Kubisten und Symbolisten: Das Repräsentationshaus wird 100 Jahre

Foto: Archiv des Prager Gemeindehauses

Das prunkvolle Gebäude heißt auf Tschechisch offiziell „Obecní dům“. Die Prager nennen es jedoch etwas familiärer „Repre“, abgeleitet von Repräsentationshaus. Das reichlich verzierte Gebäude neben dem Pulverturm dient den Bewohnern der tschechischen Hauptstadt bereits ein ganzes Jahrhundert. Schon 1912 wurde das vorwiegend im Jugendstil geschmückte Haus für die Öffentlichkeit geöffnet.

Prager Gemeindehaus (Foto: © City of Prague)
Die Idee des Prager Gemeindehauses entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Es sollte ein Zentrum des politischen und gesellschaftlichen Lebens der tschechischen Bevölkerung werden. Zudem sollte es neben dem Nationaltheater entsprechende Räumlichkeiten für tschechische Kulturveranstaltungen bieten. Das Repräsentationshaus wurde schließlich in den Jahren 1906 bis 1912 nach den Entwürfen der Architekten Antonín Balšánek und Osvald Polívka erbaut. Das Innere wurde sehr prunkvoll gestaltet, an der Ausschmückung beteiligten sich mehrere anerkannte Künstler, darunter auch Josef Václav Myslbek sowie Alfons Mucha. Der Baustil des Repräsentationshauses ist verhältnismäßig konservativ, meint der Architekturhistoriker Rostislav Švácha. Einige moderne Architekten haben damals im Architektenmagazin „Styl“ sogar eine Sonderrubrik mit dem Titel „Obecní dům“ eingerichtet, erzählt er:

Foto: Martina Schneibergová
„Sie haben sich gegenseitig darin überboten, wer das Repräsentationshaus in möglichst düsteren Farben beschreibt. Sie nannten es ´Dekadenz des künstlerischen Gefühls´.“

Švácha jedoch hält das Repräsentationshaus auch aus kunsthistorischer Sicht für beachtenswert:

„Beim Gemeindehaus handelt es sich um eine interessante Stilmischung: Neobarock, der durch die französische Monumentalarchitektur stark beeinflusst war, mit Jugendstildetails.“

Anlässlich des jetzigen runden Jubiläums wurde im Repräsentationshaus eine Ausstellung eröffnet. Ihr Kurator Otto M. Urban ließ sich vom Prager Kulturgeschehen vor 100 Jahren inspirieren:

Foto: Martina Schneibergová
„Im Jahr 1912 hat nicht nur eine lokale Form des Jugendstils mit diesem Haus ihren Höhepunkt erreicht, sondern nicht weit von hier wurde auch das kubistische Haus zur Schwarzen Mutter Gottes erbaut. Im selben Jahr stellten im Repräsentationshaus Kubisten wie Otto Gutfreund oder Josef Gočár sowie Symbolisten wie Jan Zrzavý oder Josef Váchal aus. Ich habe mich entschlossen, eine Art Mosaik des Jahres 1912 zusammenzustellen. Es zeigte sich, dass die Werke sowohl auf der modernen kubistischen sowie symbolistischen Ebene, als auch auf der eher konservativen Ebene von sehr hohem Niveau waren. Auch nach 100 Jahren überzeugen sie noch mit ihrer Tiefe und Stärke.“

In der jetzigen Ausstellung werden die verschiedenen künstlerischen Strömungen von 1912 wieder miteinander konfrontiert.

Foto: Martina Schneibergová
Die Ausstellung mit dem einfachen Titel „1912“ beginnt im Hollar-Saal, einem runden Raum mit einer Glasdecke, der mit zwei Ausstellungssälen verbunden ist. Der Hollar-Saal wird von einem Exponat dominiert – dem Modell des Gemeindehauses, das aus der Nationalgalerie ausgeliehen wurde. Weiter geht es zuerst in den Saal auf der linken Seite, wo Entwürfe und Zeichnungen von Künstlern zu sehen sind, die sich an der Gestaltung des Repräsentationshauses beteiligt haben. Otto M. Urban:

„Wir fangen hier mit dem ältesten der Künstler an – mit Maler František Ženíšek. Hier ist eines seiner Gemälde zu sehen, das überhaupt zum ersten Mal ausgestellt wird. Es folgt dann eine Serie von Entwürfen von Alfons Mucha für die Ausschmückung des Bürgermeistersalons. Die dreidimensionalen Exponate sind Entwürfe für das Mosaik, das draußen über dem Eingang ins Repräsentationshaus platziert wurde. Der Siegerentwurf stammt von Karel Špillar. Vertreten sind hier auch andere Künstler, die sich an der Gestaltung des Gebäudes beteiligt haben, wie zum Beispiel Jan Preisler, Mikoláš Aleš und Josef Wenig.“

Foto: Martina Schneibergová
Neben der Besichtigung der Kunstwerke und architektonischen Pläne können die Besucher an Bildschirmen mit Bedienungsknöpfen mehr über das Jahr 1912 erfahren. Rund 200 historische Fotografien sowie Zeitungsartikel dokumentieren das Leben in Prag vor 100 Jahren. An anderen Bildschirmen kann man zudem Filme sehen, die aus dem Jahr 1912 erhalten geblieben sind. Das Gesamtbild von 1912 wird noch von Musik aus dieser Zeit ergänzt, die man sich anhören kann.

