Freimaurer in den Böhmischen Ländern und der Ersten Tschechoslowakischen Republik

Alphons Mucha, „Das letzte Werk“

Weiterhin umgibt sie etwas Geheimnisvolles: Die Rede ist von Freimaurern und ihren Logen. Auch in Tschechien sind sie seit der politischen Wende von 1989 wieder aktiv. Doch die ersten Zusammenschlüsse dieser Art gab es in den Böhmischen Ländern bereits im 18. Jahrhundert. Ihren größten Boom erlebten die Freimaurer-Logen hierzulande aber in der Ersten Tschechoslowakischen Republik.

František Křižík | Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks

Es sind Namen hochrangiger Künstler und einflussreicher Politiker, die sich unter den Mitgliedern der Freimaurerlogen in der Tschechoslowakei zwischen den Weltkriegen finden lassen: Jugendstilmaler Alfons Mucha gehörte genauso dazu wie Staatspräsident Edvard Beneš oder auch der Erfinder František Křižík.

Jana Čechurová ist Historikerin an der Prager Karlsuniversität und beschäftigt sich mit moderner und zeitgenössischer tschechischer Geschichte. Auf Deutsch liegt von ihr die Abhandlung „Tschechische Freimaurer im 20. Jahrhundert“ vor. In den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks sagte sie:

Edvard Beneš | Foto:  Library of Congress,  public domain

„Die Freimaurer sind vor allem ein Zusammenschluss von Männern, der im 18. Jahrhundert entstanden ist als Ausdruck des aufklärerischen Glaubens an Fortschritt und Toleranz. Heutzutage gibt es auch entsprechende Zusammenschlüsse von Frauen oder gemischte Formen. Die Freimaurer engagieren sich zudem wohltätig und bildungsfördernd. Ihre Vorstellung ist: Wenn man an sich selbst arbeitet, trägt man auch zum Gemeinwohl bei.“

Wann die Freimaurerei wirklich entstanden ist, liegt bis heute allerdings im Dunkeln. Laut mancher Theorien wurzelt sie sogar im alten Ägypten. Doch einer der heutigen Freimaurer aus Tschechien verweist auf das einzig belegbare Datum für die heutige Form dieser Bruderschaft:

Jana Čechurová | Foto: Stanislav Vánek,  Tschechischer Rundfunk

„Als offizieller Moment der Entstehung gilt das Jahr 1717, als sich in London vier Freimaurerlogen trafen und eine Großloge gründeten. Daraus wird deutlich, dass es schon vorher solche Zusammenschlüsse gegeben haben muss. Aber dies war der erste historisch dokumentierte Augenblick, in dem eine Loge entstand.“

Wie bei den Freimaurern üblich sollen die Namen von lebenden Mitgliedern nicht veröffentlicht werden. Das gilt auch für diesen Freimaurer, der dem Tschechischen Rundfunk einige Antworten gegeben hat und den wir hier zitiert haben.

Recht schnell habe die Bewegung ebenso in den Böhmischen Ländern ihre Anhänger gefunden, sagt Čechurová.

Franz Anton Reichsgraf von Sporck | Foto: public domain

„Eine Legende besagt, Franz Anton Reichsgraf von Sporck habe bereits 1726 die Freimaurerei hier etabliert. Doch die Wahrheit war anders, und das Datum liegt später. 1741 brachten Generäle der französischen Armee diese Modeneuheit nach Böhmen, und in Prag wurde nachweislich die erste Loge gegründet. Noch war es aber keine große Bewegung, obwohl einige weitere Gemeinschaften entstanden. Danach wurde es für die nächsten 50 Jahre still, die Freimaurer wurden auch verfolgt. Erst in den 1790er Jahren kam es zu einer ersten Blütezeit der Logen in den Böhmischen Ländern“, so die Historkerin.

Denn 1785 erließ Kaiser Joseph II. ein Freimaurerpatent, mit dem eben jene staatlich anerkannt wurden. Die Logen wurden aber überwacht und ihre Zahl eingeschränkt. Im Zuge der Napoleonischen Kriege verboten die Habsburger dann die Freimaurerei wieder und verfolgten ihre Anhänger.

Kaiser Joseph II.  (1741-1790) mit der Statue des Mars. 1775 dat.,  Künstler: Anton von Maron. | Foto: Kunsthistorisches Museum Wien

Organisiert sind die Freimaurer bis heute in sogenannten Logen. Doch was versteht man darunter? Eine Frage an den Eingeweihten...

„Eine Loge ist eine kleinere oder größere Gruppe an Freimauern, die sich regelmäßig trifft. Über diesen Logen steht normalerweise eine Großloge oder Obedienz, je nachdem, welcher Begriff benutzt wird. Sie ist meist geographisch definiert. Im Fall von kleinen Staaten wie der Tschechischen Republik gibt es eine einzige Großloge, die das Patronat über alle Logen hat“, so das Mitglied der Loge Porta Bohemica mit Sitz in Ústí nad Labem.

