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8) Franz Kafka: „Der Prozess“

Quelle: Der Prozess, Chantal Montellier und David Mairowitz, BB art 2009
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Er gilt als das Hauptwerk von Franz Kafka: der Roman „Der Prozess“. Form und Inhalt entfalten eine sogartige Wirkung auf den Leser. Dabei ist das Buch heute noch genauso aktuell wie vor dem Ersten Weltkrieg, als es geschrieben wurde. Warum das so ist, erläutern der vielleicht beste deutsche Kafka-Kenner, Reiner Stach, und die Prager Germanistin Jindra Broukalová.

Comic-Bearbeitung des Romans „Der Prozess“ (Quelle: Der Prozess, Chantal Montellier und David Mairowitz, BB art 2009)

Franz Kafka (Foto: Public Domain)
„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Dies ist wohl einer der berühmtesten ersten Sätze in der Literaturgeschichte. Josef K. wird verhaftet, aber landet zum Erstaunen des Lesers nicht hinter Gittern. Trotzdem beginnt ein Martyrium, das später mit seiner Hinrichtung endet.

Die Prager Germanistin Jindra Broukalová weist darauf hin, dass man bei der Lektüre zunächst Sympathien entwickelt für den Protagonisten. Doch mit der Zeit kommt die Frage auf, warum sich Josef K. so überhaupt nicht gegen sein Schicksal wehrt:

„Josef K. denkt sehr darüber nach, was seine Verhaftung eigentlich bedeutet. Er weiß, dass er in einem Rechtsstaat lebt, in dem alle Gesetze gelten und Frieden herrscht. Doch was ihm wiederfährt, widerspricht jeglichen rechtstaatlichen Regeln. Dennoch erkennt er in gewisser Weise die Autorität des Gerichts an.“

Wie Broukalová betont, wirkt der Roman unter anderem deswegen so beunruhigend, weil auch der Leser immer nur einen Ausschnitt der Realität erfährt.

Verlagseinband der Erstausgabe 1925 (Foto: H.-P.Haack, Antiquariat Dr. Haack Leipzig, Wikimedia Commons, CC BY 3.0)
„Einerseits erhält man eine Menge Detailinformationen, zum Beispiel als sich Josef K. bei seiner Verhaftung mit dem Aufseher unterhält. Dieser sitzt am Nachttisch einer der Bewohnerinnen seiner Pension, von Fräulein Bürstner. Wir erfahren, wie der Aufseher mit den Gegenständen des Fräuleins spielt. Andererseits ist die Beschreibung nicht allumfassend, sondern gibt nur das wieder, was Josef K. auffällt. Dies ist dann die Realität, die wir selbst wahrnehmen“, so die Hochschullehrerin.

Kafkas Sprache ist sehr nüchtern. Die Gefühle von Josef K. werden nicht beschrieben. Aber gerade dadurch entsteht Beklemmung…

„Denn zugleich lässt der Autor viel Raum für Unsicherheit und unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten. Das zeigt sich darin, dass er relativ häufig Modalwörter verwendet, die diese Unsicherheit gut transportieren. Zudem greift Kafka gerne zu Vergleichen – dass es aussehe, als mache jemand dies oder dies. Wenn Josef K. über die Beweggründe für das Handeln der anderen nachdenkt, kommt er meist nicht nur zu einer Möglichkeit der Auslegung, sondern mindestens zu zwei. Und das verstärkt die Verunsicherung“, findet Broukalová.

Traumatische Entlobung

Geburtshaus Franz Kafkas (Foto: Štěpánka Budková)
Franz Kafka wurde 1883 in Prag geboren. Er war selbst Jurist und arbeitete bei der „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“. Parallel begann er zu schreiben, wobei ein Großteil seines Werkes erst postum von seinem Freund Max Brod veröffentlicht wurde. In welcher Phase entstand also „Der Prozess“? Reiner Stach hat die wohl umfangreichste Kafka-Biografie geschrieben. Gegenüber Radio Prag International sagt er:

„Es war eine ganz entscheidende Phase. Im Sommer 1914 hat sich einiges dramatisch zugespitzt, sowohl was Kafkas Leben betraf als auch das öffentliche Leben. Der Weltkrieg stand kurz bevor. Und wenige Wochen zuvor kam es zu einer Szene, die für Kafka fast traumatisch war. Er saß in Berlin in einem Hotel seiner Verlobten gegenüber, und sie hatte sozusagen noch zwei Zeuginnen mitgebracht, weil sie Kafka zur Rede stellen wollte. Vor ihr lagen seine privatesten Briefe, diese wurden dann teils öffentlich oder halb-öffentlich vorgelesen. Er hat diese Szene später als Gerichtshof im Hotel bezeichnet. Wahrscheinlich war dies die Keimzelle, aus der dann ‚Der Prozess‘ entstanden ist. Also ein absolut intimer Anlass.“

Dies führte letztlich zur Entlobung. Und Kafka musste laut Stach überlegen, wie er ohne seine Verlobte sein Leben weiterführen will.

