Empfehlung für WM-Kicker: Chorprobe statt Training

Foto: ČTK

Auch wenn die tschechischen Kicker nicht mit dabei sind, hat sich das Fußballfieber in Tschechien dennoch ausgebreitet, und dies nicht nur in den Wettbüros.

Gennaro Gattuso, Gianluca Zambrotta (Italien) und Erik Jendrišek (Slowakei). Foto: ČTK
In der Kneipe unweit des Prager Funkhauses, in der man Live-Übertragungen der Fußballduelle aus Südafrika verfolgen kann, hat man am Donnerstagnachmittag von den Stammgästen immer wieder Jubelschreie gehört. Auch Gäste, die nicht wegen des Fußballs gekommen sind, sind mit der Zeit aufmerksamer geworden und fingen an, sich für das Spektakel auf dem Bildschirm zu interessieren. Als die Slowaken den Italienern das dritte Tor geschossen hatten, haben sich auch die bislang zurückhaltenden Gäste nicht mehr geniert und laut gejubelt. Und nach dem Schlusspfiff ging es erst richtig los. Die Slowaken haben ´s geschafft! Unglaublich! Plötzlich war der Saal voll von Fußballexpertinnen und -experten, die sich gegenseitig davon zu überzeugen versuchten, dass sie es doch gewusst hätten, dass die Slowaken in den letzten Jahren viel besser als die „unseren“ seien.

Nach dem Spiel zwischen Italien und der Slowakei (Foto: ČTK)
Kurz vor der WM hieß es in den Medien, die meisten tschechischen Fans würden bei der WM den Slowaken die Daumen drücken. Ich wollte es damals nicht glauben, habe mich aber nun mit eigenen Augen und Ohren davon überzeugen können, dass die Meinungsumfragen diesmal Recht hatten. Die tschechischen Fans haben die erfolgreichen Kicker aus dem Bruderland tatsächlich adoptiert. Einen Herrn habe ich sogar sagen gehört, „to sou přece taky naši, dyk známe i tu hymnu“ – „das sind doch auch die Unseren, ihre Nationalhymne kennen wir doch auch“. Bis 1992 war nämlich „Nad Tatrou sa blýska“ Bestandteil der tschechoslowakischen Nationalhymne.

Apropos Nationalhymnen: Im Unterschied zu allen meinen Kollegen habe ich meinen eigenen Maßstab entwickelt, nach dem ich den Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Mannschaft abzuschätzen versuche: Und zwar nach dem Gesang der Nationalhymne. Diesmal habe ich geahnt, dass es mit den Italienern schief gehen kann, denn wie kann eine Mannschaft aus dem Land von Verdi und Puccini eine so melodische Nationalhymne so falsch singen. Das kann sich doch auf das ganze Spiel auswirken. Vor vier Jahren erklang das „Fratelli d´ Italia“ meiner Meinung nach viel sauberer, und die squadra azzura hat auch den Weltmeistertitel geholt. Nun schienen die Slowaken im Chorgesang besser zu sein, und dabei ist das Lied über die Blitze und das Donnern über der Tatra viel weniger melodisch. Bleibt abzuwarten, wie sich die anderen Teams in der Gesangskunst bewähren werden. Den Slowaken werde ich nun weiter die Daumen drücken, obwohl ich seit meiner Kindheit– oder besser gesagt seit den Zeiten des legendären italienischen Mittelfeldspielers Gianni Rivera - ein Fan der squadra azzura war. Die Slowaken verdienen Respekt, allein aus dem Grund, dass sie für die bislang größte Sensation der WM gesorgt haben. Und Jungs, keine falschen Töne bei „Nad Tatrou sa blýska“ – ihr werdet es den Niederländern schon singen!