1867 entstand die k. u. k. Monarchie. Während die Freimaurerei im ungarischen Teil erlaubt gewesen sei, habe man sie im österreichischen Teil – inklusive der Böhmischen Länder – nicht gern gesehen, so Jana Čechurová:

„Kaiser Franz Joseph erließ ein Dekret, das zwar nicht direkt die Freimaurerei verbot, aber die Zugehörigkeit zu einem Geheimbund und die Beschäftigung im Staatsdienst unvereinbar machte. Und die Freimaurerlogen wurden als Geheimbünde aufgefasst. Die meisten Freimaurer entschieden sich dann, lieber weiter im Staatsdienst beschäftigt zu sein, und die Aktivitäten der Logen schliefen ein.“

Manche Freimaurer blieben aber weiter aktiv und schlossen sich zu sogenannten Bruderkreisen zusammen. 1907 bestanden in Böhmen elf solcher Zusammenschlüsse mit rund 350 Mitgliedern. Sie waren fast alle deutschsprachig, nur wenige hatten Tschechisch als Muttersprache. 1910 entstand dann die deutschböhmische Grenzloge „Hiram zu den drei Sternen“, die von der Symbolischen Großloge von Ungarn installiert wurde.

Deutsche und tschechische Logen

Erst bei der Bildung des eigenständigen Staates kam es zu einer weiteren Blütezeit der Freimaurerei. Die Jahre 1918 bis 1938 wurden sogar zum goldenen Zeitalter dieser Vereinigungen in der Tschechoslowakei. Denn erst in der Ersten Republik gab es keinerlei Beschränkungen mehr für sie.

Alfons Mucha in Paris  (1901) | Foto: Museum Mucha

Das Besondere an der Freimaurerei in der Tschechoslowakei war die deutsch-tschechische Zweiteilung. Am 26. Oktober 1918, also zwei Tage vor der Staatgründung, trafen sich elf tschechische Freimaurerbrüder aus der Loge „Hiram zu den drei Sternen“ und drei weitere Mitglieder französischer Logen, unter ihnen der Maler Alfons Mucha – und so entstand die erste tschechische Loge der ČSR mit dem Namen „Jan Amos Komenský“. Und weiter die Expertin:

„Die größte Vereinigung wurde aber die Loge ‚Národ‘, die an die konspirative Tätigkeit der Widerstandsgruppe ‚Mafie‘ während des Ersten Weltkriegs anknüpfte. Diese Gruppe war vom Politiker Přemysl Šámal und dem Journalisten František Sís geführt worden. Sie waren zunächst keine Freimaurer, wurden aber dann als solche im eigenen Selbstverständnis zu den Hütern der neuen tschechoslowakischen Staatlichkeit, der demokratischen Grundordnung und weiterer Werte.“

Zudem entstanden in der Ersten Republik auch die übergeordneten Instanzen, das waren die Nationale Großloge der Tschechoslowakei (Národní Veliká Lóže Československá) und ein Höchster Rat.

Bis 1938 nahmen 25 Logen ihre Tätigkeit auf, die in die Großloge der Tschechoslowakei eingegliedert waren. Die Vereinigungen hätten vor allem die Elite der Gesellschaft repräsentiert und seien in den Böhmischen Ländern häufig aus akademischen Kreisen hervorgegangen, schildert Čechurová.

Zeichen des Obersten Rates von Schottland Charta für die Tschechoslowakei,  von Alfons Mucha | Foto: public domain

„Die Brünner Loge ‚Cestou světla‘ entstand dezidiert aus der Gründung der Masaryk-Universität heraus. Unter den Freimaurern fanden sich aber auch einige Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Zu ersteren gehörten zum Beispiel Finanzminister Alois Rašín oder der Abgeordnete Theodor Bartošek. Fast das gesamte politische Spektrum war repräsentiert, mit Ausnahme der Katholiken. Das heißt, es waren unter ihnen genauso Sozialisten wie Volksozialisten und Agrarier. Die wirklich größten Namen kamen aber aus Künstlerkreisen, und diese hatten auch schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den Freimaurern gehört. Zu nennen sind etwa der Dichter Jaroslav Kvapil, der auch als Dramaturg am Nationaltheater arbeitete und das Libretto zur Oper ‚Rusalka‘ schrieb. Und der am höchsten postierte Freimaurer in der Zwischenkriegszeit war der Maler Alfons Mucha“, sagt die Historikerin.

Bei den Politikern muss man aber dazusagen, dass etwa Kommunisten nicht aufgenommen wurden – mit Ausnahme von Theodor Bartošek, der erst später der KPTsch beitrat. Denn ein Grundsatz der Freimaurer lautet bis heute, dass man sich für die Legalität und gegen die Illegalität einsetze. Und die Kommunisten galten als dem Staat eher feindlich gesinnt. Ein weiterer Grundsatz ist, dass bei den Treffen der Logen keine politischen Gespräche geführt werden.

