Luft über Tschechien wird immer sauberer

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Im vergangenen Jahr wurde in Tschechien die beste Luftqualität seit elf Jahren gemessen. Und dieser Trend scheint sich auch 2020 fortzusetzen. Einen bedeutenden Anteil daran hat der Austausch von Heizöfen in Privathaushalten, der vom Umweltministerium mitfinanziert wird. Inwieweit sich auch der Lockdown in der Corona-Krise positiv auf die Atmosphäre auswirkt, kann hingegen noch nicht eindeutig bestimmt werden.

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In Tschechien lässt es sich besser atmen. Das hiesige Hydrometeorologische Institut hat für das Jahr 2019 die geringste Luftverschmutzung seit elf Jahren verzeichnet. 15 Messstationen betreibt die wissenschaftliche Einrichtung landesweit. Einheitlich haben sie einen Rückgang von Schadstoffen in der Luft registriert, mit Ausnahme allerdings von troposphärischem Ozon, Benzol und Cadmium. Dominika Pospíšilová ist die stellvertretende Sprecherin des tschechischen Umweltministeriums:

„Für den guten Werte gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist das ein Rückgang der Emissionen, zum anderen herrschten im vergangenen Jahr günstige meteorologische Voraussetzungen und Streuungsbedingungen. Des Weiteren haben sich verschiedene Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität positiv ausgewirkt. Das ist an erster Stelle die Finanzierung neuer Heizkessel. Hinzu kommen modernere Autoflotten der Ämter und der Rückgang der Emissionen bei Industrieanlagen.“

Jáchym Brzezina  (Foto: Archiv von Jáchym Brzezina)

Die Wetterlage hat bisher auch für gute Luftwerte im laufenden Jahr gesorgt. Da die Schadstoffkonzentration im Winter aber für gewöhnlich steigt, kann noch kein abschließendes Urteil für 2020 gefällt werden. Bisher ist Jáchym Brzezina vom Hydrometeorologischen Institut aber zufrieden:

„In den ersten neun Monaten dieses Jahres haben wir eine sehr gute Luftqualität registriert. Sie liegt deutlich über dem Durchschnitt. Unsere Messstationen liegen gleichmäßig über die Republik verteilt. Alle verzeichneten die niedrigsten Werte an Feinstaub oder Stickoxiden der vergangenen fünf Jahre. Nur an einer Station wurden etwas höhere Werte gemessen.“

Für die geringere Konzentration von Stickoxiden könnte eine Abnahme des Autoverkehrs gesorgt haben. Doch dazu kam es nur kurzzeitig: im März und April nämlich, während des ersten Corona-Lockdowns. Den größten Anteil an der verbesserten Luftqualität im Frühjahr habe aber das Wetter, sagt Brzezina:

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„Zu Beginn des Jahres wurde zum Beispiel weniger geheizt, als es zu dieser Jahreszeit üblich ist. Im Februar lag die Durchschnittstemperatur um fünf Grad Celsius über dem Langzeitnormal. Das ist wirklich extrem. Im selben Monat gab es außerdem zwei Stürme, es regnete mehr als gewöhnlich. Niederschläge sorgen eben für die Säuberung der Luft von Schadstoffen. Eine Kombination all dieser Faktoren hat zur Verbesserung der Luftqualität geführt.“

Andererseits wurde im März dieses Jahres mehr geheizt. Als die Menschen wegen des Lockdowns zu Hause blieben, fielen gleichzeitig die Temperaturen. Die Messstationen im Land dokumentierten in dieser Phase einen kurzzeitigen Anstieg von Feinstaubpartikeln in der Luft. Falls jetzt ein strenger Winter bevorstehe, könnte dieser Wert laut Brzezina zum Jahresende wieder steigen.

