Industriestrompreis: Tschechische Stahlproduzenten schauen bangend auf Konkurrenz in Deutschland
Deutschland ist für Tschechien nicht nur ein wichtiger Handelspartner, sondern in Sachen Export auch ein Konkurrent. Darum wird hierzulande genau beobachtet, was sich in der Industrie jenseits der Grenze tut. Angesichts des von der Bundesregierung beschlossenen Industriestrompreises äußern die tschechischen Rohstoffverarbeiter Bedenken, dass man international ins Hintertreffen geraten könnte.
Die Stahlproduzenten in Tschechien haben ihre Konkurrenz in Deutschland im Blick. Anfang November fand dort der Stahlgipfel statt, bei dem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) mit Branchenvertretern über staatliche Hilfen verhandelte. Darüber hinaus hat die Bundesregierung bereits beschlossen, die Wirtschaft im Land ab dem kommenden Jahr mit dem Industriestrompreis zu unterstützen. Laut Michal Macenauer, Strategiedirektor beim Energieberatungsunternehmen EGU in Brno / Brünn, wird ohne ähnliche Maßnahmen in Tschechien ein Ungleichgewicht entstehen:
„Dabei geht es ja nicht nur um die Stahlbetriebe. Deutschland will mit dem sogenannten Industrietarif bis zu 50 Prozent des Stromverbrauchs der gesamten energieaufwendigen Produktion übernehmen, also in der Chemie sowie in der Papier-, Glas- und Keramikherstellung oder bei den Baumaterialien. Dies schafft eine sehr verhängnisvolle Situation. Als Konkurrent wird Tschechien dann viel, viel schlechter dran sein.“
Mit dem Industriestrompreis werden die Energiekosten für Firmen in Deutschland bei 50 Euro pro Megawattstunde gedeckelt. Die tschechische Stahlunion hat ausgerechnet, dass die hiesige Branche damit drei bis vier Milliarden Kronen (120 bis 170 Millionen Euro) mehr für ihre jährlichen Energiekosten aufbringen werde als ihre deutschen Kollegen.
Alle Stahlproduzenten, egal ob in Tschechien, Deutschland oder anderen EU-Staaten, beklagen aber außerdem den Druck durch die Billigimporte aus China. Dazu sagt Macenauer:
„Dafür ist natürlich eine gesamteuropäische Maßnahme nötig. Ich weise jedoch darauf hin, dass die jetzige wahrscheinlich nicht reichen wird. Die EU bereitet im Prinzip eine Besteuerung von energieaufwendigen Dingen durch einen speziellen Tarif vor. Das schützt zwar den Verbrauch in Europa. Aber es wird auf keinen Fall reichen für die Konkurrenzfähigkeit der europäischen Industrie, die ins Ausland exportiert.“
Damit würde das Problem nur in Teilen angegangen, fügt der Energieexperte hinzu. Es habe aber noch eine größere Dimension:
„Jetzt zeigt sich endlich, dass die Dekarbonisierung teuer ist. Sie wird sehr wehtun, vor allem der energieaufwendigen Industrie. Aber kein Vertreter der EU oder ihrer einzelnen Staaten hat dafür eine andere Lösung parat, als diese massiven Subventionen. Die hiesige Industrie kann nicht einfach nur davon leben, dass sie Waren für den europäischen Verbraucher herstellt. Die Exportfrage wird bisher überhaupt nicht geklärt.“
In Tschechien gibt es zwei Unternehmen, die den gesamten metallurgischen Produktionszyklus gewährleisten. Während Liberty Osrtava gerade seine Insolvenz verwaltet, geht die Firma Třinecké Železárny (Moravia Steel) die grüne Transformation an. Dies verlaufe allerdings nicht problemlos, so Macenauers Hinweis. Im Hauptwerk sei eigentlich der Einbau eines Lichtbogenofens geplant gewesen...
„Davon wurde jedoch wieder abgekehrt. Denn das Projekt stellte sich als schwer realisierbar heraus, selbst mit massiven Fördergeldern. Derzeit ist das Unternehmen in einer Phase, in der über die Erhöhung der Subventionen verhandelt wird, denn ohne diese hat es keinen Sinn. Bisher läuft das Stahlunternehmen aus Třinec relativ gut – das sage ich aber nur als Analytiker für Energiefragen. Mit der fortschreitenden Dekarbonisierung wird sich die Lage für die Firma in den nächsten Jahren allerdings drastisch ändern.“
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