Interplanetare Odyssee und Totaler Realismus: Neue Übersetzungen vom Verlag Kētos

Ondřej Cikán

Wer sich mit der Übersetzung tschechischer Lyrik ins Deutsche beschäftigt, wird irgendwann schon einmal über den Namen Ondřej Cikán gestolpert sein. Der umtriebige Wiener ist nicht nur Übersetzer aus dem Tschechischen ins Deutsche. Er ist auch Autor und bringt in seinem Verlag Kētos seit 2018 Literatur heraus. Für seine Verdienste erhält er in diesem Jahr den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung. Radio Prag International hat Ondřej Cikán einen Besuch abgestattet und mit ihm über seine neuesten Projekte gesprochen.

Ondřej Cikán sitzt gerade am Schreibtisch seines Arbeitszimmers in einer Gemeindewohung im Wiener Fasanviertel. Der Schreibtisch, das ist ein massives Teil aus schwerem Holz. Hinter Cikán erstreckt sich eine imposante Bücherwand. Sie lässt erahnen, dass in diesem Raum ein Übersetzer und Autor arbeitet: deutschsprachige Literatur, tschechische Klassiker, Wörterbücher für beide Sprachen und auch einige Publikationen, die Cikáns eigener Verlag, Kētos, herausgebracht hat. Ondřej Cikán nimmt sich einen Glimmstängel aus seinem Zigarettenspender und zündet ihn an. Höchste Zeit, auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz zu nehmen und das Interview zu beginnen. Also, Herr Cikán, wie und wann sind Sie eigentlich zum Übersetzer geworden?

„Das war bereits in der Schule. Ich habe versucht, für meine Mitschülerinnen und Mitschüler Gedichte zu übersetzen. Damals ging das aber noch nicht so gut.“

Mittlerweile ist Cikán allerdings einer der erfahrensten zeitgenössischen Übersetzer tschechischer Literatur ins Deutsche – vor allem was Lyrik angeht. Unter anderem hat er das legendäre Versepos „Máj“ von Karel Hynek Mácha ins Deutsche übertragen – und das ist nur das Ende der Fahnenstange.

Woran arbeitet der umtriebige Sprachmittler derzeit? An einem Projekt, das man wohl zurecht als wahnwitzig bezeichnen darf. Das Buch stamme von Jan Křesadlo, sagt Cikán. Der Schriftsteller Křesadlo, oder mit bürgerlichem Namen Václav Jaroslav Karel Pinkava, wurde von den Kommunisten verfolgt und emigrierte später nach England – und er hatte eine Vorliebe für mehrsprachige Texte.

„Die ‚Hvězdoplavba‘, also die ‚Sternenfahrt‘ oder ‚Astronautilía‘, hat er auf Altgriechisch und Tschechisch geschrieben. Jeweils sind das 6400 Hexameter. Es ist ein homerisches Epos, das in der Zukunft spielt und von einem Schaf handelt, das den Weltraum beobachtet. Wenn das Schaf abhandenkommt oder stirbt, gibt es den Weltraum nicht mehr, weil er nicht mehr betrachtet wird. Und tatsächlich kommt es dazu, dass das Schaf entführt wird. Der Held der Geschichte muss daraufhin versuchen, es zu finden, und erlebt eine interplanetare Odyssee. Es ist schon eine sehr, sehr lustige Geschichte.“

Und nicht nur das: Das Buch klingt danach, als sei es geradezu für jemanden wie Ondřej Cikán geschaffen worden, der nicht nur österreichisch-tschechischer Übersetzer, sondern auch studierter Altphilologe ist. In seinem Verlag Kētos wird das Buch von Křesadlo nun dreisprachig erscheinen: links die tschechische Fassung, rechts die deutsche Übersetzung, unten die griechische Version. Den altgriechischen Text hat Cikán gemeinsam mit dem Altphilologen Georg Danek ediert, wobei vor allem Křesadlos Fehler korrigiert wurden. Das umfassende Werk nun ins Deutsche zu übertragen, sei eine ganz besondere Herausforderung, so Cikán:

Jan Křesadlo: Hvězdoplavba | Foto: Verlag Ivo Železný

„Auf Deutsch müssen das auch schöne Hexameter sein. Und sie müssen auf die berühmtesten Übersetzungen der Ilias und der Odyssee verweisen – also für mich auf die Übertragungen von Johann Heinrich Voß.“

Diese Hexameter, das klassische Versmaß der epischen Dichtung, ins Ohr zu bekommen sei nicht einfach, so der Übersetzer, aber dringend nötig:

„Es geht gar nicht so sehr um die Übersetzung aus dem Tschechischen, sondern darum, die Voßsche homerische Sprache zu verinnerlichen, damit man dann flüssig übersetzen kann und es von der Hand geht. Wenn man 6400 Verse übersetzen muss, dann kann man nicht an jedem einzelnen einen Tag lang sitzen.“

Cikán scheint zuversichtlich, dass ihm die Aufgabe gelingen wird. Die ersten zwei Gesänge der „Astronautilía“ hat er bereits übersetzt. Ein Problem ist dabei allerdings aufgetreten: So wird die Seitenzahl wohl nicht bei den geplanten 550, sondern bei um die 850 Seiten liegen. Schuld an der Länge hat auch das Nachwort, das – wie man es von Kētos gewohnt ist – Hintergründe liefern, das Buch in den Kontext setzen und wieder sehr ausführlich ausfallen wird.

„Es werden also wahrscheinlich zwei Bände werden. Wir schauen, was daraus wird. Aber ich freue mich schon riesig darauf. Gerade jetzt arbeite ich daran – einfach, weil ich es nicht lassen kann.“

Neue Bücher von Bondy und Vodseďálek

Seinen Verlag Kētos hat Ondřej Cikán 2018 gegründet, gemeinsam mit dem Schriftsteller Anatol Vitouch.

