Erste Obdachlosen-Zählung: immer mehr jüngere Menschen auf der Straße

Bezdomovec

Die genaue Zahl der Obdachlosen in Tschechien kennt niemand. Jetzt hat das Statistikamt zumindest die Menschen ohne Unterkunft gezählt, die in Obdachlosen-Heimen wohnen.

Foto: H. Dominique Abed / Stock.XCHNG
Fast 11.500 Menschen ohne Dach über dem Kopf sind es, die das tschechische Statistikamt in seiner Zählung erfasst hat. Gezählt wurde auch in den Obdachlosenheimen der Heilsarmee.

„Es wurden diejenigen gezählt, die zu dem Zeitpunkt der Erhebung vor allem in Obdachlosen-Heimen gewohnt haben. Die Zählung wurde meist direkt von den Angestellten dieser Einrichtungen vorgenommen, also von Leuten, zu denen die Obdachlosen Vertrauen haben“, sagt Jan František Krupa, Leiter der Heilsarmee in Tschechien.

Doch die wahre Zahl der Obdachlosen hierzulande liegt höher. Sozialarbeiter schätzen sie auf das Dreifache des Zählergebnisses, so auch der Chef der Caritas in Ostrava / Ostrau, Martin Pražák. Gerade im Mährisch-Schlesischen Kreis hat das Statistikamt die meisten Obdachlosen ausgemacht, noch vor Prag und dem Kreis Südmähren - angeblich sind es fast 2600. Dazu Pražák:

„Es gibt eine große Zahl an Menschen, die einfach die Tage auf der Straße verbringen – konkret sind es hier in Ostrau nach einer Analyse der Polizei etwa 500. Dazu kommen weitere, die in Notunterkünften leben oder sonst wie betreut werden. Die wahre Zahl liegt also sicher viel höher.“

Martin Pražák (Foto: Archiv Hyundai)
Ein weiteres Ergebnis der Zählung ist sozusagen ein Phantombild des typischen tschechischen Bewohners von Obdachlosenheimen. Antonín ist solch ein Beispiel:

„Ich arbeite nicht und suche also Arbeit. Ich bin ledig“, sagt der Mann mittleren Alters.

Wie Antonín haben die meisten Obdachlosen keine Familie, sind zwischen 40 und 50 Jahre alt und vor allem männlich. Nur 21 Prozent sind Frauen, und die sind eher im Alter von 21 bis 24 Jahren. Warum gerade Männer betroffen sind und häufig alleine sind, beschreibt Martin Pražák:

„Sehr häufig treffen wir auf Menschen, die nach dem Verlust der Arbeit auch die Familie verloren haben, weil sie nicht genügend Einkünfte hatten. Der Zerfall der Familie führt dann auch zum Verlust der Wohnung, denn die Kinder bleiben meist in der Obhut der Mutter. Die Männer müssen also wegziehen, sie suchen eine Zuflucht in Wohnheimen oder Herbergen. Und von dort gelangt man schnell auf die Straße oder ins Obdachlosenheim.“

Aleš Slavíček, foto: ČT 24
Was die Zählung noch nicht beantworten kann, ist die Frage nach einem Anstieg der Obdachlosenzahlen. Das soll erst in einigen Jahren durch eine weitere Zählung möglich werden. Doch die Sozialarbeiter haben zumindest einen Trend in den vergangenen vier bis fünf Jahren beobachtet. Aleš Slavíček leitet die Bezirksstelle der kirchlichen Einrichtung Naděje (Hoffnung) im nordböhmischen Litoměřice / Leitmeritz:

„Wir haben festgestellt, dass sich das Problem Obdachlosigkeit in der letzten Zeit vertieft. Es greift auch auf die mittleren Schichten über. Es handelt sich um Menschen, die ihre Arbeit verlieren, zu trinken anfangen, spielsüchtig werden und sich verschulden und dann in unseren Obdachlosenheimen landen.“

Allerdings sind ansonsten die Obdachlosen laut der Zählung vergleichsweise schlechter gebildet als der Gesamt-Durchschnitt der Tschechen. So haben beispielsweise über 28 Prozent nur eine Grundschulbildung, während der Anteil an der Gesamtbevölkerung bei 17 Prozent liegt.