Der Zauber des Vergänglichen – Schau in der Kunsthalle Praha

The Grief of Misfit Cathedrals

Eine neue Schau in der Kunsthalle Praha befasst sich mit dem Reiz, der in baufälligen Industriebauten entdeckt werden kann. Die audiovisuelle Installation in Galerie 3 der Kunsthalle trägt den englischen Titel „The Grief of Misfit Cathedrals“.

Sie sind monumentale Denkmäler des unaufhaltsamen Wandels: verödete Industriebauten, die dem allmählichen Verfall preisgegeben sind. Die kreative Vereinigung Lunchmeat Studio thematisiert sie nun in Zusammenarbeit mit der Galerie 3 der Kunsthalle Praha in einer audiovisuellen Schau.

The Grief of Misfit Cathedrals | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Schon beim Betreten der Galerie 3 umfängt das audiovisuelle Kunstwerk die Besucher mit Wucht. Dynamisch bewegte Bilder von Werksruinen huschen ringsum über wandfüllende Bildschirme. Einzelne herausgelöste Bauelemente kommen in Nahaufnahmen des 3D-Films scheinbar auf die Betrachter zu, Mauerstücke rasen in Schwärmen vorüber wie Meteoriten im Weltall. Dazu strömen eindringliche musikalische Klänge stereophon in den Saal. Iva Polanecká von der Kunsthalle Praha hat die Installation kuratiert:

„Die Schau erzählt die Geschichte von Orten, die ihre Funktion heute schon eingebüßt haben. Dennoch haben sie eine wunderbare Architektur, eine interessante Atmosphäre, und das Milieu ringsum, in dem sie sich befinden, verändert sich dynamisch. Die Besucher können also einem vergänglichen Ort mit einer Atmosphäre begegnen, die es bald nicht mehr geben wird.“

Die Anmutung einer hautnahen Begegnung mit dem vorgeführten Kunstwerk ist beabsichtigt. „The Grief of Misfit Cathedrals“ ist ein immersives Kunstereignis. Der Besucher soll also förmlich in das Kunstwerk eintauchen.

Kunsthalle Praha | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

„Es handelt sich um ein mehrkanaliges Video, das auf acht große Projektionswände aufgeteilt ist. Der Besucher ist also von diesem 360-Grad-Film umgeben. Und der stereophone Ton verstärkt diese Immersion noch. Wir verwenden 13 Kanäle für die Lautsprecher, der Klang ist räumlich gemixt. Selbst wenn der Besucher die Augen schließt, hört er die Klangereignisse im Saal. Und das weist ihn nacheinander auf die einzelnen Wandbildschirme hin, sodass er weiß, wohin er sich drehen und schauen soll. Er wird also durch das Video und den Klang im Saal navigiert“, so Polanecká.

Die Idee zu der Ausstellung entstand im Lunchmeat Studio. Das Lunchmeat Studio ist eine in Prag basierte Vereinigung von Kunstschaffenden, die mit Anwendungen neuer Technologien experimentieren. Warum haben sich die Autoren aber für den englischen Titel „The Grief of Misfit Cathedrals“ entschieden?

„Weil das Projekt auch im Ausland ein stärkeres Echo hervorrufen soll. Wir haben große Pläne damit, wir wollen es auch ausländischen Einrichtungen anbieten. Ein anderer Grund ist, dass mehrere Mitglieder der Vereinigung Lunchmeat Studio viel an internationalen Projekten beteiligt sind, und für sie ist Englisch zu einer Zweitsprache geworden“, sagt die Kuratorin.