„Darin besteht meiner Meinung nach der Sinn dieser Ausstellung, das Traditionelle mit dem scheinbar Progressiven zu vergleichen. Erst in einem Dialog der unterschiedlichen Strömungen kann man sich eine Vorstellung von der damaligen Zeit machen. Diese Vorstellung ist nicht einseitig. Die ganze Ausstellung stellt eher Fragen, als auf Fragen zu antworten.“

Foto: Martina Schneibergová
Rechts vom Hollar-Saal wurden die Werke der Kubisten den Werken der Symbolisten gegenüber gestellt. Ähnlich haben sich die beiden Künstlergruppierungen 1912 im Repräsentationshaus präsentiert. Es sei klar gewesen, dass nicht alle Werke, die hier damals zu sehen waren, erneut gezeigt werden, so der Kurator.

„Ein Vorteil ist sicherlich, dass sich viele der Werke im Besitz von Sammlungen verschiedener staatlicher Institutionen in Tschechien befinden. Alle Arbeiten, die jetzt zu sehen sind, wurden hier auch 1912 ausgestellt. Die einzige Ausnahme sind die Gemälde von Bohumil Kubišta. Er stand anfangs der Künstlergruppierung der Kubisten sehr nahe. Aus irgendeinem Grund fiel er aus dieser Gruppierung heraus, anscheinend hat er sich mit ihnen zerstritten. Darum hat er hier 1912 nicht mit ihnen ausgestellt. Thematisch stand er nicht den Symbolisten nicht nahe, aber war mit einem von ihnen befreundet, dem Maler Jan Zrzavý. Und Zrzavý hat eine Graphik von Kubišta mit in die Ausstellung seiner Künstlergruppe ´Sursum´ geschmuggelt. Deswegen zeigen wir hier diese Gemälde von Kubišta, die 1912 entstanden sind. Sie stellen eine Verbindung zwischen den beiden Künstlergruppierungen dar. Denn die Form ist zwar kubistisch, aber der Inhalt ist symbolistisch, sehr spirituell.“

Foto: Kristina Hrabětová, Archiv des Prager Gemeindehauses
Neben der Besichtigung der neuen Ausstellung ist es auch möglich, an einer Führung durch die Säle des Repräsentationshauses teilzunehmen. Am bekanntesten ist der Smetana-Saal, in dem vor allem Konzerte klassischer Musik und Bälle stattfinden. Dazu der Direktor des Repräsentationshauses, Vlastimil Ježek:

„Das Repräsentationshaus ist eine Rarität: Einerseits ist es ein Kulturdenkmal, andererseits ist es ein Haus, in dem das Leben auch heutzutage pulsiert. In der Zwischenkriegszeit, in dem so genannten ´goldenen Zeitalter´ dieses Hauses, fanden hier Tagungen und Treffen verschiedener Vereine statt. Seit den 1950ern ging es mit dem Gebäude bergab. Aber in den 1990er Jahren beschloss man zum Glück, das Haus zu sanieren. Diese Sanierung ist wirklich gelungen, auch wenn etwa ein Drittel der Inneneinrichtung durch Kopien ersetzt werden musste. Aber das Wesentliche an diesem Haus ist wirklich 100 Jahre alt. Es sieht so aus, wie es die Architekten vor einem Jahrhundert entworfen haben, inklusive der technischen Einrichtung. Das Gebäude wird beispielsweise bis heute durch einen einzigartigen Mechanismus mit Wasser aus zwei tiefen Brunnen gekühlt.“

Grégr-Saal (Foto: Archiv ČRo 7)
Vlastimil Ježek erinnert daran, dass das Haus, ebenso wie beispielsweise das Prager Nationaltheater, mit der Geschichte Tschechiens eng verbunden ist:

„Schon im Januar 1918 wurde im Grégr-Saal des Repräsentationshauses die so genannte ´Dreikönigsdeklaration´ unterzeichnet. Diese gilt als erster Schritt auf dem Weg zur Gründung der Tschechoslowakei. Auch in der neuesten Geschichte hat das Repräsentationshaus eine wichtige Rolle gespielt: Im November und Dezember 1989 fanden hier die ersten Gespräche zwischen dem Bürgerforum, geleitet von Václav Havel, und der damaligen kommunistischen Regierung von Ladislav Adamec statt. Von den neun Treffen wurden drei eben in verschiedenen Sälen des Repräsentationshauses abgehalten, einschließlich der Konditorei.“


Die Ausstellung zum 100. Jubiläum ist im Repräsentationshaus noch bis zum 31. Januar 2013 zu sehen. Sie ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Das Infozentrum des Hauses, in dem Führungen bestellt werden können, ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet.