Die Tschechen und der Umgang mit Alkohol im Lockdown

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Beim Trinken von Alkohol reicht fast kein anderes europäisches Volk an die Tschechen heran. Sie liegen schon seit vielen Jahren in den Statistiken ziemlich weit vorne. Experten schätzen, dass rund 15 Prozent der Erwachsenen hierzulande am Rand des Alkoholismus balancieren oder bereits Trinker im medizinischen Sinne sind. Doch das Coronavirus hat in den vergangenen Monaten eine liebgewonnene Gewohnheit der Tschechen zunichtegemacht: den Gang in die Kneipe. Wie also steht es mit dem Alkoholkonsum im Lockdown?

Foto: Michaela Danelová,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

Eine gemütliche Runde bei einem Glas Bier in der Kneipe – das war in Tschechien zuletzt am 17. Dezember möglich. Seitdem sind erneut alle Gastbetriebe geschlossen. Das heißt, ihnen ist nur noch der Straßenverkauf erlaubt. Zugleich gilt ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit. Damit soll vermieden werden, dass sich die Menschen auf ein Stehbier vor den Kneipen oder im Park treffen. Ähnliches galt auch schon von Mitte Oktober bis Anfang Dezember sowie beim ersten Lockdown im Frühjahr. Auf der anderen Seite meldete der Einzelhandel damals Rekordzahlen beim Verkauf besonders von Bier, Wein und Sekt. Das führte teilweise zu Überschriften in den tschechischen Medien, dass nun zu Hause das große Besäufnis begonnen hätte.

Wissenschaftler sind dieser Behauptung nachgegangen. Die Adiktologische Klinik, also die Entzugsklinik in Prag, hat sich dafür im Mai und Juni an einer europaweiten Erhebung beteiligt. Die Ergebnisse sind mittlerweile ausgewertet. Der Gesundheitswissenschaftler Miroslav Barták hat in Tschechien die Umfrage geleitet:

Miroslav Barták  (Foto: ČT24)

„Aus ganz Europa haben 21 Länder an der Umfrage mitgemacht. Und überall ist herausgekommen, dass der Genuss von Alkohol in der Gesamtsumme leicht zurückgegangen ist. Allerdings muss man einschränkend sagen, dass die Erhebung nicht repräsentativ für Tschechien gewesen ist. Das heißt, das Ergebnis muss mit Vorsicht genossen werden. Wir haben hierzulande die Antwortbögen von rund 1500 Teilnehmern erhalten.“

Leichter Rückgang

Auf den Bögen sollten die Befragten unter anderem angeben, ob sie im Lockdown häufiger oder seltener getrunken hätten. Barták fasst das Ergebnis für Tschechien zusammen:

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„Es hat sich gezeigt, dass ungefähr die Hälfte im selben Rhythmus geblieben ist. Rund 20 Prozent sagten, sie hätten etwas häufiger zu Alkohol gegriffen. Und nur sechs Prozent gaben an, sich deutlich häufiger etwas eingeschenkt zu haben.“

Von einer Erleichterung zu sprechen, wäre jedoch verwegen. Schließlich liegt der Alkoholkonsum in Tschechien allgemein ziemlich hoch. Im Schnitt kippen die Menschen hierzulande 14,4 Liter reinen Alkohol pro Jahr in ihre Kehlen. Dabei gilt nur weniger als die Hälfte dieser Menge als noch unbedenklich, konkret sechs Liter. In jedem Fall folgt daraus beim Alkoholkonsum der dritte Rang in Europa hinter Moldawien und Litauen. Und das hat sich wohl im Lockdown nicht groß verändert.

„Etwa die Hälfte der Befragten sagte, bei der gleichen Menge geblieben zu sein. Rund elf Prozent tranken etwas mehr und drei Prozent deutlich mehr“, sagt Barták.

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Auf ähnlicher Ebene bewegten sich laut dem Gesundheitswissenschaftler auch die Antworten zum sogenannten Quartalstrinken, das heißt zum phasenweise hohen Konsum von Alkohol.

