Die Weißen Karpaten blühen! Erste Frühlingsboten locken zum Besuch

Weiße Karpaten (Foto: Jiří Komárek, CC BY-SA 4.0)

Nicht nur dem Kalender nach ist mittlerweile Frühling. Für Naturfreunde ist das ein guter Anlass, den Anbruch der von vielen herbeigesehnten Jahreszeit bei einem Spaziergang oder einer längeren Tour zu genießen. Doch für diejenigen, die den Naturschutz zu ihrem Beruf gemacht haben, bedeutet der Frühling auch viele Aufgaben. Das gilt auch für die Mitarbeiter des regionalen Verwaltungsamtes für das Landschaftsschutzgebiet Weiße Karpaten mit Sitz in Luhačovice.

Weiße Karpaten  | Foto: Jiří Komárek,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 4.0
In den Wiesenbiotopen der Weißen Karpaten haben viele Pflanzen- und Tierarten ihren Lebensraum gefunden. Die Erhaltung ihrer natürlichen Lebensbedingungen kostet allerdings viel Mühe. Die Flora und Fauna der sanft geformten Karpatenhügel ist in vieler Hinsicht bedroht. Die Weißen Karpaten, die sich über eine Fläche von rund 750 Quadratkilometern erstrecken, wurden 1980 zum Landschaftsschutzgebiet erklärt. 1996 hat die UNESCO schließlich beide Teile entlang der tschechisch-slowakischen Grenze auf die Liste der Biosphärenreservate Europas gesetzt. Die geologische Masse des Gebirges wird vom sogenannten Flysch gebildet, der den Charakter der dortigen Landschaft seit jeher maßgeblich beeinflusst. Radim Staš studierte Landschafsgestaltung an der Brünner Fakultät für Forstwirtschaft. Seit einigen Jahren arbeitet er im regionalen Verwaltungsamt Landschaftsschutzgebiet Weiße Karpaten Luhačovice:

Weiße Karpaten  (Foto: Jiří Komárek,  CC BY-SA 4.0)
„Es handelt sich hier um tektonische Sedimentablagerungen aus körnigem Sandstein und Ton, die zur Rutschung neigen. In dem Fall kann das darin angestaute Schichtenwasser hie und da auf einer Wiese austreten. Diese Wiesenquellen, die in ihrer Umgebung für Feuchtigkeit sorgen, sind charakteristisch für die Weißen Karpaten. An Stellen, wo im Flysch mehr Kalkstein enthalten ist, bildet das austretende Untergrundwasser eine Art gelblich-beigefarbenen Kalktuffs. Wenn dieser in einen Bach gelangt, wird das Wasser trüb. Deswegen wurde auch eines der hiesigen Reservate ‚Weiße Bäche‘ genannt. Die Süßwasserkalkmasse steht unter Naturschutz, weil bestimmte Arten auf sie verschiedene angewiesen sind.“

Tier- und Pflanzenschutz ist Priorität

Gelbwürfeliger Dickkopffalter  (Foto: Milan Arnošt Václavík,  CC BY-SA 4.0)
Das Landschaftsschutzgebiet Weiße Karpaten umfasst eine große Zahl eigenständiger Einheiten, die unterschiedlichen Schutzkategorien angehören. Es geht um kleinere gesetzlich geschützte Biotope sowie größere Landschaftsbestandteile und Naturdenkmäler, für die besonders strikte Schutzmaßnahmen festgesetzt wurden. Zum Managementplan der Landschaftsschutzgebiets-Agentur in Luhačovice gehört zum Beispiel das kontinuierliche Monitoring bedrohter Arten. Ihre Mitarbeiter, studierte Botaniker und Zoologen, sind ständig auf Achse und beobachten die ihnen zugewiesenen Gebiete. Regelmäßig wird zum Beispiel das Vorkommen einer ganzen Reihe von Tierarten verfolgt.

