Funktionalistisches Architekturjuwel: Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy

Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy

Die mittelböhmische Kleinstadt Kostelec nad Černými lesy kann sich mit einer besonderen Perle der tschechischen Architektur rühmen: der funktionalistischen Budil-Villa. Nachdem das Anwesen lange Zeit ein trostloses Dasein fristete, hat sich vor einigen Jahren ein Käufer gefunden. Er will das Gebäude mit viel Liebe zum Detail wieder in den Originalzustand versetzen und die baufällige Villa für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Dass er einmal eine funktionalistische Villa aus den 1930er Jahren kaufen würde, die einst vom Stararchitekten Jaroslav Fragner entworfen wurde – das hatte Jan Novák eigentlich nie geplant. Doch dann kam eines zum anderen…

„Das war alles ein riesiger Zufall. Ich war Stadtverordneter hier in Kostelec. Weil ich bereits die historische Vondráček-Fabrik besitze, in der wir Kulturveranstaltungen organisieren, habe ich mich für das kulturelle Leben in der Stadt interessiert – und natürlich auch für die Baudenkmäler. Denn ich weiß, dass es etwa Fördergelder gibt, um Statuen und andere Dinge reparieren zu lassen. Also habe ich eines Tages hier bei der Budil-Villa vorbeigeschaut.“

Jan Novák | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Novák, der hauptberuflich Manager in einem mittelständischen Industriebetrieb ist, klingelte. Die imposante Villa stand bereits leer, direkt in der Nähe gibt es aber ein bewohntes Haus. Novák fragte die Eigentümerin der beiden Immobilien, wie es um die imposante Villa bestellt sei. Ob sie Hilfe von der Stadt brauche und eine Renovierung geplant sei.

„Sie schickte mich quasi wieder weg, weil sie sich nicht mit dem Haus beschäftigen wollte. Sie meinte, ihre Kinder würden es einmal übernehmen und wollten es als Wochenendhaus ausbauen. Ich bin also wieder losgezogen. Obwohl ich das normalerweise nicht mache, habe ich vorher aber meine Visitenkarte dagelassen. Ich habe der Frau gesagt, dass ich alles über Kostelec sammele und mich über Zuwachs freue, etwa über alte Fotos und dergleichen. Damit war die Sache Geschichte. Das war 2018 oder 2019.“

Gemälde von Andrzej Cieślar | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Mitten in der Corona-Pandemie bekam Novák dann einen Anruf, als er gerade Rasen mähte. Es war die Tochter der Inhaberin.

„Sie meinte, dass sie wegen der Lockdowns nicht mehr nach Kostelec kommen könnten und auch keine Zeit hätten, das Haus zu sanieren. Deshalb solle es verkauft werden. Und da sei sie auf meine Visitenkarten gestoßen. Ich sagte, dass man einen Käufer finden müsste, der gewillt sei, die Villa zu sanieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Also sind wir ins Gespräch gekommen, bis die Frau meinte: ‚Wollen Sie das Haus nicht kaufen?‘ Und ich, wie ich da so hinter dem Rasenmäher stand, meinte, dass ich mir das gerade nicht vorstellen könne, aber ich könnte ja einmal vorbeischauen, damit ich wisse, worum es eigentlich geht.“

Gesagt getan warf Novák einen Blick in die alten Gemäuer. Und das Haus ließ ihn nicht mehr los. Er rief einen guten Freund an, der wiederum mit einem befreundeten Immobiliengutachter Kontakt aufnahm.

Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy  | Foto: Genius Loci

„Als mich mein Freund zurückrief, meinte er, dass ich wohl unter einem glücklichen Stern geboren sei. Ich solle das Haus auf der Stelle kaufen, angesichts des namhaften Architekten wäre der Zustand ganz egal. Mein Kumpel meinte außerdem, dass der Gutachter die Villa sehr gut kenne, da er sie in der Vergangenheit bereits selbst mehrfach kaufen wollte. Und da dachte ich mir: ‚Na toll. Jetzt weiß er, dass dieses Haus zum Verkauf steht, und er weiß auch, für wie viel.‘ Ich habe also sofort aufgelegt, die Besitzerin angerufen und meinte: ‚Wenn Sie noch ein wenig mit dem Preis runtergehen, kaufe ich das Haus sofort.‘“