Reiner Stach (Foto: Dontworry, Wikimedia CC BY-SA 3.0)
„Wenige Wochen später kam der Krieg dazwischen. Und während der ersten Tage des Weltkriegs hat Kafka mit der Niederschrift begonnen“, so Stach.

Anhand des Schriftbilds wurde herausgefunden, dass das erste Kapitel des Romans und das letzte unmittelbar hintereinander entstanden sind. Erst danach schrieb der Autor den Rest. „Der Prozess“ blieb aber ein Fragment, und wie bei anderen seiner Bücher sträubte sich Franz Kafka gegen eine Veröffentlichung. Erst 1925, ein Jahr nach dem Tod des Autors, brachte Max Brod den Roman heraus. Trotz dieser Entstehungsgeschichte findet Reiner Stach, dass das Buch wie aus einem Stück wirke…

„Für Kafka ist typisch, dass er zu schreiben beginnt, ohne einen Plot im Kopf zu haben. Das hat ihn beim Schreiben von Romanen immer auch sehr behindert. Das sieht man bei ‚Das Schloss‘, wo er sich am Ende stark verheddert in verschiedenen Handlungssträngen und den Roman deswegen nicht zu Ende bringt. Beim Prozess könnte ihm sogar Max Brod den Typ gegeben haben: ‚Schreib erst einmal das aufs Blatt, was du im Kopf hast und fülle dann den Zwischenraum auf.‘ Und das ist beim Prozess ja leicht möglich, weil er eine Art Stationen-Roman ist. Das heißt, jedes Kapitel beinhaltet eine Begegnung, die der Angeklagte hat. Das hätten zehn oder fünfzehn Begegnungen sein können. Wir können aus dem Fragment gar nicht mehr rekonstruieren, welche Begegnungen er noch im Kopf gehabt hätte, wenn er weitergeschrieben hätte. Viele Leute lesen das Buch daher auch nicht als Fragment, sondern als vollendeten Roman.“

Berührungslose Machtausübung

Manuskript des Romans (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks)
Kafka wird überall auf der Welt gelesen – und das eigentlich mit derselben Begeisterung. Denn seine Texte sind vielschichtig. Gerade „Der Prozess“ wie auch „Das Schloss“ bieten viele Interpretationsmöglichkeiten. In manchen Augen hat der Schriftsteller in diesen beiden Romanen totalitäre Machtstrukturen des späteren Nationalsozialismus und Stalinismus vorweggenommen. Jindra Broukalová aus Prag hält diese Sichtweise für durchaus plausibel:

„Es gibt dort einige Züge, die für ein totalitäres Regime typisch sind: Das Gericht ist eine allumfassende und allgegenwärtige Institution, und der Angeklagte kann sich seinem Einfluss nicht entziehen. Ebenso ist typisch, dass die Grenzen zwischen privat und öffentlich aufgehoben sind. Schon die Verhaftung von Josef K. erfolgt auf eigenartige Weise, die aber zum Beispiel ähnlich ist der Festnahme von Oppositionellen in der Sowjetunion, die diese in ihren Erinnerungen beschrieben haben. Josef K. liegt im Bett, es ist morgens, und die Köchin der Pension, in der er wohnt, bringt ihm das Frühstück nicht. Er klingelt daher nach ihr, und es taucht ein fremder Mann auf. Als Josef K. sagt, er wolle sein Frühstück, sagt der Mann, dass dies nicht ginge. Josef K. erfährt dann, dass er verhaftet sei. Diese Aufhebung von privater und öffentlicher Sphäre zieht sich durch den ganzen Roman.“

Comic-Bearbeitung des Romans „Der Prozess“ (Quelle: Der Prozess, Chantal Montellier und David Mairowitz, BB art 2009)
Laut Reiner Stach kam diese Art der Sichtweise besonders in den 1950er Jahren auf, nach dem Erlebnis der Diktaturen besonders in Deutschland und der Sowjetunion. Doch Kafka als politischen Autor mit prophetischen Fähigkeiten zu sehen, hält der Germanist für viel zu kurz gegriffen:

