Magnesia Litera 2012: Hauptpreis an Michal Ajvaz

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Am Mittwochabend wurden im Prag zum elften Mal die Literaturpreise Magnesia Litera vergeben. Radio Prag stellt die besten literarischen Werke des vergangenen Jahres vor.

Herta Müller (Foto: ČTK)
Die Eröffnung der feierlichen Verleihung der Magnesia Litera-Preise wurde einem Ehrengast anvertraut – der deutschen Schriftstellerin rumänischer Herkunft und Nobelpreisträgerin Herta Müller. Für die Übertragung eben ihres Werkes ins Tschechische wurde im vergangenen Jahr der Übersetzungspreis an Radka Denemarková verliehen, und zwar für die tschechische Fassung des Romans „Atemschaukel“. Herta Müller hat während des feierlichen Abends verraten, welcher tschechische Literat sie persönlich am stärksten beeinflusst hat.

„Ich glaube, am meisten wahrscheinlich Bohumil Hrabal. Es gibt ja eine osteuropäische Welt und die besteht in Details – sie sind überall erkennbar und man kann nicht ganz einfach sagen, woraus sie besteht. Und auch die Art und Weise, wie Hrabal eben diese immer wieder beschreibt, das gezirkelte Chaos, das er beschreibt und den Humor. In der deutschen Minderheit, aus der ich komme, gab es gar keinen Humor. Bei den Rumänen gibt es einen sehr drastischen Humor, der rabiat ist. Bei den Tschechen gibt es einen leisen Humor, der zersplittert, und der seinen Gegenstand vielleicht nackt macht, aber ihn auch wärmt. Das hat mich immer sehr beeindruckt. Vielleicht ist das auch naiv, aber ich denke, wenn man in Prag ist, man sieht das auch in den Gesichtern, man sieht Bohumil Hrabal in den Gesichtern.“

Michal Ajvaz (Foto: ČTK)
Der Pariser Lehrer Paul gibt in einer Internetsuchmaschine ein falsches Wort ein und gerät dadurch in eine Welt der Phantasie. So beginnt die Novelle „Der Luxemburger Garten“ (Lucemburská zahrada), die mit dem Hauptpreis Magnesia Litera geehrt wurde. Ihr Autor ist der 62jährige Schriftsteller Michal Ajvaz:

„Das Buch erzählt davon, wie ein kleiner Fehler große Folgen haben kann. Der Held erlebt aufgrund dieser Kleinigkeit die besten und die schlimmsten Augenblicke seines Lebens.“

Das Schreiben von Michal Ajvaz wird auch vom Literaturkritiker Josef Chuchma hoch geschätzt. Ihm kam jedoch die Ehrung des Autors etwas zu spät:

Marek Šindelka (Foto: ČTK)
„Ich denke, Ajvaz hätte schon für seine früheren Bücher preisgekrönt werden müssen. Es scheint mir, dass Ajvaz sozusagen nachträglich mit dem Magnesia Litera geehrt werden sollte. Er hat bereits andere Literaturpreise bekommen und seine Werke werden in andere Sprachen übersetzt, zum Beispiel ins Französische. Er ist einer der wenigen tschechischen Gegenwartsautoren, die dank Übersetzungen in einem europäischen Kontext stehen.“

In Folge von komplizierten Wettbewerbsregeln wurde der Luxemburger Garten zwar mit dem Hauptpreis, nicht aber mit dem Preis für die beste Prosa bewertet. Dieser ging an den jungen Autor Marek Šindelka für seinen Erzählband Zůstaňte s námi – Bleibt mit uns. Der Autor über sein Werk:

Radek Fridrich (Foto: ČTK)
„Es ist ein Band von Texten, die sich mit der Einsamkeit in der heutigen Welt befassen. Das Buch erzählt vom Bedarf des Menschen, mit anderen Menschen zusammen zu sein, aber auch darüber, dass man ab und zu vor ihnen flüchten muss.“

Der Magnesia Litera für Poesie ging an Radek Fridrich, für seine Sammlung „Krooa, krooa“, die er der Landschaft und Geschichte Nordböhmens gewidmet hat. Als Entdeckung des Jahres gilt der junge Filmhistoriker Štěpán Hulík, und zwar aufgrund seiner Studie über die tschechoslowakischen Filme zu Beginn der Normalisierung. Sie erschien im Buchverlag Academia, der auch für die Ausgabe des Archipels Gulag von Alexander Solschenizyn ausgezeichnet wurde. Weiter wurden noch die besten Werke in den Kategorien Fachliteratur, Kinderliteratur sowie Übersetzungsarbeit gewürdigt. Magnesia Litera ist einer von vielen, aber wohl der populärste Literaturpreis in Tschechien. Verliehen wird er vom Verein Magnesia Litera. Die Bücher werden von Verlegern beziehungsweise von Juroren vorgeschlagen. Über die Bücher entscheiden mehrere Fachjurys in einzelnen Kategorien. 300 Persönlichkeiten, die mit dem Literaturbetrieb verbunden sind, entscheiden dann über den Hauptgewinner des Magnesia Litera und bestimmen das Buch des Jahres.