Fußball-EM: Tschechien spielt solide und trifft nun auf die Niederlande

Tschechische Fußballnationalmannschaft

Bei der Fußball-Europameisterschaft wurde die Vorrunde am Mittwoch abgeschlossen. Am Samstag beginnt mit dem Achtelfinale die K.o.-Phase des Turniers, in der noch 16 Mannschaften mit von der Partie sind. Zu ihnen gehört auch die tschechische Nationalmannschaft, die am Samstag in Budapest gegen die Niederlande antritt.

Tschechien - England | Foto: Justin Tallis,  ČTK / AP Photo

Die tschechische Mannschaft hat am Dienstag die EM-Vorrunde mit einer Niederlage abgeschlossen. Im Londoner Wembley-Stadion unterlag sie den gastgebenden Engländern mit 0:1 durch ein Kopfballtor von Raheem Sterling in der zwölften Spielminute. Zuvor hatten die Tschechen gegen die Schotten 2:0 gewonnen und sich 1:1 von den Kroaten getrennt, beide Begegnungen fanden in Glasgow statt. Damit hat Tschechien hinter England und Kroatien den dritten Platz in der Gruppe D belegt. Nach dem Abpfiff des Londoner Spiels zog Cheftrainer Jaroslav Šilhavý dieses Fazit:

„Ich denke, das ist für uns ein Erfolg. Wir haben uns das Weiterkommen bereits nach den ersten zwei Partien gesichert, in denen wir vier Punkte erkämpft haben. Zum Abschluss haben wir gegen England um den Gruppensieg gespielt, was eine schöne Erfahrung war. Wir haben ein Torverhältnis von 3:2 und so in meinen Augen das Maximale mit unseren Möglichkeiten erreicht.“

Jaroslav Šilhavý | Foto: Petr David Josek,  ČTK / AP Photo

Šilhavý hob das positive Torverhältnis nicht umsonst hervor, denn es war ein Baustein für den Einzug ins Achtelfinale. Da die Kroaten die Schotten in ihrem letzten Gruppenspiel mit 3:1 bezwangen, rutschten die punktgleichen Tschechen nämlich noch von Platz eins auf Rang drei ab. Gemäß dem EM-Modus gelangen aber nur die vier besten der sechs Gruppendritten in die nächste Runde. Einer dieser Plätze war den Tschechen schon seit Montag sicher, weil die Dritten in den Gruppen B und C nur jeweils drei Pluspunkte sammelten. Das Torverhältnis aber war ein zusätzliches Polster gegenüber der übrigen Konkurrenz.

Stürmer mit Tor-Garantie: Schick trifft gegen Schottland und Kroatien

Patrik Schick | Foto: Matt Dunham,  ČTK / AP Photo

Alle drei von Tschechien erzielten Treffer haben allerdings nur einen Schützen: Patrick Schick. Der Stürmer von Bayer 04 Leverkusen erzielte zwei tolle Tore im Auftaktmatch gegen Schottland – von seiner gekonnten Bogenlampe aus fast 50 Meter Entfernung in das von Torwart Marshall zuvor verlassene Gehäuse schwärmt nach wie vor die Fußballwelt, und er traf auch in der Begegnung mit Kroatien. Dazu verwandelte er einen Foulelfmeter, der an ihm verschuldet wurde. Eine alte Fußballer-Weisheit besagt zwar, dass der gefoulte Spieler niemals den Strafstoß selbst ausführen sollte, doch Schick ließ sich davon nicht beirren:

„Ich halte nichts von solchen Sprüchen. In erster Linie geht es doch immer um die Qualität des Spielers, der zum Elfer antritt. Ich war mir meiner Sache sicher und habe den Ball platziert geschossen.“

Patrik Schick  (Nr. 10) und Dejan Lovren  (Nr. 6) | Foto: Petr David Josek,  ČTK / AP Photo

Den Strafstoß bekam Tschechien allerdings erst nach Videobeweis zugesprochen. Daraus wurde ersichtlich, dass Kroatiens Verteidiger Dejan Lovren Gegenspieler Schick im Luftkampf voll mit dem Ellenbogen im Gesicht getroffen hatte. Schicks Nase blutete und es drohte, dass der Angreifer am Spielfeldrand behandelt werden musste. Der 25-Jährige war jedoch fest entschlossen, den Elfmeter selbst zu vollstrecken. Im Nachgang schildert er, wie er die Minuten zwischen Lovrens Foul und der Strafstoßausführung erlebt hat:

