Geschichte aus der Nähe: politische Karikaturen von Josef Čapek 1933-1938

Anfang dieses Jahres ist in Deutschland ein umfangreiches Buch erschienen. Es heißt „Geschichte aus der Nähe. Graphiken aus der ČSR von Josef Čapek und anderen aus der Zeit von 1933-1938“. Herausgegeben wurde der Band von Ulrich Grochtmann, dem Begründer der „Čapek-Gesellschaft für Völkerverständigung und Humanismus“ in Deutschland. Das Buch geht auf eine Wanderausstellung politischer Karikaturen zurück, die seit ihrer Entstehung vor mehr als 30 Jahren um die ganze Welt gereist ist. Gezeigt wurde sie in vielen Städten Europas, aber auch etwa in Hiroshima. Seit dem 17. November, dem tschechischen Tag des Kampfes für Freiheit und Demokratie, ist die Schau auch in Prag zu sehen. Sie wurde im Hlávka-Kolleg von Präsident Václav Klaus eröffnet.

Die Ausstellung wurde im Hlávka-Kolleg von Präsident Václav Klaus eröffnet  (Foto: ČTK)
Die Ausstellung und das Buch beschäftigen sich mit dem Werk des tschechischen Malers, Dichters und Journalisten Josef Čapek. Wie sein drei Jahre jüngere Bruder, der weltbekannte Schriftsteller und Dramatiker Karel Čapek, war auch Josef wegen seines Engagements gegen Diktatur und Krieg dem NS-Regime ein Dorn im Auge. Am 1. September 1939 wurde er verhaftet und starb nur wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs im KZ Bergen-Belsen. Die Ausstellung und das Buch zeigen politische Karikaturen, die Čapek für die Brünner Volkszeitung „Lidové noviny“ zeichnete. Zudem enthalten sie Graphiken aus Čapeks Zyklen „Sehnsucht“ und „Feuer“ sowie Zeichnungen und Gedichte, die im KZ entstanden und dank der Initiative überlebender Mitgefangener erhalten blieben. Mehr über das Buch und die Ausstellung nun im Gespräch mit dem Autor Ulrich Grochtmann.

In Prag wurde kürzlich, anlässlich des Feiertags am 17. November, eine Ausstellung eröffnet. Sie heißt „Geschichte aus der Nähe“. Herr Grochtmann, Sie haben ein gleichnamiges Buch veröffentlicht. Die Ausstellung und das Buch zeigen Graphiken und politische Karikaturen von Josef Čapek. Wie sind die beiden Veröffentlichungen zustande gekommen?

„Das ist eine ziemlich lange Geschichte. Sie reicht über dreißig Jahre zurück. Ich bin während meines Studienaufenthaltes in Prag zufällig auf diese Karikaturen gestoßen. Eine damalige Freundin, der ich heute noch viel zu verdanken habe, machte mich damals darauf aufmerksam und hat mir den entsprechenden Band ´Geschichte aus der Nähe´ geschenkt. Der Band, erschienen 1949, hat dann jahrelang in meinem Bücherschrank gestanden. Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre – als man fortwährend propagierte, ein Rüstungswettlauf könne den Weltfrieden retten und gleichzeitig das Schlagwort Neonazismus mehr und mehr an Aktualität gewann – haben wir, das heißt ein kleiner Freundeskreis, uns gesagt, es sei zu schade, diese Karikaturen im Bücherschrank stehen zu lassen. Man muss die Sachen einfach bekannt machen, in Ost und West waren sie schließlich vergessen. 1981 ist zum ersten Mal eine kleine Wanderausstellung auf die Reise gegangen. Seit 1981 wandert diese Ausstellung, damals ist bereits eine kleine Broschüre dazu erschienen. Mittlerweile ist auch ein umfangreicheres Buch daraus entstanden, das jetzt kürzlich vom Trafo-Verlag herausgegeben wurde.“

Foto: U. Grochtmann,  Geschichte aus der Nähe
Enthält das Buch nur die Bilder, die im Rahmen der Ausstellung gezeigt werden, oder noch etwas dazu?

„Sie enthält die Karikaturen Josef Čapeks aus der Zeit von 1933 bis 1938 sowie einige Karikaturen, die in dem Band von 1949 keine Aufnahme gefunden hatten und also hier zum ersten Mal bekannt gemacht werden. Zum zweiten enthält sie einige Karikaturen aus der Satirezeitschrift ‚Prager Simple’ und aus der Zeitung ‚Sozialdemokrat’, die von 1921 bis 1938 in Prag erschien. Und natürlich: Der Band enthält einführende Texte zu den einzelnen Zyklen und schließlich auch etliche Dokumente.“

In welchen Zeitschriften und Zeitungen hat Josef Čapek seine Karikaturen veröffentlicht?



Foto: U. Grochtmann,  Geschichte aus der Nähe
„Das war die Tageszeitung Lidové noviny, die Volkszeitung, in Brünn. Er war dort seit 1921 beschäftigt, wie auch sein Bruder Karel. Ab 1933 sind dort diese Karikaturen erschienen, noch bis Anfang 1939. Und wie gesagt, der Band geht auf die Ausstellung zurück, die seit 1981 unterwegs ist, und sie heißt ja auch, ´Karikaturen von Josef Čapek und anderen’. In Prag haben wir uns auf die Karikaturen von Čapek beschränkt.“

Josef Čapek war ein bedeutender Maler in der Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit. Welche Stellung haben die erwähnten satirischen Zeichnungen zum Tagesgeschehen in seinem Schaffen gehabt?