Interessant ist, dass eine frühere Umfrage in Tschechien zu einem anderen Ergebnis gekommen war. Sie wurde schon im April durchgeführt, und zwar vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos. Auftraggeber war die Krankenversicherung des Innenministeriums. Dabei sagten knapp 20 Prozent, dass sie mehr trinken würden als zuvor. Am meisten haben demnach jüngere Erwachsene im Alter zwischen 27 und 35 Jahren ihren Alkoholkonsum gesteigert, und zwar um mehr als ein Fünftel. Etwas darunter lagen die Menschen in der Altersgruppe von 18 bis 26 Jahren. Am geringsten haben laut den Umfrageergebnissen ältere Leute zwischen 54 und 65 Jahren ihre Dosis angehoben, allerdings immer noch im Schnitt um knapp 13 Prozent.

Höherer Verkauf in den Geschäften

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Was ist also jetzt der tatsächliche Trend hierzulande beim Alkohol im Lockdown? Eine weitere Erkenntnis gibt die Analyse der Verkaufszahlen. Dazu Miroslav Barták:

„Wir wissen zwar noch nicht, wie die Entwicklung über das gesamte Jahr verlaufen ist. Aber im Frühling 2020 ist der Verkauf von alkoholischen Getränken in Geschäften angestiegen, was natürlich darauf zurückzuführen ist, dass Bars, Kneipen und Restaurants geschlossen waren. Gegenüber dem Frühling 2019 wurde mehr Bier, Wein und Schaumwein abgesetzt. Beim Branntwein gab es hingegen gemäß den uns zur Verfügung stehenden Daten keinen deutlichen Anstieg.“

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Laut dem Einzelhandel stieg der Verkauf von Bier und Wein in den Geschäften während des ersten Lockdowns um 15 Prozent. Das muss man jedoch vergleichen mit dem Alkoholausschank in Kneipen und Restaurants. Normalerweise werden dort rund 50 Prozent des gesamten verkauften Alkohols in Tschechien konsumiert. Allerdings sind an dem Verbrauch normalerweise auch die vielen ausländischen Touristen beteiligt und längst nicht nur Einheimische. Wie sich unter dieser Prämisse die Statistiken lesen lassen, dazu hat sich auch Vladimír Darebník seine Gedanken gemacht. Er leitet den Verband der Branntwein-Produzenten und -Importeure. Darebník hat die Zeit nach dem ersten Lockdown ausgewertet. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks stützte er eher die These vom relativ gleich gebliebenen Alkoholkonsum – zumindest im Segment seines Verbandes:

Vladimír Darebník  (Foto: ČT24)

„Im Sommer kamen praktisch keine ausländischen Besucher nach Tschechien, zugleich sind die Menschen von hier kaum über die Grenze in den Urlaub gefahren. Im Juli und August lag zwar der Absatz von Branntwein leicht niedriger als sonst, aber eigentlich auf dem Niveau von 2019 und den vorangegangenen Jahren.“

Die Ergebnisse muss man jedoch aus heutiger Sicht als unvollständig bezeichnen. Denn sie stammen alle vom Anfang der Corona-Krise. Seit Mitte Oktober befindet sich Tschechien aber in einem weiteren Lockdown, der nur für knapp drei Wochen gelockert wurde. Und die wirtschaftlichen Folgen der Krise werden sich erst noch zeigen. Auf der anderen Seite ist die unnormale Lage zum Dauerzustand geworden. Die Menschen hocken zu Hause aufeinander, zum Beispiel weil sie im Homeoffice arbeiten oder weil die schulpflichtigen Kinder nicht im Präsenzunterricht sind. Oder man bleibt wegen der Kontaktsperren alleine zurück. Alles das belastet die Menschen, wie Psychologen und Soziologen immer wieder betonen. Und da stelle sich die Frage, wie jeder einzelne mit einer möglichen Krisenlage umgehe, meint Miroslav Barták:

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„Der eine geht in den Wald joggen, jemand anderes nimmt vielleicht ein Stück Papier und fängt an zu malen. Oder er greift zum Alkohol. Und wahrscheinlich muss man nicht erläutern, dass die Menschen eher den Alkohol wählen, als mit dem Malen zu beginnen.“

So die etwas pessimistische Prognose des Gesundheitswissenschaftlers. Wie auch immer sich dies aber dann in Zahlen darstellen wird: Bei der Adiktologischen Klinik in Prag will man die weitere Entwicklung im Auge behalten.

Autoren: Till Janzer , Eliška Balcárková
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