„Wenn man den Roman genauer liest, fällt einem als Erstes auf, dass das Gericht zwar ein furchtbarer Gegner ist, aber den Angeklagten die ganze Zeit nicht antastet. Zum Beispiel ist von der Verhaftung die Rede, aber es findet gar keine reale Verhaftung statt. Josef K. kann weiter zur Arbeit gehen und in seiner Wohnung bleiben. Das ist für totalitäre Regime sehr untypisch.“

Auch gebe es keine Folter, betont Reiner Stach…

„Das Schreckliche ist der totale Verlust der Intimität. Das heißt, der Angeklagte Josef K. gerät vom ersten Tag an in eine Totalüberwachung. Alle wissen über ihn Bescheid. Zum Beispiel die Nachbarn. Oder er unterhält sich mit einem Kunden seiner Bank, mit dem er noch nie privat zu tun hatte – und es stellt sich heraus, dass der Mann bereits weiß, dass Josef. K. einen Prozess am Hals hat. Er wird beobachtet, überwacht, und das erzeugt einen schrecklichen Druck sowie eine Atmosphäre der Eiseskälte. Das ist sehr aktuell – eine berührungslose Machtausübung durch Beobachtung der Menschen. Dies kann man heute wiedererkennen.“

Die erwähnte Szene mit dem Bankkunden klingt im Original so:

„Ehe K. Zeit hatte zu antworten, trat der Fabrikant nahe an ihn heran, klopfte mit dem Fingerknöchel leicht an seine Brust und sagte leise: ‚Sie haben einen Prozeß, nicht wahr?‘ K. trat zurück und rief sofort: ‚Das hat Ihnen der Direktor-Stellvertreter gesagt!‘ ‚Ach nein‘, sagte der Fabrikant, ‚woher sollte denn der Direktor-Stellvertreter es wissen‘.“

Quelle: Verlag Anaconda
Im Prozess will der Angeklagte das Geheimnis aufdecken, was dieser Gerichtshof und seine Rechtsauslegung eigentlich sind. Doch er scheitert – laut Reiner Stach an einer Entwicklung, die in der heutigen Gesellschaft noch stärker ausgeprägt ist als zu Kafkas Zeiten:

„Es ist nicht etwa so, dass Josef K. nichts erfährt. Im Gegenteil: Von jeder Person, auf die er trifft, erfährt er irgendetwas. Aber alle Informationen sind nur aus zweiter Hand, niemand weiß etwas aus erster Hand. Das heißt, Josef K. wird mit Informationen überhäuft, aber seine Laune wird immer schlechter, weil er merkt, dass er damit letztlich nichts anfangen kann. Das ist auch für unsere jetzige Gegenwart typisch. Wir werden ja auch mit Informationen geflutet, wissen aber häufig nicht, wie verlässlich sie sind. Sie sind widersprüchlich, vieles ist ganz offensichtlich aus zweiter Hand. Am Ende fühlt man sich nicht aufgeklärt, sondern desorientierter als vorher. Das ist typisch für die Moderne, man kannte das bis zum 19. Jahrhundert in der Form nicht. Und ich glaube, da hat Kafka eine ganz wichtige Sache entdeckt und als Erster auch so formuliert.“

Tschechische Literatur?

Quelle: WordArt.com
Im Rahmen unserer Serie wird „Der Prozess“ als tschechisches Buch vorgestellt. Die Idee dahinter ist, dass als tschechische Literatur all das gelten soll, was auf dem Gebiet des heutigen Landes entstanden ist – egal in welcher Sprache. Für jeden, der Deutschunterricht an der Schule hatte, klingt das widersinnig, Auch Reiner Stach findet das nicht gerade glücklich:

„Man sollte bei dem handfesten Kriterium bleiben und die Sprache als Grundlage nehmen. Dann gehört er einfach zur deutschen Literatur. Er hat natürlich die tschechische Literatur sehr intensiv zur Kenntnis genommen. Aber ich glaube, die deutschen Klassiker waren für ihn doch die Fixsterne. Kleist, Goethe und einige andere hat er genau verfolgt, und er kannte einige dieser Sachen schon vom Unterricht im Gymnasium in- und auswendig. Mit der tschechischen Sprache und Literatur hat er sich eigentlich nur privat beschäftigt, das war nicht Pflicht in der Schule. Er kannte sich damit aus, aber ich kann nicht erkennen, dass er sich damit dann auch später intensiv beschäftigt hätte. Ich würde also schon sagen, dass man ihn zur deutschen respektive deutschsprachigen Literatur zählen sollte.“

Autor: Till Janzer
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