Geraubtes jüdisches Eigentum aus der NS-Zeit - internationale Konferenz in Prag

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Experten und Regierungsvertreter aus 49 Ländern sind am Freitag in Prag zusammengekommen, um vor allem über die Rückgabe von geraubtem jüdischem Eigentum aus der Zeit des Holocaust und die Entschädigung von Opfern des Naziterrors zu beraten. Die Zusammenkunft in der tschechischen Hauptstadt knüpft an die Konferenz in Washington von 1998 an. Jiří Šitler war früher Verhandlungsleiter der Tschechischen Republik für die Frage der Entschädigung von NS-Opfern und nimmt an der Konferenz in Prag teil.

Jiří Šitler (Foto: ČTK)
Herr Šitler, Sie haben 1998 die tschechische Delegation in Washington geleitet. Wie viel wurde seitdem erreicht bei der Rückerstattung geraubten jüdischen Eigentums sowie der Betreuung und Entschädigung der Opfer des Naziterrors? Und was kann diese Konferenz hier in Prag erreichen?

„Von meinem Gesichtspunkt aus hat sich in den letzten zehn Jahren sehr viel verändert. Es ist nicht alles so, wie es sein sollte. Es müsste noch viel mehr getan werden. Aber trotzdem: Vor 1998 konnte man kaum von der Entschädigung der Zeugen des Holocaust und der NS-Opfer in Ost- und Mitteleuropa sprechen. Aber gerade in den letzten zehn Jahren wurden 1,6 Millionen Leute in Ost- und Mitteleuropa für Sklaverei und Zwangsarbeit entschädigt. Es wurde auch sehr viel getan im Bereich der beschlagnahmten Kunst jüdischer Eigentümer, obwohl das auf den ersten Blick vielleicht nicht so aussieht. Es gab hier in Tschechien zudem eine Regierungskommission, die sich mit dem Eigentum der Gemeinden und jüdischer Archive befasst hat und ich glaube, weltweit wurde auf diesem Feld viel getan. Die Konferenz hier in Prag soll nun Bilanz ziehen. Ich glaube, die Bilanz ist nicht schlecht, aber man muss auch die Probleme sehen. Die müssen identifiziert werden. Man muss einen Plan für die Zukunft zu entwickeln, was man noch zusätzlich und besser machen kann.“

Welche Verbesserungsmöglichkeiten gibt es denn Ihrer Meinung nach? Wo müsste am meisten nachgelegt werden? Hier in Prag wurde die Öffnung von Archiven und Beständen in Museen und Kulturinstitutionen angesprochen. Ist das einer der Punkte, die immer noch hinken?

„Dies ist eine der Möglichkeiten. Aber gerade im Bereich ´Soziales` muss auch – obwohl viel getan wurde – noch zugelegt werden. Es gibt zwar immer weniger Opfer unter uns, aber die Opfer werden älter und abhängiger. Solange die Opfer unter uns sind, können wir uns nicht nur auf Museen oder Bildung und Erziehung konzentrieren, sondern auf die noch lebenden Leute und ihnen helfen. Es geht nicht darum, von Deutschland weitere Entschädigungen oder Zahlungen zu verlangen. Vielmehr besteht es eine gemeinsame Verantwortung von Deutschland, den Staaten, in denen die Opfer leben, und auch von europäischen Institutionen. Bei uns in der Tschechischen Republik wurde beispielsweise in diesem Bereich in den letzten 10 oder 15 Jahren relativ viel getan. Wir haben das jetzt zusammengerechnet. Es sind insgesamt schon an die drei Milliarden Kronen, die der tschechische Steuerzahler für humanitäre Leistungen für NS-Opfer gezahlt hat. Das entspricht ungefähr 130 Millionen Euro.“

In Theresienstadt soll am Dienstag ein neues europäisches Institut zum Gedenken an die Shoah eröffnet werden. Was kann dieses Institut leisten?

„Das Institut ist ein Ergebnis der Konferenz. Es soll sich vor allem auf die soziale Lage von NS-Opfern sowie Bildungsprojekte zum Holocaust konzentrieren, aber auch zum Beispiel rechtliche Fragen analysieren.“