„Bei mir mussten mehrfach der Wattebausch gewechselt werden, denn die Nase blutete ziemlich stark. Im ersten Moment sah es danach aus, dass sich die Blutung nicht stoppen lasse, mir war aber nicht unwohl und ich war bei vollem Bewusstsein. Der Schiedsrichter fragte mich aber, wie ich mich fühle und ob ich nicht doch lieber außerhalb des Spielfeldes behandelt werden wolle. Doch es genügte, meine Nase vom Blut zu säubern, mein Trikot zu wechseln, und dann bin ich zum Elfmeterpunkt gegangen.“

Gary Lineker | Foto: Liton Ali,  Wikimedia Commons,  Flickr,  CC BY 2.0

Mit Erfolg. Gegenspieler Lovren war jedoch verärgert, dass sein Einsatz als Foulspiel gewertet und als Strafstoß gepfiffen wurde. Er sei einfach nur zum Ball gesprungen, und den hinter ihm postierten Schick habe er nicht gesehen, lauteten seine Argumente. Englands Fußball-Legende Gary Lineker stimmte ihm zu. Via Twitter verkündete er, dass dieser Elfmeter ein Witz gewesen sei. Patrik Schick hielt beiden Nörglern entgegen:

„Sich darüber zu beschweren, dass er mich nicht gesehen habe, darauf nimmt ein guter Schiedsrichter keine Rücksicht. Das ist schließlich in etwa so, als wenn man im Auto ein Einfahrtsverbot missachtet, um dann der Polizei zu erzählen, man hätte das Verkehrsschild nicht gesehen.“

Die tschechische Mannschaft konnte den Vorsprung allerdings nicht über die Zeit bringen. Die zweite Halbzeit war noch keine zwei Minuten alt, da überrumpelten die Kroaten die tschechische Abwehr mit einer schnellen Freistoßausführung, und Ivan Perišić schoss zum 1:1-Endstand ein. Mit diesem Ergebnis konnte Mittelfeldspieler Tomáš Holeš indes gut leben:

Tomáš Holeš  (rechts) | Foto: Andy Buchanan,  ČTK / AP Photo

„Das Unentschieden akzeptiere ich, denn es war ein ausgeglichenes Spiel. Bis zu unserer Führung in der ersten Halbzeit waren wir die bessere Mannschaft, danach haben die Kroaten zugelegt. Wir haben jedoch ein dummes Gegentor kassiert, weil wir etwas geschlafen haben. Das Remis aber ist okay.“

Schwache Offensive ist Hauptgrund für Niederlage gegen England

Und nicht nur das, im Gegenteil: Das 1:1 bedeutete, dass Tschechien mit vier Punkten schon mit einem Bein im Achtelfinale stand. Nach den ersten sechs Partien des dritten Gruppenspieltags war dann klar: Das Weiterkommen ist gesichert. Daher konnte Tschechien im abschließenden Match mit England frei aufspielen und sich mit einem weiteren Unentschieden sogar den Gruppensieg sichern. Doch alle, die so dachten und hofften, wurden enttäuscht. Die Mannen von Trainer Šilhavý unterlagen dem Favoriten im Londoner Wembley-Stadion mit 0:1 und boten dabei eine nur mäßige Partie. So sah es auch der ehemalige Bundesligaprofi und heutige Experte Horst Siegl, als er im Rundfunk befragt wurde:

Horst Siegl | Foto: David Sedlecký,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0

„Die Leistung der Mannschaft war nicht ganz ideal. Auf der anderen Seite muss man sehen, gegen welchen Gegner wir gespielt haben: Die Engländer haben einfach mehr Qualität.“

Dies bestritt nach der Begegnung auch niemand, dennoch hatten die tschechischen Fans einen beherzteren Auftritt ihrer Elf erwartet. Nach der Niederlage legte Siegl dann auch den Finger in die Wunde:

„Das Offensivspiel unseres Teams war ungenügend, im Angriffsdrittel haben wir herzlich wenig geboten. Mir hat gefehlt, dass unsere Spieler mutiger agieren, sich mehr freilaufen und insgesamt aktiver sind.“