The Grief of Misfit Cathedrals | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

Die realen Industrieruinen, die für die audiovisuelle Installation künstlerisch aufbereitet wurden, sind in dem Kunstwerk zu Archetypen abstrahiert. Die konkreten Schauplätze werden in dem Film nicht erwähnt. Iva Polanecká:

„Wir haben unsere Scans vorwiegend in Kladno gemacht. Dort gibt es zwei Industrieareale, Koněv und Poldi. Außerdem haben wir Gebäude im Prager Stadtteil Veleslavín gescannt, dort steht ein ehemaliges Heizkraftwerk. Unsere wichtigste Kathedrale, die Hauptperson unseres Films, ist eine ehemalige Kokerei in Kladno. Das Motiv zeigt das Gebäude der Kokerei, in das die Kohle hineingeschüttet, dann zerkleinert und in den Öfen zu Koks weiterverarbeitet wurde. Wir haben rund anderthalb Jahre intensiv an dem Projekt gearbeitet, und das Team bestand aus fünfzehn Personen.“

Experimentieren mit neuen Technologien in der Kunst

Die Künstler setzten raffinierte digitale Werkzeuge modernster Art ein. Eine wichtige Rolle hat dabei die Fotogrammetrie gespielt. Die Kuratorin erläutert:

The Grief of Misfit Cathedrals | Foto: Maria Hammerich-Maier,  Radio Prague International

„Die Fotogrammetrie ist ein technisches Verfahren, bei dem ein Bereich oder Objekt von mehreren Seiten gescannt wird. Um beispielsweise ein Gebäude zu scannen, müssen wir 2000 bis 3000 Aufnahmen von allen Seiten machen. Diese Scans werden mit einer speziellen Software nachbearbeitet und zusammengefügt. So entsteht ein 3D-Scan der aufgenommenen Umgebung. Dann können wir mit diesen Objekten arbeiten, sie verschieben und unterschiedliche Ansichten zeigen. Am meisten wird dieses Verfahren in der Architektur zur Digitalisierung von Gebäuden angewendet.“

Bei den Aufnahmen wurden auch Drohnen eingesetzt. Unter den Bildschirmen sind Steine aufgeschüttet. Sie bilden die Brücke zwischen der virtuellen Welt des Ausstellungssaales und der thematisierten Außenwelt.

„Für die Ausstellungsbesucher ist das eine exklusive Möglichkeit, mit dem Schauplatz des Kunstwerks selbst in Berührung zu kommen. Die Steine stellen einen Torso der Gebäude dar, die zu der digitalen Geschichte verarbeitet wurden. Und es handelt sich wirklich um Bauschutt. Wir haben ihn aus Kladno herbeigeschafft, es sind 30 Tonnen Material“, sagt Polanecká.

Arbeit im Terrain | Foto: Nikola Schnitzerová,  Kunsthalle Praha

In dem Film kommen keine Menschen und auch keine Dialoge oder Kommentare vor. Die Intentionen der Kunstschaffenden werden allein durch ein Zitat aus der japanischen Ästhetik in Worte gefasst: „mono no aware“. Das japanische Wort „mono“ bedeutet auf Deutsch so viel wie „Dinge“ und „aware“ heißt „Wehmut“ oder „Pathos“. Und weiter die Kuratorin:

„Der Wahlspruch ‚mono no aware‘ heißt frei übersetzt ‚Liebe zur Vergänglichkeit‘. Er bedeutet so viel, wie das Schöne in etwas zu suchen, das zum Untergang verurteilt ist, und sich damit friedlich abzufinden. Wir fühlen uns diesem Statement sehr nahe. Man muss nicht immer mit etwas Neuem kommen und nach exponentiellem Wachstum streben. Vielmehr sollte man auf die Dinge eingehen und sich darum kümmern, dass sie länger fortbestehen. Wir befürworten diesen japanischen Grundsatz des Umsorgens von Dingen und können uns gut vorstellen, dass er auch in der westlichen Welt wichtiger wird."