Anatol Vitouch | Foto: Archiv des Badischen Staatstheaters

„Der ursprüngliche Plan war, verschiedene Arten poetischer, abenteuerlicher und lustiger Bücher zu übersetzen, die inspirativ für die heutige Literatur sein könnten.“

Dabei habe man eigentlich auch ein Augenmerk auf antike Werke gelegt. Da die Übersetzung tschechischer Literatur durch das Kulturministerium in Prag aber besser gefördert werde, seien bisher fast nur Bücher aus dem Nachbarland in Österreich herausgekommen, so Cikán.

„Zuletzt erschienen sind zwei Bücher von Egon Bondy und Ivo Vodseďálek, die zusammengehören. Es sind jeweils Anthologien aus ihren Werken, die sich auf den Totalen Realismus und die Peinliche Poesie konzentrieren.“

Mit diesen beiden Autoren des 20. Jahrhunderts hat sich Cikán zum einen für den tschechischen „Vater des Undergrounds“ entschieden, wie Egon Bondy auch genannt wird. Auf Deutsch erschien 2023 auch dessen Autobiographie unter dem Titel „Die ersten zehn

Bondys Weggefährte Ivo Vodseďálek hingegen ist außerhalb Tschechiens bisher nur wenigen bekannt gewesen. Ins Deutsche wurde er zuvor noch gar nicht übersetzt. Dabei war Vodseďálek nicht nur ein herausragender Dichter, sondern auch Graphiker und Ballonfahrer. Aber „Totaler Realismus“ und „Peinliche Poesie“ – was verbirgt sich eigentlich hinter diesen Begriffen?

„Bondy und Vodseďálek haben diese neuen Stile in den 1950er Jahren entwickelt. Erklärtes Ziel war es, die Sowjetunion zu Fall zu bringen. Interessant ist, dass sie Gedichte geschaffen haben, die poetisch sind und nicht agitieren, aber trotzdem versteckt dieses Ziel haben und es relativ konsequent verfolgen.“

Ivo Vodseďálek: Am Esstisch | Foto: Ketos Verlag

Bondy und Vodseďálek hätten sich dabei am Surrealismus orientiert, so Cikán. Noch poetischer sei ihnen aber erschienen, die Realität gänzlich trocken zu beschreiben, meint der Autor.

„Ein typisches Beispiel ist ein Gedicht, in dem Bondy beschreibt, wie er die Nachrichten über die Hochverräterprozesse liest. Dann kommt seine Freundin nach Hause und ist wie immer angenehm, als sie sich zu ihm ins Bett legt. Und als sie geht liest er dann die Nachrichten über die Hinrichtungen zu Ende.“

Motivation Frankfurter Buchmesse 2026

Über 30 Bücher hat der Verlag Kētos seit seiner Gründung herausgebracht – eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass Cikán selbst die meisten Werke nicht nur publiziert, sondern auch übersetzt und teils sogar schreibt. Wie kann man dieses Arbeitspensum schaffen?

„Am Anfang ging das deswegen gut, weil ich viele Übersetzungen bereits mit langem Vorlauf vorbereitet hatte. 2024 wird das nun wieder klappen, weil die meisten Bücher, die ich ausgewählt habe, nicht so extrem anspruchsvoll zu übersetzen sind. Vor allem handelt es sich um Prosa.“

Aber wie wird es danach weitergehen? Vorerst solle weiterhin viel publiziert werden bei Kētos – und das vor allem im Hinblick auf die Frankfurt Buchmesse 2026, bei der Tschechien Partnerland sein wird. Und danach?

„Kētos voranzutreiben und zu vergrößern, ist gerade durch die Buchmesse motiviert. Dann schauen wir, was daraus wird. Abschaffen werden wir den Verlag sicher nicht. Aber es könnte zum Beispiel passieren, dass wir das Programm auf zwei Bücher im Jahr reduzieren und ich irgendwo anders arbeiten gehe.“

Ondřej Cikán | Foto: Ferdinand Hauser,  Radio Prague International

Denn gut leben ließe es sich nicht als Verleger und Übersetzer, so Cikán. Das Bestehen seines Verlages sei zudem von Subventionen abhängig.

„Der ganze Verlag lebt davon, dass das tschechische Kulturministerium Übersetzungen fördert. Ohne diese Unterstützung ginge es wirklich nicht, denn das Interesse an tschechischer Literatur im deutschsprachigen Raum ist wirklich nicht groß.“

Hinzu komme, dass die Kalkulation eben mal besser und mal schlechter aufgehe, so Cikán.

Als ein zweites Standbein hat sich der Übersetzer deshalb jüngst überlegt, in Kooperation mit einem größeren deutschen oder österreichischen Verlag eine Reihe tschechischer Klassiker herauszugeben – als schlichte Lesebücher, die ohne die tschechischen Paralleltexte und die umfassenden Nachworte erscheinen könnten, die es sonst bei Kētos gibt.

„Wir versuchen bereits seit zwei Jahren, das auf die Beine zu stellen. Aber es ist sehr schwierig. Leider zieht das Argument, dass das betreffende Buch ja ohnehin vom tschechischen Kulturministerium gefördert werden würde, bei den großen Verlagen gar nicht.“

Und so macht Ondřej Cikán vorerst alleine weiter Bücher in seinem Wiener Arbeitszimmer mit den Erkerfenstern. Er nimmt sich eine Zigarette aus dem Zigarettenspender, klappt das Notebook auf, und macht sich wieder ans Werk.

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