Dolmetscher und Übersetzer in der erweiterten EU

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Mit der Erweiterung der Europäischen Union hat sich auch die Anzahl der in Brüssel vertretenen Sprachen stark erhöht. Dies bedeutet nicht zuletzt für tschechische Dolmetscher eine schlagartige Veränderung in ihrer Arbeit. In dem folgenden Bericht stellt Ihnen Christoph Amthor zwei Tschechinnen vor, die in Brüssel die sprachliche Vielfalt zu beherrschen helfen.

Der Unterschied zwischen einem Übersetzer und einem Dolmetscher ist schnell erklärt: Der Übersetzer arbeitet schriftlich, der Dolmetscher mündlich. Diese einfache Tatsache hat für einen Dolmetscher zur Folge, dass er immer am Ort des Geschehens sein muss. Für die tschechischen Kollegen heißen diese Ort seit dem ersten Mai vor allem Straßburg, Luxemburg und natürlich Brüssel. Amalaine Diabova, Vorsitzende des Verbandes der Dolmetscher und Übersetzer mit Sitz in Prag, kann einen starken Zuwachs an Aufträgen seit dem ersten Mai bestätigen. Ihre Kollegen fliegen nun für mehrere Tage oder sogar Wochen pro Monat zu den Schaltstellen der Europapolitik, wie sie nicht ganz ohne Sorge zu berichten weiß:

"Das wiederum hat Leute aus dem Tschechischen Markt abgezogen, ich weiß, dass sich die Nachfrage nach Dolmetschern, die hier weiter zur Verfügung stehen, sehr erhöht hat."

Der größte Teil der Fachleute arbeitet dabei freiberuflich. Für die Attraktivität der neuen Tätigkeit spielt dabei nicht nur das bessere Honorar eine Rolle:

"Das ist grundsätzlich etwas vorteilhafter, aber nicht in irgendwelchen Größenordnungen, der Vorteil besteht mehr in dem großen Auftragsvolumen, dass es mehr Tage im Monat sind, als wir gewöhnlich hier dolmetschen würden."

Die Europäische Union lege, so Diabova weiter, besonders Wert auf die Kenntnis vieler Sprachen.

"Was ein bisschen im Widerspruch zu den Gewohnheiten bei uns steht, wo es die Tendenz gibt, viel Wert auf die Qualität der einen Sprache zu legen, in der man so gut wie möglich, vielleicht sogar perfekt in beide Richtungen übersetzen können soll."

Im Allgemeinen ist das Arbeitsklima in den Institutionen der EU sehr gut. Doch Diabova weiß auch von unangenehmen Situationen zu berichten:

"Wenn sich die Teilnehmer streiten und der Dolmetscher die negativen Emotionen absorbiert, während sie seine Persönlichkeit durchlaufen, das ist sehr kräftezehrend. Es ist sehr unangenehm, in einer mit negativen Energien aufgeladenen Diskussion einen solchen Abstand zu wahren, dass man diese negativen Emotionen nicht aufnimmt."

Ein Kuriosum ganz eigener Art ist die Nähe zwischen dem Tschechischen und dem Slowakischen, was zu einiger Verwirrung führen kann:

"Eine Kollegin hat vor einem Jahr gerade darüber berichtet, dass es für uns sehr seltsam ist, aus dem Slowakischen ins Tschechische zu dolmetschen, denn erstens haben wir die Tendenz, ein Wort einfach zu wiederholen, statt es zu dolmetschen, und zweitens haben wir immer das Gefühl, dass wir in die falsche Richtung dolmetschen. Aber trotzdem müssen beide Sprachen, wenn sie vertreten sind, auch gedolmetscht werden, so lange die Delegierten nicht darauf verzichten. Es wird dann immer lustig, wenn wir auf einmal nicht wissen, sollen wir uns einschalten, ausschalten, wer soll sprechen, in welche Richtung, und bis sich das stabilisiert, entsteht in dieser Kabine ein fürchterlicher Stress, bis wir dann alles geregelt haben und es dann in Ordnung ist!"

Natürlich wird von tschechischer Seite auch das Deutsche als Quell- und Zielsprache angeboten. Daniela Tamasova hat in Bratislava Sprachen studiert und dolmetscht seit 1989 Deutsch und Englisch. Seit dem ersten Mai hat sie beruflich schon etwa fünf bis sechs Wochen in Brüssel verbracht. Im August sind auch dort Ferien sein, danach wird sie verstärkt für das Europaparlament arbeiten, da dann auch die Abgeordneten aus den Beitrittsländern anwesend sein werden. Über ihre Arbeit fern ab der Heimat kann sie nicht klagen:

"Das Arbeitsklima finde ich sehr gut, im Vergleich zu hier. In erster Linie sind die Arbeitsbedingungen ganz hervorragend, das beginnt mit den wunderbar ausgestatteten und sehr geräumigen Kabinen, mit den ganz perfekt funktionierenden technischen Vorrichtungen und Dolmetschanlagen, die sich auf dem modernsten Stand der Technik befinden, es gibt zwei Sitzungssäle im Ministerrat in Brüssel, die schon mit zwanzig Kabinen, also dem kompletten Sprachregime ausgestattet sind, für jeweils drei Dolmetscher pro Kabine."

Zu Problemen kann es etwa dann kommen, wenn einfach nicht zu verstehen ist, was der Sprecher sagen will:

"Es ist ja allgemein bekannt, dass die Tschechen und Slowaken und allgemein viele Menschen aus dem einstigen Osteuropa nicht so sprachgewandt sind wie zum Beispiel im Westen Europas, wo man es schon seit Jahrzehnten gewöhnt ist, öffentlich zu diskutieren. Und da lässt diese Sprachkultur noch viel zu wünschen übrig. Da müssen dann die Dolmetscher die Aussagen vieler Deligierter ausbessern, damit sie auch für die westlichen Partner verständlich sind."

Und dann kann es natürlich auch passieren, dass die Organisatoren vergessen, für einen Dolmetscher zu sorgen. So etwa ist es auf einem Treffen europäischer Kultusminister passiert. Beim gemeinsamen Mittagessen war auch der tschechische Minister Pavel Dostal anwesend, es gab aber nur slowakische Dolmetscher, nicht jedoch auch tschechische.

"Auf einmal hat sich der tschechische Minister zu Wort gemeldet, er wollte eben auch in die Debatte eingreifen, wollte etwas eigentlich sehr Interessantes erzählen, aber auf Tschechisch. Da hat er sich umgedreht und uns in der Kabine, die wir hinter ihm saßen, angesehen und kurz genickt und gefragt, ob er denn sprechen darf und ob wir es übersetzen werden."

Um den Minister nicht zum Schweigen zu verurteilen, haben die slowakischen Dolmetscher natürlich eingewilligt und seine Worte übertragen.

"Wir hatten es eigentlich nicht tun sollen und der Chéf d´équipe, der Leiter des Dolmetscherteams, hat gemeint, wir hätten zwar ein politisches Faux-pas abgewendet, indem wir dem Minister geholfen haben, sich verständlich zu machen, aber nächstens sollen wir es bitte unterlassen und uns entschuldigen: Es tut uns leid, es ist keine Kabine vorgesehen, wir können nicht behilflich sein."

Da wird der Kultusminister wohl nicht ohne Stolz an seine Lehranstalten gedacht haben, die den Dolmetschern genügend sprachliche Fertigkeiten zur Hand geben, um einen Mangel an Organisation mit dem passenden Maß an Improvisation auszugleichen. Vielleicht kann er ja das nächste Mal sogar selbst mit der einen oder anderen Vokabel einspringen!