Bewahren, was es wert ist

Eine Inspirationsquelle für das Projekt seien die Pioniere der Kunstfotografie Bernd und Hilla Becher gewesen, doch auch der berühmte Film Koyaanisquatsi von Godfrey Reggio mit der Musik von Philipp Glass aus dem Jahr 1982 habe indirekt darauf eingewirkt. Außerdem berufen sich die Künstler auf die Malerei der Romantik. Mittelalterliche Ruinen waren ein beliebtes Motiv romantischer Landschaftsgemälde. Die Romantik war aber ebenso eine Zeit des Weltschmerzes und der Weltflucht vieler Künstler. Iva Polanecká findet, dass die melancholische Vorliebe für das Vergängliche auch heute eine Strategie sei, um mit den Problemen der Gegenwart klarzukommen:

„Ein solcher Trend ist ohne Zweifel zu beobachten. Manchmal erscheint es mir alarmierend und irritierend, wenn ich sehe, wie sehr die jungen Menschen in die digitale Welt flüchten. Anderseits habe ich Verständnis dafür, denn dort kann man sich Bedingungen und ein Umfeld schaffen, das einem mehr zusagt. Man wird dort nicht so sehr mit den Schrecken und Widrigkeiten konfrontiert, die wir in der realen Welt erleben.“

The Grief of Misfit Cathedrals | Foto: Vojtěch Veškrna,  Kunsthalle Praha

Im schmalen, halbdunklen Nebenraum der Galerie können die Besucher an drei Stationen mit kleinen Bildschirmen und Kopfhörern noch tiefer in Details der Schau eintauchen. Die dort gezeigten Kurzfilme fokussieren einzelne Bauelemente aus dem architektonischen Kosmos der verfallenden Industriebauten und beleuchten die ästhetischen Reize der Bausubstanz selbst. Ebenso wie im Hauptraum ertönt auch bei diesen Stationen beschwörende Filmmusik. Komponiert hat sie Ladislav Zensor…

Arbeit im Terrain  | Foto: Nikola Schnitzerová,  Kunsthalle Praha

„Ladislav Zensor komponiert elektronische Musik zum Tanzen, vor allem aber zum Anhören. Die Grundlage dafür sind Field Recordings, also Aufnahmen, die er direkt am Schauplatz in Kladno gemacht hat. Ich finde, dass seine Musik sehr anregend wirkt, sie ist ein echtes Hörerlebnis, stimmungsvoll und etwas düster, um die Atmosphäre hervorzurufen, die dort herrscht“, sagt Polanecká.

Zu erleben ist die immersive audiovisuelle Installation „The Grief of Misfit Cathedrals“ in Galerie 3 der Kunsthalle Praha. Die Galerie 3 versteht sich als Labor für experimentelle Kunst des digitalen Zeitalters, der progressive Zuschnitt des Kunstereignisses ist also Programm. Die Schau will die Besucher auch zum Nachdenken darüber anregen, was sie als hässlich oder schön, erhaltenswert oder wertlos empfinden. Die Kuratorin:

„Unser Wunsch ist, dass die Ausstellung bei den Besuchern nachwirkt, sodass sie sich neue Fragen stellen. Wir haben viele Begleitveranstaltungen vorgesehen, in denen wir uns mit Teilaspekten des Themas befassen, zum Beispiel damit, wie man mit den Industriebrachen umgehen kann oder welche Industrieobjekte gerettet werden konnten und wie es heute um sie steht.“

The Grief of Misfit Cathedrals | Foto: Vojtěch Veškrna,  Kunsthalle Praha

Durch das Kunstwerk werden die Industrieruinen nebenbei auch auf eine besondere Weise dokumentiert und archiviert. Das rettet sie trotz des fortschreitenden Niedergangs vor dem Vergessen. Diese Gewissheit war für die Autoren der audiovisuellen Schau ein zusätzlicher Anreiz, um den ästhetischen Zauber der Objekte einzufangen. So können sie ihn nicht nur den Besuchern vermitteln, sondern überdies für die Nachwelt bewahren.

Die Ausstellung „The Grief of Misfit Cathedrals“ ist noch bis 14. Januar 2024 zu sehen, und zwar in Galerie 3 der Kunsthalle Praha.

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