Alois Rašín | Foto: e-Sbírky,  Národní muzeum - Historické muzeum,  CC BY-NC-ND 4.0 DEED

In der Tschechoslowakei kam das Ende der freimaurerischen Tätigkeit überraschend früh – nämlich nur wenige Tage nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938, in dem die Sudetengebiete an Deutschland abgetreten wurden. Sowohl Großbritannien als auch Frankreich ermöglichten Hitler damals die Einverleibung der deutschsprachigen Grenzregionen der ČSR. Jana Čechurová:

„Innerhalb von zehn Tagen nach dem Münchner Abkommen beendeten die Freimaurer ihre Tätigkeit in der Tschechoslowakei. Ich weiß nicht, warum sie einen solch radikalen Schnitt vollzogen. Am 10. Oktober jedenfalls lösten sie ihr Vermögen auf. Sie bewahrten zwar einige Dokumente auf, nur waren sie nicht mehr aktiv. Möglicherweise waren sie zu der Einschätzung gekommen, dass in anderen mitteleuropäischen Ländern durch die dortigen autoritären Regime die Freimaurerei zu sehr unter Druck geraten war. Auf der anderen Seite war die politische Ordnung der Zweiten Tschechoslowakischen Republik noch gar nicht etabliert, sodass sie im eigenen Land noch keine entsprechenden Erfahrungen gemacht haben konnten. Im zeitlich folgenden ‚Protektorat Böhmen und Mähren‘ trafen sich keine Freimaurerlogen, sie wurden aufgelöst.“

Jaroslav Kvapil | Quelle:  public domain

Gerade auf tschechischer Seite schlossen sich nach der Besetzung der restlichen Tschechoslowakei durch Hitler im März 1939 zahlreiche Freimaurer dem Widerstand an. Viele von ihnen wurden von den deutschen Behörden aufgespürt und ermordet. So wie auch die tschechoslowakische Staatlichkeit nur noch im Londoner Exil weitergeführt werden konnte, traf dies ebenfalls auf die Freimaurertätigkeit zu.

Kommunistische Unterwanderung

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch im Jahr 1945 die ersten Versuche, wieder eine Freimaurertätigkeit in der Tschechoslowakei zu etablieren. Doch zunächst hätten sich die Bünde noch zurückhaltend gegeben, sagt die Historikerin:

„Ein großes Problem stellte die Ernennung eines Kommunisten zum Innenminister dar. Und Ressortchef Václav Nosek war nicht sonderlich aufgeschlossen gegenüber den Freimaurern. Er erließ viele Auflagen, die die Logen aber nicht erfüllen konnten, wenn sie sich an ihre eigenen internen Regeln hielten. Dazu gehörte zum Beispiel die Aufnahme von neuen Mitgliedern, ohne dass die bestehenden darüber abstimmen. Letztlich kam es erst im Herbst 1947 zur Wiederaufnahme der Tätigkeit, und das auch nur im tschechischen Landesteil, im slowakischen jedoch nicht.“

Ladislav Machoň  (1951) | Foto: ČTK

Diese späte Reaktivierung hält Jana Čechurová für einen möglichen Grund dafür, dass auch nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 die Freimaurerlogen zunächst weiterbestanden.

„Sie glaubten sogar, dass eine gewisse Koexistenz mit dem kommunistischen Regime möglich wäre. Und zwar deswegen, weil auch Kommunisten den Logen beigetreten waren und zu ihrer Erneuerung beigetragen hatten. Zum Beispiel gehörte der bedeutende Architekt Ladislav Machoň zu ihnen. In diesem Sinn war die Beziehung zu den Kommunisten zweiseitig“, so die Expertin.

Tatsächlich waren die Freimaurer in der Tschechoslowakei gespaltener Meinung, ob sie auch unter der neuen Führung des Staates weitermachen sollten. Ein Teil tendierte zu einem demonstrativen Ende der Tätigkeit, der andere zu ihrem Erhalt.

Foto: e-Sbírky,  Národní muzeum,  CC BY 4.0 DEED

Laut Čechurová ist indes unklar, ob das Regime zunächst deswegen kein Verbot aussprach, weil zahlreiche Freimaurer gute Kontakte ins Ausland hatten und man den Eindruck eines weiterhin demokratischen Staates im Ausland aufrechterhalten wollte. Weiter sagt die Historikerin:

„Zugleich bemühten sich die Kommunisten, entweder eigene Leute in die Logen zu infiltrieren, die regelmäßig über die Tätigkeit dort berichteten, oder bestehende Mitglieder als Mitarbeiter der Staatssicherheit StB anzuwerben. Letztlich blieben die Logen bis 1951 aktiv. Erst dann entschieden die Freimaurer, dass der Druck auf sie und die Bedingungen für ihre Verbandstätigkeit nicht mehr akzeptabel seien, weil bei allen Sitzungen etwa ein Vertreter der Polizei zugegen war. Sie stellten also ihre Tätigkeit ein und lösten die Logen wieder auf.“

Jenseits der offiziellen Strukturen trafen sich die Freimaurer aber weiter regelmäßig. Die Logen und Großlogen konnten jedoch erst nach der Samtenen Revolution von 1989 wieder erneuert werden.

Autoren: Till Janzer , Jiří Zeman
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