Austausch alter Heizöfen

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Rauch aus den Schornsteinen von Wohnhäusern ist immer noch eine der wichtigsten Quellen für Schadstoffe in der Luft über Tschechien. Vor allem alte Kesselöfen, die mit Holz oder Kohle beheizt werden, produzieren Feinstaub und den krebserregenden Kohlenwasserstoff Benzo[a]pyren. Dessen Vorkommen in der Atmosphäre ist hierzulande auch rückläufig, weil das Umweltministerium seit 2015 die Modernisierung der Heizsysteme mitfinanziert, so Dominika Pospíšilová:

„Der Austausch alter Kohleöfen in Privathaushalten gegen Niedrigemissionsgeräte ist in der Bevölkerung auf großes Interesse gestoßen. Den Erfolg des Programms belegen die Daten über die Verbesserung der Luftqualität. In drei Wellen wurden bisher schon elf Milliarden Kronen (420 Millionen Euro, Anm. d. Red.) investiert und 71.000 neue Öfen finanziert.“

Es gilt die EU-Vorgabe, dass bis September 2022 alle alten Holz- und Kohleöfen der ersten und zweiten Emissionsklasse abgeschafft werden müssen. Vor zwei Wochen hat das Umweltministerium verkündet, das Finanzierungsprogramm auch 2021 fortzusetzen. Pospíšilová führt aus:

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„Erst kürzlich haben wir unsere weitere Strategie vorgestellt, nach der in den kommenden Monaten aus dem operativen Umweltprogramm zum Austausch von Heizöfen weitere 600 Millionen Kronen (22,8 Millionen Euro, Anm. d. Red.) eingesetzt werden. Sie werden den Kreisen auf Antrag zur Verfügung gestellt, wenn sie ihre Etatmittel aufgebraucht haben.“

Wenn im kommenden Jahr zudem ein neuer mehrjähriger Projektzeitraum der Europäischen Union anläuft, sollen daraus weitere neun Milliarden Kronen (342 Millionen Euro) genutzt werden, um mit der Modernisierung fortzufahren. Ziel ist es, in den nächsten Jahren weitere 100.000 Öfen in den Gemeinden und Städten auszutauschen. Die Finanzvergabe soll sich dabei vor allem auf Haushalte mit niedrigem Einkommen konzentrieren.

Radim Šrám  (Foto: Stanislava Kyselová,  Archiv der tschechischen Akademie der Wissenschaften,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0 CZ)

Der Abbau von Feinstaub und Benzo[a]pyren in der Atmosphäre ist lebenswichtig. Beide Stoffe können ernsthafte Erkrankungen hervorrufen, warnt Radim Šrám. Er ist Genetiker beim Institut für Experimentalmedizin an der Akademie der Wissenschaften:

„Folgen können sein, dass Kinder mit einem geringen Geburtsgewicht zur Welt kommen. Das ist eine Art funktionelle Störung, die sich später bei verschiedenen Krankheiten negativ auswirken kann. Aber das eigentlich Heimtückische daran ist, dass bei den Betroffenen ein höheres Risiko besteht, im mittleren Alter über 50 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder an Diabetes Typ 2 zu leiden.“

Regionale Unterschiede

Auch der aktuelle Bericht der Europäischen Umweltagentur EEA weist auf die anhaltende Gesundheitsgefährdung durch Luftverschmutzung hin. Auch wenn sich die Qualität der Luft verbessere, verursachen die in ihr enthaltenden Schadstoffe alljährlich Hunderttausende frühzeitige Tode, heißt es in dem Exposé. Es wertet die Daten des gesamten Kontinents für das Jahr 2018 aus. Tschechien kommt dabei nicht besonders gut weg. Es wird als eines von sechs Ländern aufgeführt, in denen die genehmigten Höchstwerte für Feinstaub überschritten wurden.