Dies sahen die Aktiven ähnlich. Mittelfeldspieler Tomáš Souček weiß auch, dass solch eine Leistung im weiteren Turnierverlauf nicht ausreicht:

„Wir müssen uns vor allem im und um den Strafraum des Gegners verbessern. Dort müssen wir den Ball besser behaupten, um dann auch mehr Chancen kreieren zu können.“

Tomáš Souček  (links) | Foto: Justin Tallis,  ČTK / AP Photo

Souček spielt seit anderthalb Jahren für West Ham United in der Premier League. Neben ihm standen für die tschechische Mannschaft noch drei weitere England-Legionäre auf dem Platz. Patrick Schick aber, den die Gastgeber wegen seiner Torgefahr am meisten gefürchtet hatten, fand überhaupt keine Bindung zum Spiel. Weil das Offensivspiel so mau war, hing der Angreifer völlig in der Luft. Dazu Kapitän Vladimír Darida, der bisher auch noch nicht vollkommen überzeugen konnte:

„Es ist schwer, etwas zu erreichen, wenn nur ein Spieler vorangeht und Tore erzielt. Es liegt nun auch an uns, dass wir uns in bessere Schusspositionen bringen und im gegnerischen Strafraum gefährlicher sind. Nur so können wir im Abschluss produktiver sein.“

Im Achtelfinale wartet die Niederlande – Erinnerungen an EM 2004 werden wach

Foto: Neil Hall,  ČTK / AP Photo

Als Tschechien in London die Gruppenphase beendet hatte, stand noch nicht fest, auf welchen Gegner man im Achtelfinale trifft. Der Kreis der Anwärter ließ sich aber bereits auf zwei, drei Mannschaften eingrenzen. Daher äußerte Trainer Šilhavý am Dienstagabend auch einen Wunsch:

„Ich würde mir wünschen, dass wir in Budapest spielen. Dann könnten auch viele unserer Fans anreisen und uns anfeuern.“

Niederländische Fußballnationalmannschaft | Foto: John Thys,  ČTK / AP Photo

Und der Wunsch des Trainers wurde erhört. Nach den teilweise dramatischen Abschlussbegegnungen in den Gruppen E und F am Mittwoch steht fest: Die tschechische Mannschaft tritt am Sonntag ab 18 Uhr in Budapest gegen die Niederlande an. Das ist ein harter Brocken, zumal die Oranjes die Vorrunde ohne Punktverlust als Sieger der Gruppe C abgeschlossen haben. Doch aus der Vergangenheit weiß man, dass gerade die Duelle dieser beiden Teams oft für tollen Offensivfußball standen. Noch vielen Fans hierzulande in besonders guter Erinnerung ist dabei die Begegnung bei der Euro 2004, die Tschechien nach einem 0:2-Rückstand noch mit 3:2 gewann.

Die Euphorie war riesig, als Vladimír Šmicer vor 17 Jahren den 3:2-Siegtreffer erzielte. Die Mannschaft von Trainer Karel Brückner war allerdings auch top-besetzt, in ihr standen solche Stars wie Petr Čech, Pavel Nedvěd, Karel Poborský, Tomáš Rosický, Jan Koller und Milan Baroš. Bei der EM in Portugal drang sie damals bis ins Halbfinale vor.

Tomáš Vaclík | Foto: Justin Tallis,  ČTK / AP Photo

Dem Nationalteam des Jahrgangs 2021 wird eine solche Erfolgsserie nicht zugetraut. Doch neben Patrik Schick und Rechtsverteidiger Vladimír Coufal gehört Torwart Tomáš Vaclík derzeit zu den Besten. Und vor dem Match gegen die Niederlande gibt sich der 32-jährige Keeper des FC Sevilla kämpferisch:

„Vor der Europameisterschaft habe ich mehrfach von Leuten bei uns daheim gehört, dass sie uns bei diesem Turnier nichts zutrauen. Wir haben uns davon jedoch nicht beirren lassen. Im Moment kann ich aber noch nicht einschätzen, ob das Weiterkommen schon ein Erfolg ist oder nicht. Wir haben das nächste Spiel vor der Brust, danach wird man sehen.“

Autoren: Lothar Martin , Martin Charvát , František Kuna , Lukáš Michalík , Jan Suchan
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