Die Welt der Zeichen – der Künstler und Grafiker Ludvík Feller

Ludvík Feller

Er wurde 1929 geboren, studierte Malerei, Grafik und Psychologie an der Prager Karlsuniversität. Ludvík Feller etablierte sich zunächst als Grafiker in Prag. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes verließ Feller 1968 die Tschechoslowakei. Nach zahlreichen Studienreisen übernahm er die Lehrstelle für visuelle Rhetorik und angewandte Semiotik an der Hochschule der Künste in Berlin. In seinem künstlerischen Schaffen sind die Grenzen zwischen freier und angewandter Kunst aufgehoben. Das Werk ist geprägt von der Verbindung von Natur und Kunst sowie von Überlegungen über den Ursprung und die Ausdrucksformen des künstlerisch-kreativen Schaffens. Feller lebt und arbeitet in Berlin und Prag. 2020 wurde ihm der europäische Trebbia-Preis verliehen. Simona Binko hat vor einiger Zeit für die Podcast-Reihe „Contemporary Czech Art“ des Tschechischen Zentrums in Berlin ein Interview mit Jan Smejkal geführt. Wir haben die interessantesten Passagen daraus zusammengestellt.

Ludvík Feller: Durchziehen,  2002 | Foto: MessingerDesign,  Archiv von Ludvík Feller

Herr Feller, wir befinden uns in Ihrer Wohnung, und Sie haben zuvor erwähnt, dass Sie auch hier viele Ausstellungen veranstaltet haben. Wie ging das vor sich?

„Die Wohnung ist so groß, dass ich sie auch zu einem Ausstellungsraum umbauen konnte. Hier wird oft tschechische Musik gespielt. Eingeladen sind sowohl Tschechen als auch Deutsche. Im Nebenraum sind meine Objekte zu sehen. Diese sind vorwiegend zufällig auf die Welt gekommen. Ich habe immer schon mit verschiedenen Gegenständen gespielt, und so sind die Objekte entstanden. Die Besucher finden sie interessant. Einmal ist ein Junge zu mir in die Ausstellung gekommen und sagte: ‚Ich kann Ihre Objekte imitieren.‘ Und in der Tat hat er mir einige Kopien geschickt.“

Und wo kommen Sie zu Ihren Ideen? Im Wald? Sammeln Sie dort die Gegenstände und machen daraus Kunst?

Černovice | Foto: Petr Vilgus,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

„Nicht nur im Wald. Ich habe die Sommerferien immer bei meinen Großeltern in Černovice u Tábora verbracht. Ihr Garten war für mich eine Inspirationsquelle. Dort habe ich herumgespielt, verschiedene Sachen in die Hand genommen und sie mit neuen Gedanken gefüllt. Aus der heutigen Sicht war das für mich schon Kunst.“

Sie schaffen nicht nur Objekte, sondern malen und zeichnen auch. Welche Bedeutung hat dies für Sie?

Ludvík Feller: Gedenkzeichen I,  1993 | Foto:  Archiv von Ludvík Feller

„Mit dem Malen hat eigentliche meine künstlerische Karriere begonnen. Wichtig ist zu sagen, dass ich alles, was ich mache, als Zeichen betrachte. Unter diesem Prisma muss man auch alle Bilder hier verstehen.“

Sie haben zudem als Grafiker gearbeitet. Wie war Ihre Entwicklung dahin?

Ludvík Feller: Sisyphos | Foto:  Archiv von Ludvík Feller

„Meine Freundin kam eines Tages zu mir und meinte, dass wir an einem Grafikwettbewerb teilnehmen sollten. Darauf habe ich ihr geantwortet, dass ich doch kein ausgebildeter Grafiker sei. Schließlich habe ich meine Werke dann doch dorthin geschickt. Nach einer gewissen Zeit hatte ich das wieder vergessen, bis ich Mariánka – die Freundin – auf der Prager Nationalstraße wiedertraf. Sie sagte mir, dass wir den Wettbewerb gewonnen hätten. Unseren Sieg haben wir auch entsprechend gefeiert. Dabei musste ich ihr versprechen, dass ich dabei bleibe und auch am nächsten Jahrgang dieses Wettbewerbs teilnehme. Das habe ich auch gemacht und interessanterweise immer den ersten Platz belegt. Trotz der kommunistischen Repressionen gegen mich wurde ich darauf in den Verband der tschechoslowakischen Künstler aufgenommen. Das hat mich damals gerettet. Meine Arbeitsstelle war in einem Unternehmen für Haushaltsgeräte namens ‚Kovotechna‘. Dort arbeitete ich mich schnell ein und bin in zwei Jahren zu einem Grafiker geworden. Allerdings wurde ich dann von den Kommunisten rausgeschmissen. Zunächst wollte ich dann Journalismus studieren, was aber nicht klappte, deswegen bin ich an die pädagogische Fakultät gegangen. Aber auch dort wurde ich letztlich hinausgeworfen. Doch das hat mich nur stärker gemacht.“

Ludvík Feller: Gedenkzeichen II,  1996 | Foto:  Archiv von Ludvík Feller

Und in Berlin haben Sie Ihr Werk fortgesetzt…

„Ich habe sofort begonnen, mit verschiedenen Verlagen zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus habe ich gemalt. Die Objekte kamen erst später hinzu…“

Was beschäftigt Sie aktuell? Woran haben Sie in den letzten Jahren der Pandemie gearbeitet?