„Die Auswahl der beobachteten Arten ist jedes Jahr anders. Dadurch wollen wir eine möglichst komplexe Übersicht erhalten. Wir arbeiten sehr intensiv, um die festgelegten Normen zu erfüllen. Zum Beispiel geht es um die Anzahl und den Umfang der vorgeschriebenen Vor- Ort-Kontrollen. Der eigentliche Artenschutz konzentriert sich insbesondere auf die Mikrogebiete, in denen die meistbedrohten Pflanzen- und Tierarten beheimatet sind. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse kann man dann die notwendigen Maßnahmen für ihre Erhaltung ergreifen. So werden zum Beispiel in Lebensräumen von Insekten, die Totholz für ihr Leben brauchen, keine umgestürzten Bäume mehr entfernt. Wir sind bemüht, sozusagen ‚maßgeschneiderte‘ Schutzkonzepte zu erstellen.“

Holunder-Knabenkraut  (Foto: Palickap,  CC BY-SA 3.0)
Die strengen Regeln müssen Staš zufolge insbesondere dort strikt eingehalten werden, wo bestimmte Arten nur auf einem kleinen Gebiet vorkommen. Deswegen werden die Wiesen mit der meistbedrohten Flora und Fauna nicht zur gleichen Zeit flächendeckend gemäht.

„Auf einigen Wiesen muss die Mahd auf einen späteren Termin verschoben werden als woanders üblich wäre. Zunächst müssen die geschützten Pflanzen abblühen. Das ist zum Beispiel bei den Orchideen der Fall. Weil ihre ausgereiften Samen im Juni abfallen, kann der erste Grünlandschnitt erst im Juli durchgeführt werden. Mit der Sense, wohl gemerkt, die die umweltfreundlichste Alternative der Wiesenpflege darstellt. Doch wo es das Terrain nicht erlaubt, kommt das Vieh auf die Weide. Nur im äußersten Fall wird Technik eingesetzt. Die etappenweise durchgeführte Mahd ermöglicht, dass dabei ein Ruckzugsraum für die Insekten erhalten bleibt. Für die nachhaltige Entwicklung der Artenvielfalt ist es generell wichtig, dass die Wiesen nicht intensiv, das heißt alle zwei Monate gemäht werden.“

Unendlicher Kampf gegen Bioinvasoren

Sumpf-Stendelwurz  (Foto: Bernd Haynold,  CC BY-SA 3.0)
Fleischfarbenes Knabenkraut, der Sumpf-Stendelwurz, der seit 1965 gesetzlich geschützte Alpenbock, die Hummel-Ragwurz oder der große Moorbläuling – das sind nur einige wenige Namen der geschützten und zum Großteil hoch gefährdeten Pflanzen- und Tierarten in den Weißen Karpaten. Den Lebensraum dauerhaft für sie zu sichern ist die größte Aufgabe der dortigen Naturschützer. Dazu gehört auch der nie enden wollende Kampf gegen Bioinvasoren:

„Sie machen uns in der Tat zu schaffen. Zum Beispiel das Land-Reitgras. Diese Grasgattung verbreitet sich auf abgeholzten Waldflächen enorm schnell, indem sie lange unterirdische Ausläufer bildet und zugleich bis zu zwei Meter tief wurzelt. Die Sanierung des Kahlschlags wird dadurch sehr erschwert. Es handelt sich dabei um eine eingewanderte Pflanzenart, die bei uns keine natürlichen Feinde hat. Das ist für sie eine ideale Voraussetzung für die Verbreitung auf großen Flächen.“

Die Gefahr einer unkontrollierten Verbreitung von Spezies, die zur Verdrängung einmaliger heimischer Arten führen kann, ist groß. So haben Staš zufolge zum Beispiel der japanische Knöterich und die Akazien das Potential, das Ökosystem eines ganzen Landschaftsteils zu zerstören. Der Boden im Akazienwald sei „sauber“, sagt mit Ironie der studierte Landschaftsgestalter. Sie in Schach zu halten sei eine Sisyphusarbeit:

