Joint auf Rezept? Tschechien erlaubt Cannabis als Medizin

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Bis in die 1950er Jahre gab es in machen Gegenden Europas eine lange Tradition, Hanf zu medizinischen Zwecken zu nutzen. Dann wurde Marihuana als Droge eingestuft und praktisch weltweit verboten. In den vergangenen Jahren knüpfen aber immer mehr europäische Staaten an die alte Tradition an, dazu gehören die Niederlande, die Schweiz und Deutschland. Nun beschreitet auch Tschechien diesen Weg: Am Mittwoch hat der Senat mit großer Mehrheit die Freigabe von Hanf zur Behandlung von Kranken erlaubt. Trotzdem könnten viele Patienten weiter auf die illegale Nutzung von Cannabis angewiesen sein.

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Es sind Menschen wie Martina Kafková, denen geholfen werden soll. Die 45-jährige Frau hat Multiple Sklerose und nutzt Cannabis bisher illegal. Vier Joints sind es, die sie am Tag raucht:

„Es befreit mich von den Symptomen meiner Krankheit. Als ich erstmals an Cannabis herankam, war das, als ob ich neu geboren würde. Ohne Cannabis würde ich mich in Krämpfen winden und vor Schmerz schreien.“

Martina Kafková nutzt Cannabis im Übrigen mit Zustimmung ihrer Ärztin. Die Hanfpflanzen muss jedoch ihr Vater Zdeněk anbauen, auch weil seine Tochter an den Rollstuhl gefesselt ist:

„Ich mach das wie alle anderen auch: Ich suche ein Maisfeld und kennzeichne irgendwo in der Mitte ein Stück, in das ich die Hanfpflanzen einsetze.“

Pavel Bém (Foto: Zdeněk Vališ)
Der Rentner riskiert damit eine langjährige Haftstrafe. Deswegen hat Zdeněk zusammen mit anderen Betroffenen vor zwei Jahren eine „Petition für medizinisches Cannabis“ entworfen. Sie erhielt Zustimmung aus dem ganzen Land und brachte einen Stein ins Rollen. Nun haben endgültig beide Parlamentskammern die Nutzung von Hanf als Medikament erlaubt. Auch der ehemalige Prager Oberbürgermeister und heutige bürgerdemokratische Abgeordnete Pavel Bém hat für das neue Gesetz gestimmt. Aus seiner Erfahrung als Arzt weiß er, dass Cannabis bei vielen schweren Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose oder Querschnittslähmungen die Schmerzen lindert und bei der Entkrampfung hilft.

„Wir legalisieren das nun und geben den Patienten ein Recht, das absolut human ist – das Recht, ein Medikament zu nutzen, das ihnen hilft“, so Bém.

Alena Gajdůšková (Foto: Jana Šustová)
Das Gesetz sieht vor, zunächst medizinischen Cannabis aus den Niederlanden oder aus Israel zu importieren. Erst in einer zweiten Phase soll das Amt für Arzneimittelkontrolle den Anbau von Hanf als Medikament freigeben und überwachen. Für diesen Schritt müssen aber noch eine ganze Reihe von Vorschriften geändert werden. Und eine Frage ist weiterhin offen: Wie teuer werden die Cannabis-Medikamente sein?

„Falls die Krankenkassen nicht zahlen, werden Cannabis-Medikamente ein Luxus sein. Dabei haben gerade alte und schwer kranke Menschen, die diese Medikamente am meisten brauchen, nicht das entsprechende Einkommen.“, so die sozialdemokratische Senatorin Alena Gajdůšková.

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Die Krankenkassen sagen bisher, dass sie die Cannabis-Medikamente nicht bezahlen wollen. Und auch Gesundheitsminister Leoš Heger lehnt dies ab, mit dem Hinweis, die Medikamente dienten ja nicht zur Heilung, sondern behandelten nur Symptome. Den Preis für die Hanf-Arzneien regelt das Gesetz jedoch nicht. Martina Kafková braucht zum Beispiel rund ein Kilogramm getrockneten Hanf im Jahr. Ihr Vater sagt:

Martina Kafková (Foto: ČT24)
„Ganz ehrlich, wenn die Medikamente uns 300 Kronen monatlich kosten werden, höre ich auf, selbst anzubauen. Kosten sie mehr, dann werde ich nicht in die Apotheke gehen.“

Damit hätte das Gesetz dann allerdings seine wichtigste Funktion verfehlt: die Cannabis nutzenden Kranken zu entkriminalisieren.