Obwohl die Besitzer zunächst zögerten, da sich noch ein weiterer finanzkräftiger Interessent fand, bekam Novák am Ende den Zuschlag. Denn den Besitzern gefiel dessen Vorhaben, das Haus zu sanieren und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Auf der Kapitänsbrücke

Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy ist nach dem Bauherren benannt, dem Unternehmer Václav Budil. Dieser ließ sich vom Architekten Jaroslav Fragner bereits 1928 ein Wohnhaus im mittelböhmischen Kolín erbauen. 1930 gestaltete Fragner in der Stadt zudem ein Kraftwerk für Budils Unternehmen Esso.

Ausblick von der Kapitänsbrücke | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

„Die beiden kannten sich durch die Zusammenarbeit an dem Kraftwerk in Kolín und freundeten sich anschließend an. Ebenso standen sich die Familien nahe. Das ist auch aus der Korrespondenz zu lesen, etwa aus der gegenseitigen Urlaubspost.“

Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Folgerichtig wählte Budil Fragner auch als Architekten für seine Sommerresidenz in Kostelec nad Černými lesy. 1932 wurde der dreistöckige Bau dort fertiggestellt. Wie bei Fragners weiteren Bauten aus der Zeit ist deutlich der Einfluss des Funktionalismus und des französischen Architekten Le Corbusier zu erkennen. Es gibt ein Flachdach, eine Eisenbetonkonstruktion und lange Fensterreihen. Vor allem aber sticht die – wie Novák sie nennt – Kapitänsbrücke ins Auge, eine Aussichtsplattform, die weit aus dem Haus herausragt und die über einen schmalen Gang zu erreichen ist.

„Die Kapitänsbrücke ist im Grunde genommen überflüssig. Durch sie müssen die Kosten für das gesamte Haus in die Höhe geschnellt sein. Aber sie ist das Erkennungsmerkmal der Villa. Und man kann von ihr aus bis ins Riesengebirge schauen.“

Von der Plattform aus versteht man auch, woher die Stadt Kostelec nad Černými lesy ihren Namen hat. Wortwörtlich lässt sich dieser nämlich als Kostelec über den schwarzen Wäldern übersetzen. Und tatsächlich sieht man ringsum die Stadt weit und breit nur die Wipfel von Bäumen.

Die späteren Bewohner: ein Autorennfahrer und ein Arzt

Fensterreparatur | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Beim Rundgang durch das leerstehende, baufällige Haus fällt auf, dass die Villa keinesfalls überdimensioniert ist. Jan Novák erklärt dies damit, dass die Residenz lediglich als Wochenendhaus geplant worden sei. Allerdings wurde das Gebäude dennoch ganzjährig bewohnt, selbst wenn Václav Budil gerade nicht in der Stadt war.

„Die Schwester von Herrn Budil und sein Vater wohnten hier. Der Vater arbeitete in der Brauerei von Kostelec als Braumeister.“

Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Václav Budil lebte bis 1973 in der Villa. Anschließend verkaufte er die Immobilie an den Autorennfahrer Jaroslav Hausmann und dessen Ehefrau. Nach dem Tod ihres Gatten lebte Hausmanns Frau mit ihrem neuen Ehemann in der Villa. Dieser war ein gewisser Herr Beneš, der, wie Novák zu berichten weiß, als Mediziner unter anderem die erste Vierlingsgeburt in der Tschechoslowakei begleitet hatte. Allerdings verstarb Beneš genauso wie Hausmann bereits nach drei Jahren in der Villa.

Originalgetreue Sanierung

Die Budil-Villa in Kostelec nad Černými lesy | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Jan Novák hat mit der Budil-Villa ein Stück tschechische Architekturgeschichte erworben. Er hat sich aber auch eine Menge Arbeit aufgehalst. Denn das Gebäude ist baufällig und muss aufwendig saniert werden. Seit 2013 ist die Villa dabei als Kulturdenkmal geschützt, weshalb strenge Vorgaben seitens der zuständigen Behörden bei der Restaurierung eingehalten werden müssen. Doch Novák sieht das keinesfalls als Problem.