Radomír Staš  (Foto: Archiv Spolu pro Bojkovsko)
„Im ganzen Landschaftsschutzgebiet kämpfen wir mithilfe verschiedenster Methoden mit dem Problem. Leider auch mit chemischen Mitteln, wenn alles andere versagt. Wo die invasiven Pflanzenarten waren, kann aber sowieso außer Magerrasen nichts anderes mehr wachsen. Doch auch wenn wir schon hundertprozentig erfolgreich sein würden, sind die invasiven Arten außerhalb unseres Landschaftsschutzgebiets noch weit verbreitet. In Privatgärten wachsen sie oft zur Zierde. Man muss weiter gegen sie kämpfen. Wenn wir da nachlassen würden, wären sie sehr schnell wieder zurück.“

Dieselbe Haltung kann man allerdings nicht von allen Besitzern der im Landschaftsschutzgebiet befindlichen Privatgrundstücke erwarten. Das Bewusstsein für die Probleme des Naturschutzes sei bei einem Teil der Einheimischen eher niedrig, beschwert sich der Landschaftsgestalter.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde ein Großteil der Karpatenwiesen durch Bewirtschaftung schwer in Mitleidenschaft gezogen. Einen großen Schaden erlitten zum Beispiel die weitläufigen Orchideenwiesen durch die Behandlung mit Mineraldüngern.

Heuffel-Safran in Lačnov  (Foto: ČT24)
Es gibt auch Beispiele von Arten, deren Bestände kontinuierlich schrumpfen. Eine davon ist der sogenannte Heuffel-Safran, der zu den ersten Frühlingsboten in den Weißen Karpaten gehört. Gerade in den Monaten März und April beginnen die Pflanzen aus der Familie der Krokusgewächse an vielen Orten zu blühen. Am Rande der Gemeinde Lačnov bei Vsetín werden jeweils im Frühjahr 5000 bis 6000 Safranblüten auf einer Wiesenfläche von 0,230 Hektar gezählt. In der Vergangenheit erreichte ihre Zahl bis zu 10.000. Botanikern zufolge ist der Heuffel-Safran keine heimische Pflanzenpopulation. Die Samen sollen während der Napoleonischen Kriege mit dem Heu für die Pferde eingeschleppt worden sein.

Tourismus mit Regeln

Velký Lopeník  (Foto: Ervín Pospíšil,  CC BY-SA 2.5)
Aus den Weißen Karpaten ist auch der Tourismus nicht wegzudenken. Welche Regeln gelten aber dort für die Besucher?

„Sie sollen sich nur auf den markierten Wanderpfaden bewegen und von diesen wie auch von den Feldwegen nicht abgehen. Außerhalb der markierten Strecken kann man in der Natur auf etwas treten, was unter Naturschutz steht. Im gesamten Landschaftsschutzgebiet gibt es Info- beziehungsweise Bildungszentren, wo man zum Beispiel auch für sich allein eine geführte Wanderung buchen kann. Der sachkundige Begleiter ist mit interessanten Informationen gewappnet und kann dem Ausflugsteilnehmer vieles zeigen, was er selbst nicht finden könnte. Gleichzeitig finden die Führungen im Einklang mit den gültigen Naturschutzregeln statt. Angeboten werden auch Gruppenführungen, oft mit einem Botaniker. Die Teilnehmer können sehen, welche wertvollen Pflanzen gerade blühen.“

Dank einem umfassenden Netz von markierten Wanderwegen kann man das ganze Landschaftsschutzgebiet Weiße Karpaten praktisch kreuz und quer durchwandern. Vom Fahrradsattel oder „nur“ zu Fuß bekommt man eine kunterbunte Palette ihrer Schönheit zu sehen. Experten zufolge ist Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni die beste Zeit dafür, die wertvollsten Pflanzenarten der Weißen Karpaten in ihrer vollen Blüte zu sehen.