"Die Fahrkarten bitte!" - Vor 175 Jahren begann die Geschichte der Eisenbahn in Tschechien

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Vor 175 Jahren, am 1. August 1832, wurde auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik der erste regelmäßige Eisenbahnbetrieb aufgenommen. Es handelte sich um eine Pferdebahn, die von Budweis nach Linz führte. Aber bereits fünf Jahre früher, im Jahr 1827, wurde in Böhmen eine erste Teilstrecke eröffnet. Das war die erste Eisenbahnstrecke auf dem europäischen Kontinent. Für das heutige Kapitel aus der tschechischen Geschichte sprach Andreas Wiedemann mit dem Eisenbahnhistoriker Böhmen.

"Der 1. August 1832 war ein Meilenstein in der Entwicklung des Eisenbahnnetzes auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik. An diesem Tag wurde offiziell der Verkehr von Budweis nach Linz aufgenommen",

erklärt Karel Zeithammer vom Nationalen Technikmuseum in Prag. Die erste Eisenbahn, die in Böhmen vor 175 Jahren ihren regelmäßigen Betrieb aufnahm wurde aber nicht von einer Dampflok, sondern von einem Pferdegespann gezogen.

Die Eisenbahnstrecke von Budweis nach Linz wurde am 1. August 1832 in Betrieb genommen. Sie war 129 Kilometer lang und damals eine der längsten Pferdeeisenbahnen der Welt. Diese Eisenbahnstrecke hat aber eine lange Vorgeschichte. Bereits zur Zeit Kaiser Karls IV. gab es die Idee, die Flüsse Donau und Moldau mit einem Kanal zu verbinden, um den Warentransport nach Böhmen zu erleichtern.

"Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Idee des Kanalbaus zwischen Moldau und Donau wieder aufgegriffen. Im Jahr 1807 gründete eine Gruppe von Unternehmern die 'Böhmische Hydrotechnische Gesellschaft'. Ein Jahr später beauftragten sie den Direktor des Polytechnischen Instituts in Prag, das Projekt auszuarbeiten."

Der Direktor des Instituts war Frantisek Josef Gerstner, der heute als Pionier der Eisenbahn in Böhmen gilt. Er begutachtete den Plan zum Bau einer Wasserstraße zwischen Moldau und Donau.

"Ein Jahr später auf der Sitzung des Verwaltungsrates der Gesellschaft verkündete Gerstner den erstaunten Anwesenden, dass es viel praktischer wäre, anstatt des Kanalbaus, ein ganz neues Verkehrsmittel einzusetzen, das in England gerade großen Erfolg habe. Und das war die so genannte Eisen- Holzbahn, der Vorgänger der Eisenbahn. Gerstner sagte, es sei besser, den Bau eines Kanals aufzugeben. Der sei sehr teuer und außerdem friere er im Winter zu und sei dann einige Monate nicht befahrbar."

Gerstner legte anschließend einen Entwurf für den Bau einer Pferdeeisenbahn vor. Er konnte mit seinen Plänen aber zunächst nicht überzeugen und diese wurden auf Eis gelegt und geritten fast in Vergessenheit.

"Der ganze Gedanke wurde erst zu Beginn der zwanziger Jahre wieder belebt. Die Regierung in Wien beauftragte Gerstners Sohn Franz Antonin damit, den Bau der Pferdebahn in die Tat umzusetzen. Franz Antonin Gerstner war Professor an der Wiener Polytechnik. Gerstner fuhr 1923 nach England, um sich mit den neuesten Entwicklungen im Eisenbahnwesen vertraut zu machen. Nach seiner Rückkehr beantragte er bei Kaiser Franz I. die Erteilung des Bauprivilegs und es wurde mit dem Bau begonnen."

Das war im Jahr 1825. Drei Bankhäuser beteiligten sich an der Finanzierung und es wurde die 'k.k. privilegierte Erste Eisenbahn-Gesellschaft' gegründet. Der erste Spatenstich für den Bau einer Eisenbahn auf dem europäischen Kontinent erfolgte am 25. Juli 1825 bei Nettrowitz (nördlich von Budweis).

