:

„Obwohl dieser Künstler der jüngeren Generation angehört – er war Anfang dreißig, als er seine Skulptur schuf –, verweist sein Werk auf die Zeit, als die deutschen Einwohner Cheb verlassen mussten. Das hat ihn dazu angeregt.“

Biblische Geschichte und humoristische Akzente

„David und Goliath“ von Jaroslav Róna (Foto: Archiv des Touristischen Infozentrums der Stadt Cheb)

Macht und Ohnmacht, rohe Gewalt und Vergeistigung als treibende Kräfte der Geschichte thematisiert der Prager Künstler und Hochschullehrer Jaroslav Róna mit seiner bereits erwähnten Bronzeplastik „David und Goliath“. Der Künstler verlieh der biblischen Geschichte eine neue Facette:

„Als Vorlage für den Kopf des David diente mir ein Foto des Dalai Lama. Der Kopf des Goliaths ist dem amerikanischen Boxer Mike Tyson nachempfunden. Mein Ziel war es, den Gegensatz von körperlicher Brutalität und geistiger Befreiung herauszustellen. Die Statue ist ein Symbol der Hoffnung für alle Unterdrückten.“

„Singender Fleischer“ von Luděk Vystyd (Foto: Maria Hammerich-Maier)

Auch hier sind Tradition und Gegenwart verflochten. Das trifft ebenso auf drei Kartuschen zu, in denen das Motiv des Schutzes der Hausbewohner im Vordergrund steht: Eva Vejražkovás „Träumer“, Varvara Divišovás „Fische“ und Jaroslav Valečkas „Das dritte Auge“. Humoristische Akzente wiederum setzen der „Singende Fleischer“ von Luděk Vystyd, der an einen Frosch erinnert, und die groteske Figur „Guten Morgen“ von Pavel Drda: Behaglich gähnend reckt und streckt sich eine Knabengestalt in der Nische einer Hausecke hoch über den Köpfen der Passanten einem neuen Tag entgegen. Groteske Darstellungen habe es schon in früheren Zeiten vereinzelt gegeben, doch nicht in Nischen, sondern an Schildern von Geschäftslokalen, sagt Zbyněk Illek:

„Hl. Christophorus“ von Vít Vejražka (Foto: Maria Hammerich-Maier)

„Es gab zum Beispiel einen Böttcher, und da das ein beleibter Mann war, erinnerte die Form der Gestalt an ein Fass. Das Schild hing über dem Betrieb, in dem er die Fässer herstellte.“

Illek hat jedenfalls beeindruckt, wie vielfältig die kreativen Ansätze der Künstler sind:

„Es ist sehr interessant, dass diese Künstler unabhängig voneinander solche Werke geschaffen haben. Und das hat mich überzeugt, dass es richtig war, die leeren Nischen und Kartuschen mit neuen Kunstwerken zu füllen.“

„Träumer“ von Eva Vejražková (Foto: Maria Hammerich-Maier)

2011 wurden die letzten verwaisten Nischen und Kartuschen mit neuen Kunstwerken bestückt. Danach hat sich das Tourismusmanagement von Cheb ihrer angenommen und sie zu einem thematischen Rundgang gefügt. Nun kann man sich mit einem deutschsprachigen Faltplan auf den Weg machen. Darin sind die einzelnen Standorte eingezeichnet, und die Kunstwerke werden beschrieben. Bleibt zu hoffen, dass dies bald wieder für jedermann möglich ist.

Infos über die „Egerer Nischen“ gibt es auch auf der deutschsprachigen Website des Kunstzentrums Galerie 4 (www.galerie4.cz/de/ausstellung/egerer-nischen) sowie des Touristischen Informationszentrums von Cheb.

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