„Nachdem ich das Haus gekauft hatte, bin ich zum Denkmalschutzamt gefahren und habe gesagt: ‚Ich weiß, dass euch keiner leiden kann, weil ihr euch in alles einmischt. Aber lasst uns den Spieß einmal umdrehen. Sagt mir doch einfach alles, was ihr über diese Villa wisst und wie ich sie restaurieren soll.‘ Dann war erst einmal Ruhe. Aber schließlich sind wir miteinander ins Gespräch gekommen. Ich will das Haus wirklich ohne Kompromisse restaurieren. Das wird natürlich länger dauern, und es wird mehr kosten. Aber dadurch kann man der breiten Öffentlichkeit und auch den Experten zeigen, wie damals gebaut wurde.“

Wohnbereich | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Um die Villa wieder in den Originalzustand der 1930er Jahre versetzen zu können, recherchiert Novák auch in Archiven – etwa im Nachlass von Jaroslav Fragner. So konnte er bereits die Original-Baupläne finden. Ein großer Vorteil bei der Restaurierung ist zudem, dass die Vorbesitzer nur vergleichsweise behutsame Eingriffe in die Bausubstanz und teilweise auch in die Inneneinrichtung vorgenommen haben.

„Ich bin unendlich froh, dass sich die Eigentümer, die auf die Familie Budil folgten, scheinbar bewusst waren, welcher bedeutende Architekt dieses Haus entworfen hat. Sie haben im ganzen Haus etliche Originalelemente belassen, etwa die Leuchten, die Rollläden, die Treppe, die Türen mit den Klinken und die Heizung. Das ist für mich wichtig, weil ich den Genius Loci beibehalten will.“

Drahtglas | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Deshalb legt Novák auch Wert auf kleinste Details. So hat er sich etwa entschieden, dass originale Drahtglas an den Terrassentüren weiterzuverwenden. Nach der Restaurierung würden dann zwar Risse in den Scheiben zu sehen sein, doch das mache ihm nichts aus, so der Eigentümer.

„Dieses Haus ist über 90 Jahre alt. Wenn ich durch die Fenster schaue, wird mir ein wenig schwindelig. Und genau das ist authentisch. Natürlich kann ich hier auch neue Fenster einbauen lassen. Aber das wäre einfach nicht das Wahre.“

Die Eröffnung ist für 2032 geplant

Die aufwendige Sanierung soll den ersten Schätzungen zufolge mit mindestens 32 Millionen Kronen (1,3 Millionen Euro) zu Buch schlagen. Diese Summe finanziert Novák unter anderem aus staatlichen Fördermitteln, aber auch aus privaten Spendengeldern sowie etwa den Einnahmen aus der Vermietung der Villa als Filmkulisse. Wenn das Haus dann einmal wieder in den Originalzustand versetzt sein wird, will Novák es für Besucher öffnen. Es soll nicht nur Führungen geben, sondern auch die Möglichkeit, in der Residenz zu nächtigen. Angedacht ist zudem die Nutzung als kleines Museum. So könnte etwa eine Ausstellung entstehen, die Jaroslav Fragner nicht nur als Architekt, sondern auch als Designer präsentiert. Zudem könnte sich Novák einen Oldtimer gut an dem Anwesen vorstellen, um den Eindruck einer Zeitreise in die 1930er Jahre perfekt zu machen.

Die Fertigstellung der Sanierung plant Jan Novák für 2032 – wenn die Budil-Villa ihr 100. Jubiläum feiert. Ist dieses Datum realistisch?

„Es wäre natürlich toll, wenn das klappt, aber das Ziel ist auch recht ambitioniert. Ich habe es im Jahr 2020 ausgesprochen, als ich das Haus gekauft habe. Da habe ich mir gesagt, dass ich das in zwölf Jahren locker schaffen werde. Aber nun sind wir eigentlich schon in der Hälfte der Zeit, und ich werde gerade einmal in einem Stockwerk reparierte Fenster haben. Ich bin also ein wenig skeptisch, aber ich gebe alles dafür, um dieses Ziel zu erreichen.“

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