Foto: U. Grochtmann,  Geschichte aus der Nähe
„Das ist schwer zu beurteilen. Sie fügen sich in die allgemeine Tendenz der Tageszeitung Lidové noviny, und das zum Teil lückenlos. Denn diese Zeitung enthält auch scharfe Kommentare und ausgezeichnete Berichte über alarmierende Vorgänge in Deutschland und über Krisenherde anderswo, vor allem über den spanischen Bürgerkrieg. Soweit ich allerdings sehe, schlagen sich diese Karikaturen auch im Schaffen von Josef Čapek, in seiner literarischen und publizistischen Tätigkeit, teilweise nieder. Ein Beispiel vom Oktober 1933: Hitlers Friedenshand. Hitler hielt damals eine Rede, die wirklich großes Aufsehen erregt hat. Hitler erklärte: ´Ich weiß, was Krieg ist, ich bin nicht so wahnsinnig, einen Krieg zu wollen´. Josef Čapek hat daraufhin Hitler auf einer Kanone dargestellt, wie er angeblich den früheren Gegnern die Hand zur Versöhnung reicht. In einer weiteren Karikatur hat er ihn in einer Gasmaske mit Schweineschnautze und einer Granate in der Hand gemalt. Etliche Wochen zuvor hat Josef Čapek darauf hingewiesen, dass Hitler Friedensreden hält, dass aber der deutsche Vizekanzler den Heldentod auf dem Schlachtfeld besingt. Zum Teil also ergänzen sich Josef Čapeks publizistische Beiträge mit diesen Karikaturen. Es war für uns auch ein großes Glück, dass der Schwiegersohn Josef Čapeks, Jaroslav Dostál, uns den Band ´Josef Čapek als Publizist´ zur Verfügung gestellt hat. Das war eine wahre Fundgrube auch für das Buch.“

Foto: U. Grochtmann,  Geschichte aus der Nähe
Gab es einen Zusammenhang zwischen den Gemälden und Zeitungsgraphiken: Welchen Themen hat sich Čapek gewidmet?

„Auch zum Thema Rassismus beispielsweise hat er schon 1924 einen herrlichen satirischen Beitrag verfasst, ´Der deutsche Rassenhans´. Das war der Rassen-Ideologe Hans Günter, der nachweisen wollte, dass die Tschechen eben doch mongolisches Blut hätten und dass es Tschechen seien, die eine hochzivilisierte deutsche Minderheit in Mitteleuropa tyrannisierten. Das hat Čapek dann auch als Karikaturist festgehalten und gleichzeitig darauf hingewiesen, welches Menschen-Material es nach NS-Ideologie zu fördern und zu vervielfältigen gilt. Daraus resultiert auch seine bitter-sarkastische Karikatur ´Sechslinge wurden gleich mit Gasmasken geboren und in die Reichsanstalt für planmäßige Rassenzüchtung in liebevolle Obhut gegeben´. Oder er hat angebliche deutsche Patrioten gemalt, die gar nicht merken, dass sie einen slawischen Namen haben und glauben, durch verballhorntes, germanisiertes Tschechisch einen Beitrag zur deutschen Kultur leisten zu können. Ich glaube, es geht aus dem Buch hervor, dass sich Josef Čapeks publizistische Beiträge und Karikaturen zum Teil sehr wohl ergänzen. Und letztlich ergänzen sich auch seine Karikaturen mit den Dramen Karel Čapeks, die damals weltweit bekannt wurden.“

Foto: U. Grochtmann,  Geschichte aus der Nähe
Das Buch ist in mehrere Kapitel geteilt. Diese entsprechen der thematischen Gliederung der Graphiken. Es gibt Abschnitte zu Terrorismus, Rassismus, Friedensreden, Spanischem Bürgerkrieg usw. Entspricht diese Gliederung auch der Ausstellung?

„Die Ausstellung ist in diese Zyklen gegliedert. Wie Sie schon sagten, eben Terrorismus, Rassismus, Friedensreden, Kriegsahnungen, Kriegsvorbereitung, Kriegstreiberei vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs, das Diktat von München und schließlich die Diktatorenstiefel. So ist auch die Ausstellung in Prag gegliedert.“

Josef Čapek wurde Anfang des Zweiten Weltkriegs verhaftet. Er starb in einem KZ. Bis wann konnte er eigentlich veröffentlichen?



Foto: U. Grochtmann,  Geschichte aus der Nähe
„Er hat noch im Sommer 1939 – meines Erachtens – sehr wertvolle Beiträge für die Lidové noviny verfasst: vor allem seine Artikel über Montaigne und seine Artikel mit prophetischem Charakter ´Etwas über Polen´. Aber die Verhaftung erfolgte am 1. September 1939. Kurz zuvor, ich glaube im August, ist noch ein Artikel von ihm erschienen. Die Artikel über Montaigne und über Polen sind auch in unserem Buch enthalten, ebenso wie Graphiken und Zeichnungen, die dann in Konzentrationslagern entstanden sind. Und auch einige Gedichte.“

Die Wanderausstellung geht an diesem Sonntag im ehemaligen Hlávka-Studentenwohnheim in Prag zu Ende. Sie wird aber Prag noch nicht verlassen, sie soll bald im Sitz des tschechischen Senats zu sehen sein.