Der tschechische Kohlebergbau nach der Inbetriebnahme von Temelin

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Herzlich willkommen bei einer weiteren Ausgabe unserer Magazinsendung mit Themen aus Wirtschaft und Wissenschaft, am Mikrofon begrüßen Sie Martina Schneibergova und Rudi Hermann. Das Kernkraftwerk Temelin befindet sich schon in der Testphase, und es dürfte deshalb nicht mehr allzu lange dauern, bis der erste Block dieser Anlage den kommerziellen Betrieb aufnimmt. Damit tritt ein Ereignis ein, dem im nordböhmischen Industriegebiet mit Unruhe entgegengesehen wird. Denn war Temelin einst geplant, um Nordböhmen vom Kohlebergbau und der Kohleverbrennung in thermischen Kraftwerken zu entlasten, so bedeutet dies dort einen Verlust an Arbeitsplätzen. Wie gross dieser Ausfallen wird, ist Gegenstand von Spekulationen und Prognosen, die allerdings weit auseinandergehen. Während das Ministerium für Industrie und Handel eine Studie ausgearbeitet hat, die beim pessimistischeren von zwei Szenarien damit rechnet, dass es zwar vorübergehend zu einem Verlust an Arbeitsplätzen kommt, der längerfristig aber kompensiert oder gar überkompensiert werden wird, sehen regierungsunabhängige Beobachter die entwicklung in bedeutend schwärzeren Farben: Im schlimmsten Falle drohe einzelnen Teilregionen des nordböhmischen Industriegebiets eine Arbeitslosenrate von 50 bis 60 Prozent. Welchem Szenario welche Erwägungen zu grunde liegen, ist Thema der heutigen Sendung.

Wie unlängst das wirtschaftliche Wochenmagazin Euro schrieb, basieren die Prognosen des Ministeriums für Industrie und Handel auf den folgenden Annahmen: Sobald das Kernkraftwerk Temelin die volle Leistung erbringen wird, kann es jährlich 12 Megawattstunden Strom produzieren und damit rund 12 Millionen Tonnen Braunkohle ersetzen, die weniger gefördert werden. Ausgehend von der erreichten Arbeitsproduktivität von knapp 2100 Tonnen Kohle pro Arbeiter und Jahr gehen, bedingt durch die Minderförderung der erwähnten 12 Millionen Tonnen, 5800 Arbeitsplätze verloren. Diese bleiben verloren, wenn es nicht gelingt, die Energieausfuhren aus der Tschechischen Republik zu erhöhen. Gelingt es allerdings, statt wie bisher 8 Terawattstunden Strom 10 Terawattstunden auszuführen, würde dies bedeuten, dass der Rückgang der Kohleförderung nur knapp 8 Millionen Tonnen ausmacht und damit nur 3500 Arbeitsplätze verloren gingen.

Diese Zahlen werden vom Wirtschaftsmagazin Euro allerdings als unseriös bezeichnet. Erstens wird darauf hingewiesen, dass es bei der Reduktion der Kohleförderung nicht nur zum Verlust von Arbeitsplätzen komme, die direkt mit der Förderung zu tun haben, sondern auch mit nachgelagerten oder vorgelagerten Leistungen. Es sei vollkommen unverständlich, warum die Analyse des Ministeriums diesen Umstand nicht berücksichtige. Das Magazin schreibt, dass für Berechnungen solcher Art von der Europäischen Union ein Wirkungskoeffizient des Arbeitsplatzabbaus in der Kohleindustrie auf andere Branchen angewendet werde, der besage, dass von jedem Arbeitsplatz in der Kohleförderung zweieinhalb Arbeitsplätze in vor- oder nachgelagerten Branchen abhängig seien. Wird nach dieser Methode gemessen, würden im negativeren Szenario der Regierung, das mit knapp 6000 Arbeitsplatzverlusten in der Förderindustrie rechnet, insgesamt weitere 15 000 Arbeitsplätze verloren gehen. Die Arbeitslosenrate im Bezirk Most, der von der Reduktion mit am schwersten betroffen wäre, könnte so astronomische 66 % erreichen. Wende man einen niedrigeren Wirkungskoeffizient von 1.5 stattt 2.5 an, steige die Arbeitslosigkeit immer noch auf über 50 %, und sogar wenn man davon ausgehe, dass der Verlust eines Arbeitsplatzes in der Kohleförderung nur den Verlust eines weiteren Arbeitsplatzes in einer anderen Branche nach sich ziehe, müsse man immer noch mit einer Arbeitslosigkeit von rund 35 % rechnen.

