Des „Ketzers“ letzte Wohnstätte – Hus-Haus in Konstanz

Hus-Haus (Foto: Gortyna, Wikimedia CC BY-SA 3.0)

In Konstanz am Bodensee gibt es viele mittelalterliche Fachwerkhäuser. In einem davon soll Jan Hus seine letzten Tage in Freiheit verbracht haben, bevor er festgenommen und später als Ketzer verbrannt wurde. Vor knapp hundert Jahren kaufte der damalige tschechoslowakische Staat das Haus – und ließ dort ein Museum einrichten, das letztens modernisiert wurde.

Hussenstein (Foto: steadytraveller, CC BY-NC-SA 2.0)
In Konstanz erinnert viel an Jan Hus: Wandmalereien, Gedenktafeln, der Hussenstein und nicht zuletzt das Hus-Haus. Dieses ist Eigentum der Hus-Museums-Gesellschaft in Prag. In dem Haus ist heute ein Museum zu Geschichte, Leben und Wirken des Kirchenreformators. Bis zu seiner Festnahme soll er dort wohl gewohnt haben. Jan Kalivoda, Dozent an der Prager Karlsuniversität und Vertreter der Hus-Museums-Gesellschaft, kennt sich mit der Geschichte aus:

„Das wurde viele Jahrhunderte lang gesagt, aber es ist wahrscheinlich nicht wahr. Im späten 20. Jahrhundert wurde dies festgestellt. Es ist auch logisch, denn dieses Haus ist etwas zu klein, als dass es Johannes Hus und seine Begleiter hätte beherbergen können. Jetzt ist klar: Die Herberge muss in einem anderen Haus gewesen sein, das ein wenig näher zum Zentrum ist. In einem seiner Briefe hat er geschrieben, dass er von seinem Fenster die Herberge des Papstes sehe. Das wäre von diesem Haus nicht möglich gewesen.“

Hus-Haus (Foto: Gortyna, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
Nach dem Ersten Weltkrieg kaufte der tschechoslowakische Staat das Haus in Konstanz und schenkte es der neugegründeten Hus-Museums-Gesellschaft. Diese Institution war zunächst vor allem wissenschaftlich tätig. Nachdem sie das Hus-Haus in Konstanz geschenkt bekommen hatte, wurde aber dessen Verwaltung und Pflege zu ihrer Hauptaufgabe. Nach und nach errichtete die Gesellschaft in den Räumen ein Museum.

„Noch zwischen den beiden Weltkriegen war die Hälfte oder fast das ganze Haus an einen Bäcker vermietet. Nur ein kleiner Raum wurde als Museum eingerichtet, der sogenannte Hus-Raum, wo er gewohnt haben soll. Dieser Raum wurde nicht immer geöffnet, nur gelegentlich und auf Wunsch.“

Doch die Nationalsozialisten verboten jegliche Veranstaltung zu Jan Hus und jede Erinnerung an ihn. Der Reformator war für sie eine ungeliebte Person, ein tschechischer Nationalist, der einst die deutschen Professoren und Studenten aus Prag vertrieb. Daher wurde das Hus-Haus geschlossen. Die Husstraße in Konstanz wurde auch wieder zurück in Römerstraße umbenannt.

Für die Nazis ein tschechischer Nationalist

Jan Kalivoda (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)
Ende der 50er Jahre erneuerte die Hus-Gesellschaft ihre Aktivitäten. In Zusammenarbeit mit der Konstanzer Stadtverwaltung entstand dann ein kleines Museum mit drei Räumen. Nach der Renovierung des Hauses wurde das Museum 1980 auf fünf Räume vergrößert. Seit vergangenem Jahr gibt es nun eine neue Ausstellung. Sie wurde unter der Leitung des Hussitenmuseums in Tábor gestaltet und trägt den Titel „Johannes Hus – Mut zu denken, Mut zu glauben, Mut zu sterben“. Im Unterschied zur vorherigen Ausstellung bezieht sich diese voll und ganz auf Hus und nicht mehr so sehr auf den Hussitismus. Die neue Ausstellung hat fünf Ebenen, wie Kalivoda erläutert:

„Eine Ebene ist die Zeitlinie, die die Ereignisse aus Hus‘ Leben und die damaligen Geschehnisse in Europa darstellt. Das ist für jene Besucher, die ganz schnell mit der Ausstellung fertig sein möchten. Damit bekommen sie eine schöne Summe an Informationen.“

Konstanzer Konzil
Die zweite Ebene ist die Ebene dreidimensionaler Objekte, die unter anderem über Hus‘ Geburtsort informiert, über seine Tätigkeit in der Bethlehem-Kapelle und an der Prager Universität. Ein Raum ist dem Konstanzer Konzil gewidmet. Besucher können Faksimiles von Hus‘ Handschriften oder Kopien von Urkunden einsehen. In der dritten Ebene, so erzählt Kalivoda, stehen für Enthusiasten mittelalterlicher Geschichte einige Computer zur Verfügung.

„Man kann sich in die Geschichte von Konstanz zu Zeiten des Konzils versetzen lassen. Ereignisse aus dem Leben von Jan Hus sind nach Monaten dargestellt. In einem Test können die Besucher prüfen, ob sie ein Ketzer wären und verbrannt werden würden oder ob sie ein echter Katholik des 15. Jahrhunderts wären. Ein weiterer Test zeigt, wie Jan Hus zu anderen Zeiten gesehen wurde, zu Zeiten der Reformation, der Gegenreformation oder im 19. Jahrhundert.“

Neue Statue von Jan Hus (Foto: Archiv des Kreises Hradec Králové)
In der vierten Ebene sind begleitende Publikationen zu Hus ausgestellt. Die fünfte richtet sich ganz an die jüngsten Besucher.

Ausstellung nach modernen Kriterien

In diesem Jahr kommt eine neue Statue von Jan Hus nach Konstanz. Sie ist ein Geschenk der Hussitischen Kirche Tschechiens zum 600. Todestag des Reformators.

Hus-Haus in Konstanz (Foto: Archiv der Stadt Konstanz)
Das Hus-Haus in Konstanz ist das Ausflugsziel tausender Besucher jährlich, so Kalivoda.

„Ich kann sagen, dass ein Drittel der Besucher Tschechen sind, ein Drittel sind deutsche Besucher, die wahrscheinlich aus protestantischen Regionen in Norddeutschland kommen, aber auch natürlich andere. Ein weiteres Drittel kommt aus der ganzen Welt. Wir haben Besucher unter anderem aus Korea, China, Taiwan und Südamerika.“



Hieronymus von Prag
Jedes Jahr wird in den Beiräumen des Museums eine Sonderausstellung gezeigt. In diesem Jahr ist es eine Sammlung von Bildern moderner tschechischer Künstler über Jan Hus. Im nächsten Jahr soll sich die Sonderausstellung Hieronymus von Prag widmen, denn dann jährt sich auch sein Todestag zum 600. Mal. Er ist wie Hus in Konstanz als Ketzer verbrannt worden.

Jan Kalivoda ist mit seiner und der Arbeit seiner Kollegen zufrieden und meint:

„Ich denke, es ist hervorragend, dass am Ort des Todes von Hus ein solches Haus die Tschechische Republik repräsentiert – Und nun besonders mit einer Ausstellung, die alle modernen Kriterien erfüllt.“