Ludvík Feller: Aufregung II,  1993 | Foto: Archiv von Ludvík Feller

„Ich habe auch gemalt. Außerdem habe ich versucht, in mein bisheriges Arbeiten eine gewisse Ordnung zu bringen. Denn ich habe in meinem Leben so viele Kunstwerke geschaffen, dass ich bei manchen vergessen habe, beispielsweise das Datum draufzuschreiben.“

Wie war eigentlich Ihr Weg nach Deutschland?

Günter Grass | Foto: Blaues Sofa,  Wikimedia Commons,  CC BY 2.0

„Ich bin zwar voller Angst nach Deutschland gegangen. Aber mir standen dort sofort alle Türen offen. Ich habe für den Luchterhand-Verlag gearbeitet, Günter Grass wollte mit mir etwas zusammen machen. Ich war plötzlich voll beschäftigt. Zunächst besaß ich nur ein kleines Atelier. Dort habe ich aber voller Freude gearbeitet, denn ich stand unter keiner Aufsicht mehr.“

Wie haben Sie so schnell diese Kontakte in Deutschland bekommen?

„Oft geschah das durch Zufall. Ich bin auf jemanden gestoßen und ins Gespräch gekommen, oder ich wurde einfach draußen bei meinen Skizzen fürs Malen angesprochen. Die Leute waren interessiert an diesem Tschechen, der so etwas macht.“

Ludvík Feller: Katze und Maus | Foto:  Archiv von Ludvík Feller

Sind Sie direkt aus der Tschechoslowakei nach Westberlin gegangen?

„Nein, ich war zunächst in England. Ein englischer Herausgeber hat mir jedoch empfohlen, nach Deutschland weiterzuziehen.“

Sie leben schon lange im Ausland. Haben Sie nach der Wende irgendwie wieder an Ihre tschechischen Wurzeln angeknüpft?

Ludvík Feller: Animalisierung,  2008 | Foto: MessingerDesign,  Archiv von Ludvík Feller

„In meinem Leben hat sich alles irgendwie ergeben. Als ich nach Tschechien zurückkehrte, wurde ich direkt gefragt, ob ich nicht an der Jan-Evangelista-Purkyně-Universität in Ústí nad Labem lehren wolle. Dabei konnte ich meine Erfahrungen aus England und Deutschland dort zur Geltung bringen.“

Ludvík Feller: Entangling,  1998 | Foto:  MessingerDesign,  Archiv von Ludvík Feller

Sie haben häufiger schon gesagt, dass der Humor in Ihrem Leben und Ihrem Schaffen eine wichtige Rolle spielt…

„Ich denke, dass die Tschechen in den drei Jahrhunderten, als sie unter österreichischer Herrschaft standen, einen Ausweg aus der Unterdrückung gesucht haben. Sie fanden ihn im Humor. Dieser Meinung war im Übrigen auch schon mein Vater.“

Wie sehen Sie die heutigen Tschechen, die sich in der Kunstszene in Berlin oder Deutschland etabliert haben?

„Ich war an einigen Ausstellungen beteiligt. Und es wurden immer die interessantesten Künstler ausgewählt. Es hat mir immer Spaß gemacht, diese tschechische Spur zu beobachten.“

Ludvík Feller | Foto: Archiv von Ludvík Feller

Contemporary Czech Art in Berlin“ ist eine Podcast-Reihe des Tschechischen Zentrums Berlin zur zeitgenössischen Kunst in Zeiten von Corona. In Interviews werden dabei Künstlerinnen und Künstler mit Wurzeln in Tschechien und/oder der Slowakei vorgestellt, die schon länger oder erst kurz in Berlin leben. Radio Prag International bringt in Kooperation mit dem Tschechischen Zentrum Berlin einige der Interviews.

https://berlin.czechcentres.cz/blog/2022/02/3x3-contemporary-czech-art-in-berlin-charlotte-esser-1

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Die Galerie Miro in Prag zeigt ab dem 3. Mai bis zum 17. Juni 2022 die Ausstellung des Künstlers Ludvík Feller.

Autoren: Till Janzer , Simona Binko
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