Von einem Flohmarkt in Frankfurt nach Cheb: Die Rückkehr einer verschollenen Stadtchronik

Cheb

Eines Tages mitten in der Corona-Zeit erreichte das Informationszentrum in der westböhmischen Stadt Cheb / Eger eine kurze E-Mail. Ihre Absenderin aus Deutschland schrieb, sie besitze ein altes Buch über Eger, und fragte, ob die Stadt daran interessiert sei. So begann 2020 der Weg der verschollenen „Chronik der Stadt Eger“ zurück an ihren Herkunftsort.

Miloš Říha | Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Der Historiker Miloš Říha, ehemaliger Kastellan der Burg Kynžvart, wurde von Vertretern der Stadt Cheb gebeten, die Echtheit des angebotenen Buches zu beurteilten. Anhand einiger Fotos des Manuskripts, die die Besitzerin ihm schickte, stellte er fest, dass es sich um eine Chronik aus dem Jahr 1743 handelte, die zwar in der Liste der historischen Chroniken aufgeführt war, aber als verloren galt. Daraufhin wurde er von der Stiftung Historisches Eger mit einem entsprechenden Geldbetrag nach Deutschland geschickt und beauftragt, das Buch zu kaufen. Am 8. November 2020, einen Tag vor der Schließung der Grenze zu Deutschland wegen der Corona-Pandemie, traf Říha in Spessart ein und erwarb nach einem kurzen Treffen mit der Besitzerin das Manuskript. In einem Gespräch mit ihr erfuhr er, dass ihre Mutter das Buch in den 1970er Jahren zusammen mit zwei antiken Töpfen auf einem Flohmarkt in Frankfurt am Main gekauft hatte.

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„In dem jahre 1428 antstunde ein geschreÿ, als wann die Hussiten auch heraus in das Egerlande zu kommen gesinnet wären, die Stadt sich zwar gleich in anfang dieses krieges in einen gutten vertheÿdigungs-stande gesetzet, und bies 10000 R verbauet. Damit sie sich aber noch besser währen könte, hat sie in allen um die Stadt herinnliegenden gärten ihre schöne, und fruchtbahre bäume abgehauen, so geschehen an dem sonnabendt vor Ostern. Endlich in dem nemliche jahre an dem freytag der heiligen Apostlen Simonis und Judae kamen die Hussiten von Schlaggenwerth in das Egrische und streiffen in solchem mit 75 pferden herum. Als solches in der Stadt kundtbahr worden, schieckten die von Eger ihre schietzen hinaus, denen also bald noch 50 söldner mit ihren pferden folgen musten, diese fiengen 24 Hussiten sambt 42 pferden, die übrigen wurden getödtet, und darbeÿ noch 27 armbrüst, und 2 pantzer erbeüttet, Wilhelm Raittenbach ihr anführer aber ist gefallen, und hat den halß an einem stahlenen kragen angestossen, worauf er gestorben ist.“

Die Chronik der Stadt Eger wurde 1743 vom Bürgermeister Johann Thomas Funk verfasst. Sie beschreibt die Geschichte der Stadt von den Anfängen bis 1743 und stützt sich dabei auf ältere Chroniken. Bei den Ereignissen, die er selbst miterlebt hat, vor allem der Belagerung der Stadt durch die Franzosen 1742, legt Funk den Bericht als Augenzeuge vor.

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

„Dem 15 dito ist wiederum ein Frantzösischer Hauptmann Le Duc von dem regiment Piemont in der Kirche zu St. Anna begraben worden, der vor Eger sein leben hat lassen müssen. Dem 16 dito haben die Frantzosen in der nacht wiederum eine scharffe attaque auf die St. Wentzl-burg gewaget, aber mehrmahlen nichts gewunnen, unserer seitts ist ein granadier und zwar der schon oben angeregter Platterscheck (der beÿ mir in quartier gelegen) durch den hinteren theil des halses mit einer musqueten-kugel geschossen worden, welcher sich aber selbst unterdessen mit seinem schnupftuch verbunden, und die gantze nacht also daraussen ausgehalten hat, fruhe morgens kame er herein in das Lazareth, so da ware beÿ dem Juden Oppenheim in seinem unteren zimmer, allwo ich ihn alsogleich besuchte, und eine pfeiffen taback rauchend antraffe, es ware so gefährlich mit ihme (scilicet) das er beÿ dem auszuge der guarnison aus Eger schon in seinem gliede mit sack und pack ausmarchirte, nebst ihme traffe in diesem Lazareth an einen alten Invaliten, den eine stuck-kugl das pein bies von S. v. dem hinderen hinweggerissen, und einen Constabler, deme ein zersprungener doppelhaken (welchen er selbst geladen, und überladen hat) einen armb hinweggerissen, und ansonsten noch elendiglich plesoiret hat. So ist auch annoch diesem abend gegen 7 uhr von dem Thürlein deren Clarisserinnen das Kreütz mit einer stuck-kugl hinweg geschossen worden. Dem 17 aprilis hat der feinde durch die gantze nacht theils mit feüer-kuglen, theils mit steinen die Stadt auf das erschröcklichste zugesetzet, und sollen in dieser nacht 345 stuck-kugel von dem feinde in die Stadt hereingeschossen worden seÿn, wovon 4 in unser Franciscaner- 40 aber in deren RR. PP. Dominicaner-Kloster gefallen sind doch ohne merklichen schaden.“

Foto: Markéta Kachlíková,  Radio Prague International

Das Buch umfasst etwa 900 Manuskriptseiten. Der gesamte Einband fehlt, ebenso wie die Titelei und einige weitere Seiten des Textes. Říha hat die alte Kurrentschrift transkribiert und anschließend ins Tschechische übersetzt. Die Übersetzung wurde auf der Website der Stiftung Historisches Eger veröffentlicht.

Der deutsche Original-Band wurde digitalisiert und ist heute als Faksimile im Internet zugänglich.

„Eben in diesen 1561 jahr fiel eine traurige begebenheit vor. Am mitwoch vor Maria Magdalena, ware in der nacht gegen tag ein grosses ungewitter, zu welcher zeit der alte Erhart Gabler ein leck und bürger in Eger, seinen weib (weil er sie sorg hatte) mit einen brod-messer das herz durchstochen, beÿ den Usch (oder wasser abfall) neben der prediger kirchen, das ist anjetzo hinter der Kirchen, am Peter Fuhrmans eck haus. Den Montag darnach ist auf den Marckt beÿ den Fisch häüslein an intern röhr-kasten beÿ der fleisch-banck, ein brücklein von holtz aufgerichtet worden, und weil derjenige alters halben nicht knieen kunte band ihm der scharffrichter euf einen sessel, und schlug ihm den kopf ab. Dieß war die folge, vielleicht einer nur eingebildeten eÿfer sucht, und dieß ist auch eine lehre noch für jene, die an diesen fieber leiden.“

12
50.077787100000
12.375781600000
default
50.077787100000
12.375781600000

Die gesamte, ungekürzte Sondersendung von Radio Prag International hören Sie in der Audioversion des Beitrags.