Zehnter Prager Stadtbezirk kauft historische Villa der Brüder Čapek

Čapek-Villa (Foto: ČTK)

Jeder war auf seinem Gebiet ein Meister: Josef Čapek malte und Karel Čapek schrieb. Ab 1924 taten dies die beiden Brüder in einem Doppelhaus praktisch nebeneinander. Die sogenannte Čapek-Villa befindet sich im Prager Stadtteil Vinohrady, sie steht unter Denkmalschutz. Die Hälfte des Hauses, die einst der Schriftsteller Karel Čapek zusammen mit seiner Frau Olga Scheinpflugová bewohnte, wird nun von den Erben verkauft. Am Montag entschied sich der zehnte Prager Stadtbezirk, die delikate Immobilie zu erwerben. In den nächsten Tagen soll der Kaufvertrag unterschrieben werden.

Čapek-Villa (Foto: ČTK)
Die Villa wurde eigens für das Künstler-Bruderpaar entworfen. Heute ist das dreistöckige Gebäude im Stil des tschechoslowakischen Historismus von Efeu umrankt. Doch wertvoll ist vor allem das Innere in jener Hälfte, die Karel Čapek gehörte. Zdeněk Freisleben leitet das Archiv des Nationalen Schrifttums:

„Der erste sowie der zweite Stock beziehungsweise die Mansarde, in der sich Karel Čapeks letztes Arbeitszimmer befindet, sind noch im Originalzustand. Weder Čapeks Frau Olga Scheinpflugová, noch ihre Schwester oder die weiteren Nachkommen haben dort etwas verändert. Das ist einzigartig. Auf dem Arbeitstisch liegen zum Beispiel noch ein geöffnetes Telefonbuch, ein Füllfederhalter und Schriftstücke. Es sieht so aus, als wäre Karel Čapek nur gerade übers Wochenende weggefahren, es vermittelt einen lebendigen Eindruck.“

Čapeks Arbeitszimmer (Foto: ČTK)
In seinem Arbeitszimmer hat der Schriftsteller einige seiner wichtigsten Werke verfasst, so auch den „Krieg mit den Molchen“.

Diese bedeutende Immobilie wurde nun über einen Makler zum Verkauf angeboten. Das ist ungewöhnlich. Doch der jetzige Besitzer der Villenhälfte, ein Nachkomme aus der Familie von Karel Čapeks Frau, hatte zuvor erfolglos mit den Behörden über finanzielle Unterstützung verhandelt – er war die anstrengenden Gespräche wohl leid geworden. Karel Scheinpflug, so der Name, konnte die Instandhaltungskosten des Gebäudes nicht mehr stemmen. Dass letztlich die öffentliche Hand doch noch aktiv geworden ist, hält er für vernünftig. Gegenüber dem Tschechischen Fernsehen sagte er:

Karel Čapek
„Ich habe durchaus ein schlechtes Gewissen, die Villa aus dem Familienbesitz wegzugeben. Aber dies ist die beste Lösung.“

Da Čapek zu den bedeutendsten modernen tschechischen Autoren gehört, hätte eigentlich der tschechische Staat sein Interesse bekunden müssen. Präsident Miloš Zeman hatte dies sogar gefordert. Doch nach dem Sturz der Regierung Nečas herrschte auch im Kulturministerium erst einmal ein gewisses Chaos, wie der Interims-Kulturminister Jiří Balvín zugibt:

„Man kann sich dafür schämen oder sich entschuldigen. In jedem Fall haben unsere finanziellen Möglichkeiten es nicht erlaubt, schnell eine Entscheidung zu fällen. Das hätte innerhalb eines Monats nach meiner Amtsübernahme geschehen müssen.“

Čapeks Arbeitszimmer (Foto: ČTK)
So kam der zehnte Prager Stadtbezirk zum Zug. Bereits im Frühjahr hatte er sich das Vorkaufsrecht gesichert, am Montag nun stimmten die Stadtverordneten des Bezirks für die Transaktion. Karel Scheinpflug erhält knapp 44 Millionen Kronen (1,76 Millionen Euro). Laut Bürgermeister Bohumil Zoufalík von der Demokratischen Bürgerpartei (ODS) ist dies eine außergewöhnliche Entscheidung:

„Das Votum ist glücklicherweise positiv ausgefallen. Wir haben vielleicht zum ersten Mal über etwas abgestimmt, das in seiner Bedeutung weit über unseren Stadtteil, die Stadt und sogar die Tschechische Republik hinausgeht.“

Prag 10 möchte nun in dem Villenteil ein kleines Museum einrichten, allerdings in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium. Eröffnet werden könnte das Museum im Frühling kommenden Jahres.

Autor: Till Janzer
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