Nun gehen die Arbeitsplätze in Gebieten, wo die Kohleförderung eingestellt wird, nicht einfach ersatzlos verloren. Die Kohleförderungsgesellschaften arbeiten unter der Auflage, von jeder verkauften Tonne Kohle einen bestimmten Prozentsatz des erzielten Preises in die Rekultivierung des Geländes nach der Beendigung der Förderung zu investieren, und für diese Rekultivierung werden Arbeitskräfte gebraucht. Ferner hat die Regierung die Absicht, einem Anwachsen der Arbeitslosigkeit mit Infrastrukturprojekten entgegenzutreten. So steht in Nordböhmen der Bau respektive Ausbau der Autobahn Prag - Usti nad Labem an. Ein weiteres Projekt zur Arbeitsplatzbeschaffung sieht die Renovation von Plattenbauten in der Region vor; gesprochen wird von 36 000 Wohnungen und einem Investitionsvolumen von 12 Milliarden Kronen.

Für die Rekultivierung der Landschaft will die Regierung aus Mitteln in der Höhe von rund 15 Milliarden Kronen, die teils aus der Kasse des nationalen Besitztumsfonds, also der staatlichen Privatisierungsagentur, teils aus einem Spezialfonds des Umweltministeriums und teils aus den speziell dafür angelegten Reserven der Fördergesellschaften kommen sollen, rund 900 Arbeitsplätze finanzieren, von denen 700 schon im nächsten Jahr entstehen sollen. Zwischen 2001 und 2005 sollen jedes Jahr rund 700 Hektaren Land rekultiviert werden. Da in den letzten 5 Jahren jährlich mehr als das Doppelte rekultiviert wurde, ist daraus allerdings abzulesen, dass die Unternehmen, die diese Rekultivierung betreiben, dafür kaum mehr als die schon bestehenden Arbeitskräfte benötigen werden, es sei denn, es würden in der Zukunft personalintensivere Methoden verwendet.

Der Bau der Autobahn nach Usti nad Labem soll während der nächsten fünf Jahre rund 3000 Personen beschäftigen. Bei diesem Projekt wie auch bei den angestrebten Wohnungssanierungen besteht das Problem allerdings nicht zuletzt darin, dass es sich um relativ schlecht bezahlte Arbeit handelt. Dabei gilt es allerdings in Betracht zu ziehen, dass die Bergarbeiter früher nicht nur überdurchschnittliche Löhne bezogen, sondern auch ein hohes Sozialprestige genossen. Während das Sozialprestige in der Zwischenzeit gelitten hat, sind die Löhne im Bergbau immer noch deutlich höher als in anderen Industriezweigen. Wieviele Bergarbeiter deshalb bereit sein werden, zu einem deutlich niedrigeren Lohn als bisher eine neue Arbeit zu verrichten, muss dahingestellt bleiben. Und damit entsteht auch das Fragezeichen, wieviele von den neuen Arbeitsplätzen, die die Abgänge aus den Kohlegruben ersetzen sollen, mit Leuten aus der Region besetzt werden. Ganz abgesehen davon, dass in einer Zeit angespannter Verhältnisse im Staatshaushalt noch nicht völlig klar ist, woher die nicht unbedeutenden Mittel für die erwähnten Infrastrukturprojekte kommen sollen.

Schliesslich ist auch noch offen, welche von den nordböhmischen Kohleförderungsgesellschaften auf welche Weise von der Reduktion des Kohlebergbaus betroffen sein werden. Da es sich nicht mehr durchwegs um staatliche Gesellschaften handelt, kann der Staat hier nur beschränkt eingreifen. Eine Einigung, wer worauf verzichten soll, ist wohl nur schwer zu erzielen, da alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Den Gesellschaften droht, dass sie unter Förderungsbeschränkungen auch bei Kohlelagern, die an sich profitabel ausgebeutet werden könnten, in die roten Zahlen zu rutschen drohen. Wird die Förderung aber eingestellt, bevor die Vorräte ausgeschöpft sind, hat dies auch für den Staat wieder finanzielle Folgen: Die Rekultivierungsprozente, die durch die nicht realisierten Verkäufe verloren gehen, muss wohl der Staat dann selbst aufbringen. Die Frage, was mit dem Bergbau in Nordböhmen geschehen soll, ist damit ein gordischer Knoten, der so leicht nicht zu durchtrennen ist. Alles aber auf Temelin abzuschieben, wäre dennoch verfehlt, denn Temelin ist lediglich ein Katalysator. Die Grundsatzfrage nach der Entwicklung Nordböhmens hätte früher oder später ohnehin gestellt werden müssen.

Autoren: Martina Schneibergová , Rudi Hermann
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