Live aus dem Gerichtssaal: Prozess gegen K. H. Frank in Prag auf Originalaufnahmen des Rundfunks
Vor 80 Jahren, im Frühling 1946, fand vor einem Außerordentlichen Volksgericht in Prag der Prozess gegen Karl Hermann Frank statt. Der NS-Politiker und zweitwichtigste Mann im „Protektorat Böhmen und Mähren“ war für die Massenmorde an Tschechen verantwortlich und unter anderem wegen der Befehle zur Auslöschung der Gemeinden Lidice und Ležáky sowie der Verhaftung und Ermordung tschechischer Studenten im November 1939 angeklagt. Der Prozess gegen den „Bluthund Frank“, wie er im Volksmund genannt wurde, traf auf großes Interesse der Menschen hierzulande. Der Tschechoslowakische Rundfunk berichtete zwei Monate lang live aus dem Gerichtssaal. Die Originalaufnahmen wurden erst 2020 entdeckt und anschließend von Tontechnikern restauriert. Auf ihnen sind die Stimmen des Angeklagten, des Richters, des Verteidigers, der Zeugen, Dolmetscher, aber auch der Radio-Berichterstatter zu hören.
Im Archiv des Tschechischen Rundfunks ruhen über 80 Stunden Tonmaterial, die einen Einblick in die Gerichtsverhandlung im Prozess gegen Karl Hermann Frank geben. Die Aufnahmen umfassen den Zeitraum von der Anklageerhebung am 15. März 1946 bis zur Urteilsverkündigung und der Bekanntgabe der Hinrichtungszeit am 22. Mai des Jahres. Vojtěch Kyncl ist Historiker an der Akademie der Wissenschaften. Im Rahmen seiner Forschung hat er das Tonmaterial detailliert untersucht:
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„Die Tonaufzeichnung ist ein erstaunliches, direktes Zeugnis aus dem Gerichtssaal. Sie zeigt den Gerichtssaal als einen lebendigen Organismus. Jeder Beteiligte hat nämlich seine Rolle, die die Abscheulichkeit des Nationalsozialismus verdeutlicht. Man kann aber nicht sagen, dass es sich um ein vorab vorbereitetes Theaterstück handelte. Im Verlauf des Prozesses kam es auch zu unerwarteten Wendungen, seien es technische Mängel, Unruhe im Gerichtssaal, unerwartete Punkte der Anklage oder die Emotionen der Zeugen.“
Was für ein Bild von Frank liefern die Tonaufnahmen aus dem Gerichtsverfahren? Wie hat sich dieser nationalsozialistische Verbrecher vor dem Gericht verhalten?
„Seine Stimme wirkt nicht wie die eines Fanatikers. Franks Stimme ist ruhig und sorgfältig kontrolliert. Genau das ist daran beunruhigend. Frank spricht sachlich, fast behördlich, als ginge es um Verwaltungsangelegenheiten, nicht um Menschenleben“, so Kyncl.
Franks Stimme ist ruhig
Karl Hermann Frank wurde 1898 in Karlovy Vary / Karlsbad geboren. In den 1930er Jahren radikalisierte er sich und wurde zu einem der wichtigsten Politiker der Sudetendeutschen Partei. Im „Protektorat Böhmen und Mähren“ war er zuerst Staatssekretär und später Staatsminister. Damit sei er der zweitmächtigste Mann nach dem Reichsprotektor gewesen, erläutert der Historiker:
„Er war aber kein Reichsdeutscher. Die anderen Mitglieder der NSDAP haben im gezeigt: Du gehörst nicht zu uns, du bist nur ein Sudetendeutscher.“
Karl Hermann Frank wurde zu Ende des Krieges beim Fluchtversuch in Rokycany in Westböhmen verhaftet, nach Wiesbaden deportiert und im August 1945 zurück in die Tschechoslowakei ausgeliefert. Die nachfolgenden Ermittlungen dauerten sieben Monate lang, diese Zeit verbrachte Frank im Gefängnis in Prag-Pankrác.
Blume aus dem Gefängnishof
Seine Inhaftierung ertrug Frank sehr schwer. Vor allem konnte er sich nicht damit abfinden, keine Informationen über seine Frau Karola und seine Kinder zu haben. Vojtěch Kyncl verweist auf den Archivbestand von Franks Verteidiger Kamill Ressler, der im Nationalarchiv in Prag aufbewahrt wird:
„Wir haben dort eine Ledertasche gefunden, in der Fotos von Karola und ihren drei Kindern waren. Karl Hermann schrieb im Gefängnis kurze Notizen für seine Frau. Vom 13. August 1945, Karolas Geburtstag, ist eine kleine Blume aus dem Gefängnishof dabei. Dazu schrieb er: ‚Für meine Lola mit gefesselten Händen, aber mit großer Liebe und Sehnsucht‘. Das war die letzte Sache, die Karl Hermann nur ein paar Minuten vor der Hinrichtung seinem Verteidiger übergab.“
Die Familie sei nicht nur für Frank, sondern auch für andere Kriegsverbrecher das Wichtigste am Ende ihres Lebens gewesen, führt der Geschichtswissenschaftler weiter aus:
„Die größte Rache an ihnen war gerade diese Trennung von der Familie. Karl Hermann Frank beschrieb zudem gegenüber seinem Verteidiger, für ihn sei es eine große Strafe zu wissen, dass ihn Millionen von Sudetendeutschen dafür hassten, was er verübt habe.“
Die Beweislast durch die Anklage war erdrückend. Es ging nicht um eine einzelne Tat, sondern um ein ganzes System der Gewalt. Landesverrat, Morde, Deportation, Terror…
„Frank wurde vorgeworfen, dass er nicht nur am Rande daran beteiligt war, sondern dass er dabei half, alles zu lenken. Er war nicht nur ein Rädchen im Getriebe, er war einer von jenen, die dieses Getriebe in Gang gesetzt hatten“, so Kyncl.
Nur Befehle ausgeführt
Die Verteidigung basierte auf einem zentralen Gedanken: Er habe nur Befehle ausgeführt. Die Verantwortung wurde nach oben verlagert, auf Hitler, auf das System. Zudem wurde der Nationalsozialismus als eine Massenpsychose gedeutet, die den Menschen verschlinge und seine bisherigen moralischen Werte zerstöre.
Vor dem Gericht traten etwa 20 Hauptzeugen und weitere Menschen mit ihren Aussagen auf, Dazu der Historiker:
„Es waren Opfer, es waren Häftlinge, es waren Menschen, die überlebt hatten, aber auch diejenigen, die auf der anderen Seite standen.“
Über das Verfahren entstand jeden Tag eine halbstündige Sendung, die im Radio ausgestrahlt wurde und das Geschehen im Gerichtssaal zusammenfasste. Das Interesse der Öffentlichkeit war riesengroß.
Hinrichtung vor 6300 Zuschauern
Am 21. Mai 1946 wurde das Urteil gesprochen. Die öffentliche Hinrichtung fand am 22. Mai 1946 um 13 Uhr im Hof des Gefängnisses in Prag-Pankrác vor den Augen von 6300 Zuschauern statt. War überhaupt ein anderes Urteil möglich?
„Theoretisch ja, aber in der Realität kaum. Das Ausmaß der Verbrechen, die symbolische Rolle Franks und der Druck der Gesellschaft führten zu einem einzigen Ergebnis“, sagt Vojtěch Kyncl.
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