"Der erste fertige Bahnabschnitt in Böhmen führte von Budweis nach Zartlesdorf/Rybnik und dann weiter nach Kerschbaum und wurde im September 1827 eröffnet. Diese Strecke war die erste Eisenbahnstrecke auf dem europäischen Kontinent."

Auf dieser Trasse wurde aber noch kein regelmäßiger Eisenbahnbetrieb aufgenommen.

Gerstner ließ die Pferdebahn bereits mit dem Gedanken bauen, dass die Zukunft der Eisenbahn der Dampflok gehören würde. Der breit angelegte Bau der Eisenbahn führte aber zu einer enormen Überschreitung des ursprünglichen Budgets und Gerstner wurde 1928 vom Bau abgezogen. In Böhmen war die Strecke aber bereits fertig gestellt. Gerstners Nachfolger wurde Matthias Schönerer, der den Bau der Strecke in Österreich bis nach Linz fortsetzte, allerdings auf die kostengünstigste Weise, so dass die Strecke später nicht einfach auf Dampfbetrieb umgestellt werden konnte, ohne einen Umbau der ganzen Strecke. Transportiert wurden mit der Pferdebahn ganz verschiedene Dinge.

"Der Hauptgrund für den Bau der Eisenbahn war der Transport von Salz aus dem Salzkammergut nach Böhmen und weiter nach Deutschland. Natürlich wurden aber auch andere Waren transportiert, wie Holz und Getreide, aber auch Personen", so Karel Zeithammer.

Die Fahrt von Budweis nach Linz dauerte mit der Pferdeeisenbahn vierzehn Stunden. Die Anzahl der vorgespannten Pferde hing davon ab, ob Menschen oder Waren transportiert wurden.

"Beim Personentransport sah das so aus: Morgens fuhren die Züge an den jeweiligen Kopfstationen los und abends kamen sie an. Das waren mehr als 120 Kilometer. Bei Kerschbaum trafen sich die beiden Züge. Dort gab es ein Restaurant."

Das Restaurant in Kerschbaum war das erste Bahnhofrestaurant Europas. Die Pferdebahn zählte im Jahr 1840 10.000 Reisende, eine Zahl, die bis 1848 auf 16.000 anstieg. Im Personenverkehr wurden Durchschnittsgeschwindigkeiten von 10 bis 12 km/h erreicht. Ein Bahnreisender beschreibt seine Eindrücke von der Fahrt mit der Pferdebahn:

"Vor der Abfahrt waren viele Formalitäten zu erledigen. Der Bahnbeamte musste auf den Fahrscheinen den Bestimmungsbahnhof, das Datum, die Zeit etc. eintragen... Die Fahrt ging pünktlich um 5 Uhr früh los. Wie angenehm lässt es sich doch mit so einer Schienenbahn reisen! Kein Rumpeln, kein Stoßen - man gleitet dahin wie im Himmel."

Die Pferdebahnstrecke wurde in den folgenden Jahren weiter ausgebaut.

"Die Bahnstrecke wurde von Linz aus weitergeführt bis nach Gmunden. Auf dem Stück von Gmunden nach Linz wurde in den 50er Jahren der Dampflokbetrieb aufgenommen. In den 1860er Jahren sollte das auch auf dem Abschnitt nach Budweis passieren, aber das funktionierte nicht, wegen der verwendeten Flachschienen. Zur Wende der 70er Jahre wurden dann die Gleise fast vollständig umgebaut. Der reguläre Dampflokbetrieb wurde dann im Jahr 1870 aufgenommen."

Die erste Dampflok im Habsburgerreich fuhr aber bereits 1837 zwischen Wien-Floridsdorf und Deutsch-Wagram. Sie war Teil der ersten Fernstrecke Wien - Brünn, die bereits am 7. Juli 1839 in Betrieb genommen wurde.

Mit dem Einsatz der Dampflokomotiven war das Ende der Pferdeeisenbahn besiegelt. Der letzte planmäßige Zug der Pferdeeisenbahn verkehrte am 15. Dezember 1872 von Linz nach Lest.