Luftgüte Messstation  (Foto: Dschwen,  Wikimedia Commons,  CC BY-SA 3.0)

Für 2019 aber lässt sich in der nationalen Statistik eine deutliche Verbesserung feststellen. Die Gebiete mit einem zu hohen Vorkommen an Feinstaub und Benzo[a]pyren machten 8,4 Prozent ganz Tschechiens aus. Dieser Wert betrug 2018 noch 12,7 Prozent. Der Anteil der betroffenen Bevölkerung fiel von 36,3 Prozent im Jahr 2018 auf 27,5 Prozent 2019. Dazu die Sprecherin Pospíšilová:

„In Tschechien sind die regionalen Unterschiede bei der Luftqualität groß. Seit langem sind die am meisten belasteten Regionen das Einzugsgebiet von Ostrau, Karviná und Frýdek-Místek. Dort wird die Luftverschmutzung nicht nur von tschechischer Seite verursacht, sondern auch von den Emissionen in Polen. Auf beiden Seiten der Grenze gibt es eine hohe Konzentration an industriellen Produktionsstätten, ein dichtes Aufkommen von Kohleöfen und ein ausgedehntes Verkehrsnetz.“

Von der polnischen Grenze aus befinden sich weitere belastete Gebiete in südwestlicher Richtung: in den Kreisen Olomouc / Olmütz und Zlín sowie um die Stadt Brno / Brünn herum. In Böhmen gehören die Kreise Mittelböhmen, Ústí nad Labem / Aussig und Karlovy Vary / Karlsbad dazu sowie erwartungsgemäß das Einzugsgebiet von Prag. Noch einmal Pospíšilová:

Foto: Martin Knitl,  Archiv des Tschechischen Rundfunks

„Eine schlechte Luftqualität ist nicht nur ein Problem in Gebieten mit dichter Besiedlung und Großstädten, in denen ein großes Verkehrsaufkommen herrscht. Es gibt sie auch in kleineren Siedlungsgebieten. Dort ist die höhere Konzentration von Feinstaub und Benzo[a]pyren auf das Heizen zurückzuführen.“

Die fiktive Karte schlechter Luft zeigt aber genauso, dass für die Schadstoffbelastungen auch große Industrieanlagen verantwortlich sind. Dazu macht Jindřich Petrlík von der Umweltorganisation Arnika nähere Angaben:

Jindřich Petrlík  (Foto: Věra Luptáková,  Archiv des Tschechischen Rundfunks)

„Gefährliche und gesundheitsschädliche Stoffe wie etwa Styrol oder Formaldehyd stammen aus Quellen, die mit der Herstellung von Plastik zusammenhängen. Dazu tragen aber auch eine ganze Reihe von Betrieben bei, die Produkte aus Laminat oder entsprechende Zwischenprodukte anfertigen.“

Die jeweiligen Firmen müssen ihre Emissionen im „Allgemeinen Register für Verschmutzungen“ melden, das vom Umweltministerium geführt wird. Nach der Analyse von Arnika weisen diese Daten – außer bei einigen wenigen Stoffen – für 2019 ebenfalls einen Rückgang auf. Für eine stabile Langzeitanalyse reichen die Angaben aber nicht aus.

Dominika Pospíšilová  (Foto: Archiv des tschechischen Umweltministeriums)

Ebenso ist bisher noch unklar, ob sich die Corona-Krise eindeutig positiv auf die Luftqualität auswirkt. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr waren in Prag immerhin etwa 20 Prozent weniger Autos auf den Straßen unterwegs. Für eine seriöse Analyse müssten aber noch weitere Faktoren berücksichtigt werden, betont Dominika Pospíšilová:

„Schon in diesem Frühjahr, während der ersten Corona-Welle sind Satellitenaufnahmen aufgetaucht – konkret bezüglich der Stickoxidkonzentration –, auf denen der Einfluss des Verkehrs beobachtet werden kann. Dort wurde für die Zeit der Quarantäne ein Rückgang verzeichnet, und das weltweit, für ganz Europa und für Tschechien. Dieser Rückgang kann für unser Gebiet aber nicht automatisch auf die Anti-Corona-Maßnahmen zurückgeführt werden.“

Dabei könnten vielmehr die schon erwähnten günstigen meteorologischen Bedingungen und der Frühlingsbeginn eine Rolle gespielt haben. Zu berücksichtigen sei die Kombination aller Faktoren, so Pospíšilová:

„Mit der realistischen Bewertung der Luftqualität im Jahr 2020, einschließlich der Auswirkungen der Quarantäne-Zeit, müssen wir bis zum nächsten Herbst warten. Ohne feste Daten können wir nur spekulieren.“